Unterschätzte Droge

"Wir sind ein alkoholgetränktes Land"

Alkohol ist billig und überall verfügbar - und die Gefahren werden oft verharmlost, warnen Experten. Sie sehen auch Ärzte in der Pflicht.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Anders als Rauchen oder der Konsum harter, gar illegaler Drogen ist der Genuss von Alkohol gesellschaftlich weit akzeptiert.

Anders als Rauchen oder der Konsum harter, gar illegaler Drogen ist der Genuss von Alkohol gesellschaftlich weit akzeptiert.

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NEU-ISENBURG. Raucher müssen sich heutzutage in vielen Situationen rechtfertigen, denn Nichtrauchen gehört inzwischen zum guten Ton. Geht es um den Konsum von Alkohol, sieht die Sache anders aus. Wer ein Glas Wein oder Bier ablehnt, muss sich häufig geradezu rechtfertigen.

Kein Problem, wenn jemand schwanger ist oder das Auto dabei hat. Wer aber einfach nur sagt "Alkohol ist mir zu gefährlich", dem ist die Verwunderung sicher. Schnell liegt die Vermutung nahe: Das ist wohl ein trockener Alkoholiker.

Dabei hätte der Abstinenzler zweifelsohne Recht. "Regelmäßiger Alkoholkonsum birgt deutlich mehr Gesundheitsrisiken als gemeinhin angenommen, ganz unabhängig davon, ob er in einem missbräuchlichen Konsum endet oder nicht", sagt der Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo) Rudolf Henke.

Schäden an Leber, Gehirn und Magen

Wissenschaftliche Studien widerlegten die Annahme, dass körperliche Folgeschäden nur bei Alkoholabhängigkeit zu erwarten seien. "Zu hoher Alkoholkonsum schadet vor allem der Leber und dem Gehirn und ist zudem häufiger Grund für Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sowie der Magenschleimhaut", betont der Internist.

Auch das Risiko für Herzmuskelerkrankungen und Bluthochdruck erhöht sich durch Alkoholkonsum, Potenz und sexuelle Erlebnisfähigkeit werden beeinträchtigt.

"Langfristiger Alkoholmissbrauch kann auch Krebserkrankungen auslösen, zum Beispiel in Leber, Mundhöhle, Rachenraum und Speiseröhre, Enddarm und weiblicher Brustdrüse", warnt Henke. Hinzu kämen die Veränderungen der Persönlichkeit bis hin zu einem höheren Suizidrisiko.

Wein- und Bierlobby ist sehr aktiv

Für ÄKNo-Chef Henke sind alkoholbedingte Erkrankungen eines der gravierendsten Gesundheitsprobleme in Deutschland. Ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen ist das bislang aber kaum.

Klar: Jeder weiß wahrscheinlich, dass Trinken nicht gesund ist, auch wenn "Studien" im Auftrag der Wein- und Bierlobby immer mal wieder das Gegenteil glauben machen wollen. Aber als ernst zu nehmende Gefahr gilt Alkohol den wenigsten.

Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Dr. Raphael Gaßmann, findet drastische Worte für die Situation. "Wir sind ein alkoholverliebtes, alkoholgetränktes Land." Belege kann er viele nennen. Dazu gehören die im internationalen Vergleich niedrigen Preise für hochprozentigen Alkohol.

"Sie können sich in Deutschland sehr taschengeld-kompatibel ins Koma trinken", betont Gaßmann. Hierzulande gebe es nach wie vor Werbung für Alkohol, an Tankstellen sei er rund um die Uhr verfügbar.

Gaßmann verweist darauf, dass Testkäufe immer wieder bedeutsame Verstöße gegen den Jugendschutz zutage bringen, ohne dass es einen öffentlichen Aufschrei gibt.

"In Deutschland erleben wir wenig an Alkohol-Prävention", beklagt der DHS-Experte. Um das zu ändern, können Ärzte eine Schlüsselposition einnehmen. Sie haben im Gespräch mit Patienten nicht nur die Möglichkeit, Alkoholmissbrauch zu erkennen, sondern sie können vor allem über die mit regelmäßigem Alkoholkonsum verbundenen Gefahren aufklären.

Die aktuelle Empfehlung ist dabei: Gesunde Männer sollten täglich maximal 24 Gramm (entspricht etwa 0,5 Liter Bier) und gesunde Frauen maximal 12 Gramm Alkohol (entspricht etwa 0,25 Liter Bier) trinken. Zudem sollten mindestens zwei Tage in der Woche komplett frei von Alkohol sein.

Abstinenz wäre lebensfremd

Zum Glück erwarten die Experten von den Ärzten nicht, dass sie ihren Patienten raten, völlig abstinent zu leben. Das wäre lebensfremd und könnte manchen Patienten in eine Abwehrhaltung treiben. Nicht immer wäre ein solcher Rat auch glaubwürdig.

Denn viele Ärzte trinken selbst gern ein Glas Bier oder Wein. Es ist sicher kein Zufall, dass die Mediziner seltener das Gespräch über das Trinken als über das Rauchen suchen. "Man hat vielleicht größere Hemmungen, wenn man den Patienten am nächsten Tag beim Schützenfest trifft", sagt Henke.

Ärzte helfen ihren Patienten, wenn sie über die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Risiken verständlich informieren und sich als Ansprechpartner anbieten. Initiativen wie die der ÄKNo, die den Ärzten Fortbildungen und Materialien für die Praxis anbietet, sind dabei eine gute Unterstützung.

Fundierte Aufklärung über die mit Alkohol verbundenen Gefahren ist richtig. Es macht aber wenig Sinn, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie sich ein Gläschen schmecken lassen. Die Abwägung zwischen dem gesundheitlichen Risiko und anderen Faktoren wie Genuss und Lebensqualität muss weiterhin jedem selbst überlassen bleiben.

Das gilt zumindest solange, wie durch den Alkoholkonsum nicht Dritte geschädigt werden - etwa in der Schwangerschaft, im Straßenverkehr oder beim Umgang mit gefährlichen Maschinen.

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