E-Health

Läuft die Digitalisierung an den Patienten im Alltag vorbei?

Die Einführung digitaler Technologien in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient verläuft in Deutschland „ausgesprochen schleppend.“ Diese Ansicht vertritt zumindest der Vorsitzende der Initiative Gesundheitswirtschaft, Professor Jörg Debatin.

Von Thorsten SchüllerThorsten Schüller Veröffentlicht:
Digitale Medien werden noch nicht flächendeckend in der Patienten-Kommunikation eingesetzt.

Digitale Medien werden noch nicht flächendeckend in der Patienten-Kommunikation eingesetzt.

© Andy Dean / Fotolia

MÜNCHEN. Deutschland hat sich der umfassenden Digitalisierung sämtlicher Branchen verschrieben. So soll die Bundesrepublik zukunftsfest gemacht werden, auch mit Blick auf die medizinische Versorgung vor dem Hintergrund der mit dem Demografiewandel kommenden Herausforderungen – vor allem für ländliche Regionen mit einem Ärztemangel einhergehend. Wie steht es dabei – abgesehen von der technischen Aufrüstung – mit dem menschlichen Aspekt der Arzt-Patienten-Kommunikation?

„Die digitale Kommunikation im medizinischen Bereich kommt hierzulande nur langsam voran.“ Zu diesem Ergebnis kommt Professor Jörg Debatin, Vorsitzender der Initiative Gesundheitswirtschaft (IGW), in einem Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“. Nach Einschätzung des Gesundheitsexperten liegt die Ursache für den schleppenden Fortgang unter anderem darin, dass die entsprechenden Plattformen für die Anwendung dieser Technologien bislang fehlten.

Gleiches gelte für den regulatorischen Rahmen. Hier müsse der Staat aktiv werden und definieren, wie die Arzt-Patienten-Kommunikation im Detail aussehen soll, welche Datenformate und Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen sind und welche Plattformen zum Einsatz kommen sollen. Auch die Frage, wie die Ärzte für digitale Kommunikation bezahlt werden, sei noch nicht geklärt.

„All das fehlt noch, das muss nachgeholt werden“, so der Wissenschaftler. „Bei diesem Thema fahren wir nicht in der Lokomotive, sondern wir sind irgendwo im hinteren Drittel des Zuges.“ Allerdings habe er den Eindruck, dass das Bundesgesundheitsministerium dieses Problem mittlerweile erkannt habe. Eine ganze Reihe von Aktivitäten sei in den letzten Monaten auf den Weg gebracht worden.

Insellösungen keine Option

Debatin verweist in diesem Zusammenhang auf andere Länder, die im Bereich der digitalen medizinischen Kommunikation deutlich weiter seien, so in Skandinavien. „Beispiele, wie man es machen kann, gibt es eine ganze Menge“, sagt Debatin.

Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass es im deutschen Gesundheitswesen Besonderheiten wie die freie Arztwahl gebe. Digitale Plattformen müssten hierzulande daher deutlich breiter angelegt werden als jene Insellösungen, die es in vielen anderen Gesundheitssystemen gebe.

Die Digitalisierung bietet nach seiner Ansicht auch die Möglichkeit, das Gesundheitssystem deutlich effektiver zu machen. Würde beispielsweise die Medikamentenverteilung in Krankenhäusern automatisiert, würde das nicht nur die Fehlerquote senken, sondern den Pflegekräften auch mehr Zeit verschaffen, die sie mit den Patienten verbringen können.

Debatin verweist auch auf das Beispiel des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, welches unter seiner Ägide als Ärztlicher Direktor im Jahr 2009 auf den papierlosen Betrieb umgestellt worden sei. Das habe nicht nur zu einer Steigerung der medizinischen Qualität geführt, sondern auch zu „enormen Wirtschaftlichkeitssteigerungen“.

Auch für die Zukunft sieht der Gesundheitsexperte viele Möglichkeiten der Effizienzsteigerung durch digitale Technologien und Automatisierung. So sehe er als gelernter Radiologe, dass es bereits heute selbstlernende Software-Programme gibt, die das genauso gut könnten.

So könnten in Zukunft zum Beispiel durch die Digitalisierung und das algorithmengestützte Korrelieren der radiologischen, endoskopischen sowie pathohistologischen Muster Operateure bei der Diagnostik und Eingriffsplanung gezielt unterstützt werden.

Maschinen geben künftig Diagnosen

Debatin gibt sich auch überzeugt, dass es in 15 bis 20 Jahren keinen Pathologen mehr geben wird, der durch das Mikroskop Zellen betrachtet und darauf basierend eine Diagnose erstellt. Debatin: „Das werden Maschinen tun. Die werden das viel genauer, sicherer und vor allem viel günstiger machen.“ Letztlich gehe es darum, „mehr Gesundheit mit weniger Ressourcen“ zu erreichen.

Die Initiative Gesundheitswirtschaft setzt sich für mehr Wettbewerb und Effizienz in der Gesundheitsbranche ein. Zu ihren Mitgliedern zählen neben Unternehmen, Kliniken und Krankenkassen auch zahlreiche Gesundheitsexperten.

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