Digitalisierungsreport

So stehen Ärzte zu E-Health

E-Health hält verstärkt Einzug in Praxen und Krankenhäuser. Wie stehen die Ärzte dazu? Der konkrete Nutzwert macht den Unterschied, zeigt eine Umfrage von DAK und „Ärzte Zeitung“.

Von Daniel Burghardt Veröffentlicht: 29.01.2019, 12:36 Uhr
So stehen Ärzte zu E-Health

Digitalisierung in der Medizin. Im Vergleich zum ersten Digitalisierungsreport 2018 sind einige digitale Anwendungen im Gesundheitswesen bekannter geworden.

© guirong hao / Getty Images / iStock

Digitalisierungsreport von DAK und „Ärzte Zeitung“

Der Digitalisierungsreport basiert auf einer anonymen Online-Befragung unter Ärzten über Portale und Newsletter.

Zeitraum: September bis November 2018

Teilnehmer: 2313 Ärztinnen und Ärzte, davon haben 945 die Befragung komplett ausgefüllt.

Initiatoren: DAK-Gesundheit und Springer Medizin/„Ärzte Zeitung“, Umsetzung: EPatient RSD GmbH

Partner bei der Umfrage: Hartmannbund, Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, Berufsverband Deutscher Internisten, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und Monks Ärzte im Netz

Der Digitalisierungsreport 2019 ist in einem Buch beim medhochzwei Verlag in Heidelberg in der Reihe „Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (Bd. 27) erschienen.

BERLIN. Ärzte sehen die Digitalisierung des Gesundheitswesens grundsätzlich positiv, sie stellen aber klare Ansprüche an deren Nutzen: E-Health-Anwendungen müssten Diagnosen erleichtern, Praxisabläufe optimieren oder einen wirtschaftlichen Vorteil bieten.

Dies geht aus dem zweiten Digitalisierungsreport von DAK-Gesundheit und „Ärzte Zeitung“ unter Beteiligung weiterer Partner aus dem Gesundheitswesen hervor (erster Digitalisierungsreport: 2018).

So könnten sich 62 Prozent der Befragten mit einem Szenario anfreunden, über die Bereitschaftsdienstnummer 116117 Patienten per Telefon, per Chat oder per Videokonferenz eine erste Beratung zu vermitteln und sie dann an die richtige Versorgungsebene weiterzuleiten – um auf diesem Weg überfüllte Notaufnahmen zu vermeiden.

Auch den digitalen Check von Wechselwirkungen zwischen Medikamenten mithilfe einer elektronischen Gesundheitsakte (eGA) bewerteten fast drei Viertel der Befragten (71 Prozent) positiv.

eGA verstärkt im Fokus

Letzteres kam auch nach dem „Praxisbarometer Digitalisierung“ der KBV bei einem Großteil der Ärzte gut an.

Demzufolge sahen 63 Prozent der in 1764 Praxen Befragten in einem E-Medikationsplan einen sehr oder eher hohen Nutzen. Zudem rechneten knapp die Hälfte der damals befragten Ärzte und Psychotherapeuten mit Vorteilen durch eine einrichtungsübergreifende eGA.

Die eGA stand beim nun vorliegenden DAK-Digitalisierungsreport 2019 verstärkt im Fokus. So stieg die Bekanntheit der eGA unter den Ärzten auf 74 Prozent – ein Zuwachs um 22 Prozentpunkte im Vergleich zum Digitalisierungsreport 2018. Konkret mit einer eGA zu tun gehabt hatten jedoch nur neun Prozent der Befragten (2018: acht Prozent).

Auch andere digitale Versorgungslösungen sind weiterhin kaum im Versorgungsalltag angekommen: So haben erst neun Prozent der Befragten mit der Videosprechstunde konkret zu tun gehabt.

Mit automatisierten Chat-Bots (wie Ada Health; eine App, die eine Anamnese oder Diagnose per Künstlicher Intelligenz ermöglichen soll) kamen nur sechs Prozent der Befragten in direkten Kontakt. Etwas weiter verbreitet ist das Telekonsil (16 Prozent).

Die meisten Erfahrungen machten Ärzte mit Online-Terminvereinbarungen: Fast die Hälfte der Ärzte (45 Prozent) hat damit schon konkret zu tun gehabt, etwas mehr haben davon gehört (54 Prozent). Gänzlich unbekannt ist diese Anwendung also nur einem von 100 Ärzten (siehe nachfolgende Grafik).

Hier werde deutlich, dass digitale Lösungen erfolgreicher seien, je höher der Mehrwert für beteiligte Akteure sei, heißt es dazu im Report.

Wenig überraschend sehen mehr jüngere als ältere Ärzte generell einen Nutzen in digitalen Lösungen: Bei Ärzten mit bis zwei Jahren Berufspraxis nehmen mehr als die Hälfte (55 Prozent) einen Nutzen bei den Anwendungen wahr, bei Ärzten mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung sind es dagegen nur 25 Prozent.

In puncto ökonomischem Vorteil/Zeitersparnis fällt der Unterschied noch höher aus: Fast die Hälfte der jüngeren Ärzte sehen hierin ein Plus (47 Prozent) für digitale Anwendungen, aber nur acht Prozent der Ärzte mit mehr als 20 Jahren Berufspraxis (siehe nachfolgende Grafik).

Eine Ursache sieht der Bericht darin, dass viele Projekte an (Uni-)Kliniken erprobt würden und jüngere Ärzte eher als ältere damit in Kontakt kämen.

Auch die generelle Bewertung der Szenarien wie Notfalldienst, Medikationscheck oder Zugriff auf Daten in der E-Akte fällt bei den Altersgruppen unterschiedlich aus: Diese finden gut drei Viertel der Ärzte mit bis zwei Jahren Praxis positiv (74 Prozent), bei Ärzten mit über zwanzig Jahren sind dies 39 Prozent.

Indessen wird insgesamt betrachtet die Verfügbarkeit von Befunddaten in E-Akten eher positiv gewertet. Jeder zweite Mediziner (52 Prozent) sieht darin einen Vorteil, ähnlich fällt die Einschätzung aus, dies könne die Behandlungsqualität steigern (51 Prozent).

Gut ein Drittel (36 Prozent) verspricht sich eine Zeitersparnis, 28 Prozent einen Kostenvorteil, demgegenüber sehen 29 Prozent einen unnötigen Zeitaufwand (siehe nachfolgende Grafik).

Doch was konkret wünschen sich Ärzte von E-Akten? Bei dieser offenen Frage wurden Befunde, Diagnosen oder Laborwerte am häufigsten genannt (25 Prozent), gefolgt von Medikationsplan (21 Prozent), einfacher Bedienung (17 Prozent), Allergien (acht Prozent) und Datensicherheit mit sieben Prozent (siehe nachfolgende Grafik).

Letztere wurde kürzlich intensiv diskutiert, nachdem Datenlecks das Thema ins öffentliche Bewusstsein rückten.

Bessere Compliance

Über die eGA können Patienten auf ihre Behandlungsdaten zugreifen und kommen informierter in die Praxis. Nicht alle Ärzte finden das gut: 29 Prozent der Befragten bewerten die dadurch veränderte Patientenbeziehung positiv, ein Viertel stehen negativ dazu.

Auch die Bewertung von Patientenapps differiert, zumindest hinsichtlich der Therapietreue (Compliance). Knapp jeder Dritte sieht hier einen klaren Nutzen (31 Prozent), während vier von zehn Befragten (44 Prozent) diesen nur vielleicht erkennen (ein Viertel sieht gar keinen Nutzen).

Ein weiteres Thema der Befragung war die Übernahme digitaler Versorgungslösungen in die Regelversorgung, die noch nicht final reguliert ist. Laut Digitalisierungsreport erwartet die Mehrheit der Ärzte eine Evaluation wie bei Medikamenten (63 Prozent).

22 Prozent halten das für unrealistisch und befürworten schlankere Methoden. Apps auch ohne direkten Nutzennachweis anwenden würden 15 Prozent, wenn sie vom Nutzen überzeugt wären.

Fachgesellschaften sollten Apps entwickeln

Auch wer Apps für die Versorgung empfehlen soll, etwa über leitlinienähnliche Listen, wird diskutiert. Die Mehrheit der Ärzte hält hierfür Medizinische Fachgesellschaften für am besten geeignet (70 Prozent), gefolgt von der Selbstverwaltung wie Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (38 Prozent) und Institutionen wie dem Gemeinsamen Bewertungsausschuss (33 Prozent).

Lediglich 13 Prozent sehen Ministerien oder Behörden wie das Bundesgesundheitsministerium oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte am Zug.

Wie finden Sie das, wenn Patienten Befunddaten für Gesundheitsakten einfordern?

Teilnehmer am Digitalisierungsreport konnten auf mehrere Fragen auch im Freitext antworten. Wir veröffentlichen eine Auswahl der Stellungnahmen zu einer Frage: Wie finden Sie das, wenn Patienten demnächst verstärkt ihre Befunddaten für ihre Gesundheitsakten einfordern?

Antworten:

»Ich würde das unterstützen, aber bei dem derzeitigen Arbeitspensum ist eine zusätzliche Belastung nur schwer stemmbar.

»Das Recht, seine Akte einzusehen, hat der Patient bereits. Oft sind nicht-digitalisierte Akten schwer zu lesen. Ein Online-Zugang kann das Arzt-Patienten-Verhältnis stärken oder schwächen. Da der Patient vieles nichtunbedingt versteht, führt dies wahrscheinlich zu mehr Misstrauen und Missverständnissen.

»Ich halte die Datensicherheit für fraglich und fürchte die Abhängigkeit von der Funktionstüchtigkeit digitaler Anwendungen. Nahezu 40 Jahre Erfahrung zeigen obendrein, dass digitale Methoden stets enorm viel Zeit und Nerven rauben.

»Eine besorgniserregende Entwicklung! Der unmittelbare Kontakt mit Interaktion fehlt. Die Menschlichkeit im Umgang miteinander wird abnehmen. (...) Aber das wird wohl nicht aufzuhalten sein.

»Unsere Patienten bekommen mit jedem Besuch ihre Befunde ausgehändigt. Damit habe ich kein Problem.

»Zunächst vermehrter Zeitaufwand, später gegebenenfalls Erleichterung.

»Grundsätzlich halte ich das Führen einer Online-Akte für sehr sinnvoll, dieses benutzen wir ja ohnehin auch schon mit moderner Praxissoftware. Für Patienten ist es sicher hilfreich und dient auch mir als umfassende Informationsquelle, die Befunde übersichtlich und rasch verfügbar zu haben.

»Mehraufwand in den Praxen wäre nicht darstellbar.

»Eine Geldverdien-Maschinerie, leider nur für den Informatiker, wir Ärzte haben nur zusätzliche Arbeit.

»Wenn die elektronische Akte einmal da ist, sollte es weniger Arbeit werden, weil man Befunde nicht mehr in Krankenhäusern in ganz Deutschland anfordern muss. Ähnlich wie es mit dem Bundeseinheitlichen Medikationsplan sein sollte.

»Dem werde ich nur gegen eine Vergütung nachkommen. Von den Krankenkassen zur Verfügung gestellte Akten lehne ich persönlich ab und würde meine Zweifel auch Patienten gegenüber äußern.

»E-Akten sollten von Hausärzten geführt werden, nicht vom Patienten. Und jeder Kollege sollte Zugriff haben, wenn nötig, auch die Klinik.

»Die Angst der Ärzte ist es, dass die übermittelten Daten später gegen sie verwendet werden, um Sparmaßnahmen durchzudrücken. (Zusammenstellung: ger)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 29.01.2019 um 13:12 Uhr.

Lesen Sie dazu auch: Digitalisierungsreport: Digitalisierung muss für Ärzte nutzwertig sein Kommentar zu E-Health: Ärzte in der Warteschleife

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