Ärzte Zeitung, 17.02.2011
 

Hintergrund

Cellulite: Viele Therapie-Optionen, aber wenig Evidenz

Gegen Cellulite gibt es diverse Ansätze. Sie reichen von transdermal fokussiertem Ultraschall über die laserassistierte Lipolyse bis hin zur recht neuen Kryolipolyse. Evidenzbasierte Therapieempfehlungen sind jedoch rar.

Von Thomas Meißner

Zellulitis - an Therapie-Optionen mangelt es nicht, aber an evidenzbasierten Empfehlungen

Patientin mit Zellulitis der Glutealregion Grad 2 vor (links) und drei Tage nach Laserlipolyse.

© Proebstle, Unihautklinik Mainz / Springer Medizin

Fast jede Frau bekommt im Laufe ihres Lebens Cellulite. Man kann sich darüber streiten, ob Unebenheiten des Oberflächenreliefs der Haut Krankheitswert besitzen. Unstrittig ist: Sehr viele Frauen fühlen sich im körperlichen und seelischen Wohlbefinden gestört. Die Liste der Therapie-Optionen ist lang.

Wenn zur Beseitigung einer gesundheitlichen Störung eine so große Vielfalt an Therapie-Alternativen zur Verfügung stehe, seien die Erfolgsaussichten wohl eher begrenzt, sagt Privatdozent Thomas M. Proebstle, der in Mannheim eine Privatklinik betreibt.

Das muss nicht heißen, dass man gar nicht helfen kann, so Proebstle, der die angebotenen Verfahren in einem Beitrag für "Der Hautarzt" (Der Hautarzt 2010; 61: 864) Revue passieren lässt und sie anhand der dazu vorhandenen Literatur sowie eigener Erfahrungen bewertet.

Auf der Grundlage bisher bekannter Fakten zur Ätiologie der Cellulite lassen sich laut Proebstle drei Therapieziele definieren:

• Die subkutane Fettschichtstärke muss verringert und die Bindegewebsneubildung angeregt werden.

• Die dermale Schichtdicke soll gestärkt und die Elastizität des überdehnten Bindegewebes verbessert werden.

• Hypertrophe fibrotische Stränge gelten als Ursache sehr tiefer Dellen, sie müssen durchtrennt werden.

Die Beratung zur Cellulite beginnt zunächst ganz trivial mit dem Thema Gewichtsreduktion. Besonders bei Frauen mit hohem BMI und anschließend ausgeprägter Gewichtsreduktion ließen sich teilweise deutliche Verbesserungen an den Oberschenkeln nachweisen, so der Dermatologe.

Zellulitis, Orangenhaut, gynoide Dystrophie

Zellulitis ist wohl die direkte Folge geschlechtsspezifischer hormoneller Regelkreise. Die Adipozytenproliferation wird östradiolabhängig stimuliert. Dies würde auch erklären, warum Männer allenfalls bei Verschiebungen der Sexualhormon-Balance Zeichen einer Zellulitis aufweisen, etwa beim Klinefelter-Syndrom oder bei Hypogonadismus.
Die Zellulitis ist offenbar auf die Regionen beschränkt, die bei Frauen besonders viel subkutanes Fettgewebe entwickeln. Zudem sind im Unterschied zu Männern die Bindegewebssepten meist zueinander parallel und senkrecht zur Hautoberfläche konfiguriert, und sie weisen unregelmäßige Fettprotrusionen weit in die Dermis hinein auf.

Verschlechterungen gebe es aber ebenfalls manchmal. Die vielfach propagierte Liposuktion hält Proebstle nicht für primär geeignet. Einmal wegen der bekannten Risiken des Eingriffs und zweitens, weil neue Hautunregelmäßigkeiten entstehen könnten.

Mit transdermal fokussiertem Ultraschall dagegen lasse sich über die erzeugte Hitzeenergie die subkutane Fettschichtdicke reduzieren und zugleich die Hautoberfläche straffen.

Eine weitere Methode ist die laserassistierte Lipolyse. Simultan werden damit Fettzellen zerstört und Bindegewebe werde gestrafft. Mit auf Nd:YAG-Lasern basierenden Systemen können zusätzlich bindegewebige Septen durchtrennt werden.

Betroffene Frauen weisen mehr vertikal orientierte Bindegewebssepten auf als Frauen ohne Cellulite, dies ist mit eine wesentliche Ursache des "Matratzenphänomens".

Weitere Optionen sind Massagegeräte, die zugleich per Radiofrequenzstrom oder Infrarotlicht Hitze und mechanische Effekte erzeugen und so die gewünschten Wirkungen erzielen.

Topische Substanzen haben bei Cellulite eher enttäuscht, und zwar sowohl katecholaminhaltige Präparate als auch pflanzliche Produkte. Eine Ausnahme ist 0,3-prozentiges Retinol. In einer Studie über sechs Monate täglich angewandt war eine gesteigerte Kollagensynthese nachweisbar, die Hautbefunde bei Zellulitis besserten sich deutlich.

Eher neu ist die Kryolipolyse. Dabei macht man sich zunutze, dass Fettsäuren bereits oberhalb des Gefrierpunktes kristallisieren. Sie bilden bei niedrigen Temperaturen nadelartige Kristallstrukturen und zerstören damit die Zellmembran der Adipozyten.

Proebstle hält diese Methode für vielversprechend. Bisher sei aber unklar, inwiefern sich die Cellulite wirklich bessert. Soforteffekte wie bei Hitze freisetzenden Verfahren fehlen.

Insgesamt sind evidenzbasierte Therapieempfehlungen rar, kritisiert Proebstle. In Publikationen würden oft nur Fallserien ohne Kontrollen beschrieben.

Details zur zeitlichen Entwicklung der Cellulite sind ebenso unbekannt wie Erkenntnisse über die Wirkdauer spezifischer Therapiemethoden und deren Nachhaltigkeit.

Hören Sie dazu auch:

Ina Müller: Lieber Orangenhaut (bei einem Konzert in Hamburg)

© Norddeutschlands / YouTube

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