COVID-19

Spahns neue Strategie in der Coronavirus-Pandemie

Gesundheitsminister Spahn hat das Gesundheitssystem auf die Zeit nach der akuten Coronakrise eingeschworen. Ab Mai sollen die Kliniken zum Regelbetrieb zurückkehren können. Die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen läuft auf Hochtouren – Spahn kündigt dafür Finanzhilfen an.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 17.04.2020, 14:36 Uhr
Spahns neue Strategie in der Coronavirus-Pandemie

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (r.) kündigte finanzielle Begleitung für diejenigen an, die in Deutschland an Impfstoffen gegen COVID-19 forschen. RKI-Präsident Professor Lothar H. Wieler mahnte weiterhin zur maximalen Aufmerksamkeit.

© John Macdougall/AFP-Pool/dpa

Berlin. Der Bundesgesundheitsminister hat eine neue Phase in der Bewältigung der Coronavirus-Pandemie eingeläutet. Die neue Strategie sieht vor, lediglich bis zu einem Drittel der Intensivkapazitäten in den Krankenhäusern für an COVID-19 erkrankte Patienten vorzuhalten.

Er verstehe die Forderung der Krankenhausseite, den regulären Operationsbetrieb parallel wieder hochzufahren, sagte Jens Spahn (CDU). Die derzeit rund 10.000 freien Intensivbetten könnten nicht auf Dauer freigehalten werden.

Zudem sollen Tests auf das Coronavirus SARS-CoV-2 zunehmend auf Risikogruppen ausgerichtet werden. Als solche gelten zum Beispiel Bewohner von Altenpflegeheimen, Menschen mit Vorerkrankungen sowie Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte. Flächendeckende Tests ergäben dagegen keinen Sinn, sagte Spahn. Zehn Minuten danach könne ein gerade negativ getesteter Mensch sich bereits infiziert haben.

FFP2-Masken aus Deutschland

Gleichzeitig solle die Versorgung mit Schutzausrüstung auch aus heimischer Produktion anlaufen. Dafür habe das Gesundheitsministerium in dieser Woche an 50 Unternehmen Zuschläge erteilt. Ab August sollen so in Deutschland zehn Millionen FFP2-Masken in der Woche hergestellt werden können.

„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagte Spahn. Der Minister betonte ausdrücklich die Rolle der Haus- und Fachärzte bei der Bekämpfung des Virus und der von ihm ausgelösten Krankheiten.

Sechs von sieben Infizierten würden im „engmaschigen Netz“ der Vertragsärzte behandelt. Das Zusammenspiel der niedergelassenen Ärzte und der stationären Versorgung erweise sich als großer Vorteil des Systems.

Nach wie vor „bedenkliche regionale Unterschiede“

Trotz der vorsichtigen Öffnung der Alltagsbeschränkungen Richtung Normalität rät Professor Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), weiterhin zu maximaler Aufmerksamkeit. Von den 1,73 Millionen Menschen, die bislang getestet worden seien, hätten neun Prozent eine positive Diagnose erhalten. Die Strategie der Eindämmung sollte daher noch auf Monate hinaus aufrecht erhalten bleiben.

Die Reproduktionsrate liege derzeit durchschnittlich bei 0,7, sagte Wieler. Das heißt, jeder Infizierte stecke weniger als einen nicht Infizierten an. Hinter dem Durchschnittswert ständen aber nach wie vor bedenkliche regionale Unterschiede.

Maßnahmen wie zum Beispiel das Vorhalten von Intensivbetten müssten unter Umständen regional nachjustiert werden. Dabei helfe das seit dieser Woche für alle Krankenhäuser verpflichtende Intensivbetten-Register der Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI).

Studien sind angelaufen

Gleichzeitig läuft die Suche nach Therapien zur Behandlung von COVID-19-Patienten auf Hochtouren. In drei Monaten rechne er mit ersten Ergebnissen, was den Nutzen von Remdesivir angehe, eines gegen Ebola entwickelten Therapeutikums, berichtete Professor Karl Broich, Präsident des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dies werde derzeit in drei Krankenhäusern in Deutschland erprobt.

Das BfArM sei an der europäischen Zulassung federführend beteiligt. Für schwerst erkrankte Patienten kann Remdesivir bereits eingesetzt werden, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Es stünden allerdings nur kleine Mengen zur Verfügung. Deutschland, Frankreich und der Hersteller Gilead arbeiteten am Aufbau von Produktionskapazitäten. In drei Kliniken in Deutschland laufen zudem klinische Studien mit dem zur Behandlung und Prophylaxe von Malaria eingesetzten Wirkstoff Chloroquin, in einer mit rekombinantem ACE 2.

Broich betonte, dass das Tempo der Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen nicht auf Kosten der üblichen hohen Standards gehe. Die beschleunigte Entwicklung lasse sich durch den Einsatz von mehr Personal erreichen.

Impfstoffe aus Deutschland

50 bis 60 Impfstoffprojekte seien derzeit weltweit in der Pipeline, sagte Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Bislang seien vier Stoffe in klinischen Prüfungen. „Wir träumen nicht davon, wir arbeiten daran, dass das Wirklichkeit wird“, sagte Cichutek.

Auch in Deutschland sei in Kürze mit klinischen Prüfungen zu rechnen. Die erstreckten sich auf zwei RNA- und zwei Vektorimpfstoffe. Das PEI habe zudem klinische Studien mit Plasma von Genesenen (Rekonvaleszentenplasma) empfohlen. Eine Studie liege zur Genehmigung vor.

„Deutsche Unternehmen sind ganz vorne am Ball“, sagte Cichutek. Um ausreichend Schutz zu schaffen, brauche man mehrere Sorten von Impfstoffen mehrerer Hersteller. Er hoffe darauf, dass sich der Bund an den Kosten der Entwicklungen beteiligen werde.

Der Bundesgesundheitsminister kündigte Abnahmegarantien und eine „finanzielle Begleitung“ an. Die sollen diejenigen, die in Deutschland an den Impfstoffen forschen, in die Lage versetzen, bereits parallel Produktionskapazitäten aufzubauen. Spahn betonte, dass dann auch für das Ausland Impfstoffe hergestellt werden sollen.

Grüne und Linke kritisieren Spahn

Für seine Zwischenbilanz muss Spahn Kritik aus der Opposition einstecken. Als „absolut unverantwortlich“ bezeichnete die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, Spahns Äußerung, die Krise sei „bereits beherrschbar“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe erst kürzlich die Fragilität der Situation betont, sagte Göring-Eckardt.

Statt Verharmlosung bedürfe es Vorbereitung, sagte die Grünen-Politikerin. Es sei immer schwerer nachvollziehbar, warum es weitere Wochen dauern solle, bis es eine Tracking-App zur Nachverfolgung der Kontakte von mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen gebe oder die späten Bemühungen um Schutzmaterial Wirkung zeigten.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion der Linken, Achim Kessler, sprach von „Schönfärberei“. Er spielte darauf an, dass Spahn in seiner Zwischenbilanz gesagt hatte, das Gesundheitssystem sei zu keiner Zeit überfordert gewesen.

Das Versprechen des Ministers, ab Mai zu einer neuen Normalität in den Kliniken zurückzukehren, dürfe nicht durch permanente Überlastung und Gefährdung des Personals, auf Kosten der Patienten und einer Verschärfung der finanziellen Schieflage der Kliniken eingelöst werden, sagte Kessler.

Angesichts der bisherigen Erfolge bei der Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus und der aktuell freien Behandlungskapazitäten in den Kliniken sollte es Krankenhäusern ermöglicht werden, ihren Regelbetrieb schrittweise wiederaufzunehmen, sagte indes die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Claudia Schmidtke. „So müssen Patientinnen und Patienten nicht länger auf ihre Behandlung warten, als unbedingt nötig. Die Rückkehr zum Normalbetrieb sollte allerdings gut vorbereitet und darf nicht überstürzt werden.“

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Kommentare
Dr. Werner Rudlof

Also inkompetenter geht es nicht : flächendeckende Tests machen keinen Sinn,weil ein negativ getesteter im
Anschluß daran sich anstecken kann?! Wofür machen Sie dann überhaupt Tests ? Belassen sie es doch bei Herden-
Immunität oder sagen Sie was Sache ist ! Um Masken zu liefern,damit jeder achte Bewohner eine kaufen kann, brauchen
Sie bis August?! Und Testmaterial haben Sie nicht in ausreichender Menge,um eine zielgerichtete Strategie zu fahren
und versuchendes dies mit fadenscheinigen Argumenten zu konterkarieren.Also nur traurig ...


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