Hauptstadtkongress eröffnet

Die Lehren aus der Corona-Pandemie

Deutschland und die EU sind gut für die nächsten Jahre mit dem Coronavirus vorbereitet, heißt es bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses mit prominenten Politikern und Virologen. Jetzt gehe es darum, eine Debatte über die gesellschaftliche Dimension von Corona zu führen.

Von Rebekka HöhlRebekka Höhl Veröffentlicht:
Diskutierten live: Kongresspräsident Prof. Karl Max Einhäupl (v.l.), Ethikratchefin Prof. Alena Buyx und Virologe Prof. Christian Drosten. EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen hatte einen Videogruß geschickt.

Diskutierten live: Kongresspräsident Prof. Karl Max Einhäupl (v.l.), Ethikratchefin Prof. Alena Buyx und Virologe Prof. Christian Drosten. EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen hatte einen Videogruß geschickt.

© Schmidt-Dominé / WISO

Berlin. Die Impfkampagne läuft auf Hochtouren, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bundesweit aktuell bei 15,5 und immer mehr Corona-Maßnahmen werden gelockert. Nur eine trügerische Verschnaufpause über den Sommer oder ein langfristiger Trend?

Deutschland und die EU sind gut für den Herbst und die nächsten Jahre mit Corona vorbereitet, lautete das Fazit der Eröffnung des Hauptstadtkongresses 2021, der am Dienstag als bundesweit erster Hybrid-Kongress während der Pandemie 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort im Berliner CityCube begrüßen durfte. Ein Lichtblick für mehr Normalität in der Pandemie. Trotzdem gibt es noch viel zu tun.

Die Impfstoffhersteller BioNTech/Pfizer werden der EU 2022 und 2023 bis zu 1,8 Milliarden COVID-Impfdosen liefern, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrem Video-Grußwort. „Das ist der größte Impfstoffvertrag weltweit und es ist Europas Lebensversicherung gegen eine Dauerkrise.“ Genügend Impfdosen für eine Auffrischimpfung und für ein Impfangebot an Kinder und Jugendliche.

Warum Alleingänge schädlich sind

Davon sollen aber auch Europas Nachbarn profitieren. Pandemiebewältigung sei eine Gemeinschaftsaufgabe, mahnte von der Leyen. Die EU-Mitgliedsstaaten hätten dies nach anfänglichen Schwierigkeiten und Alleingängen verstanden. „Hilfe für andere und Schutz für uns selbst, das geht in einer Pandemie Hand in Hand.“

Professor Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts, warnte vor Alleingängen in der Pandemie.

Professor Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts, warnte vor Alleingängen in der Pandemie.

© Schmidt-Dominé / WISO

Und es schütze vor gefährlichen Virusvarianten. Deshalb wolle die EU nun zügig ihre Idee einer Gesundheitsunion umsetzen. Das beinhaltet auch ein besseres Frühwarnsystem für künftige Pandemien. Ein gestärktes, europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten solle neu entstehende Virusvarianten genau sequenzieren und überwachen.

Auch der Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, Professor Helge Braun (CDU), warnte vor Alleingängen in der Pandemie. Hätte Deutschland tatsächlich versucht– wie von einigen Stellen gefordert –, sich national mit Corona-Impfstoff einzudecken, gerade beim im Inland ansässigen Unternehmen BioNTech, und damit Impfdosen für den Rest der Welt blockiert, dann hätte das „schweren Schaden angerichtet“. Braun: „Und das hätten wir nicht lange durchgehalten.“

Für eine echte Corona-Bilanz ist es laut Braun zwar noch zu früh, aber in der Zwischenbilanz zeige sich, dass doch nicht alles so schlecht gelaufen sei, wie in der Öffentlichkeit moniert. Schon im Januar 2020 habe Deutschland über einen verlässlichen PCR-Test verfügt.

Mittlerweile sei es möglich, Verträge über die Lieferung von monatlich 800 Millionen Corona-Schnelltests zu schließen. Im Oktober 2020 habe die Produktionskapazität noch bei 10 Millionen Tests gelegen. „Die Bewältigung der Pandemie ist ein großartiger Erfolg der Medizin und Wissenschaft, aber auch der Wirtschaft“, sagte er.

Neue Indikatoren gesucht

Um die Erfolge zu sichern, gehe es nun darum, die Impfbereitschaft in der Bevölkerung langfristig auf hohem Niveau zu halten. Zudem müsse ab Herbst mehr Anstrengung darauf verwendet werden, andere Indikatoren für Pandemiemaßnahmen zu finden. „Wir werden etwa darauf schauen müssen, wer in Zukunft denn noch mit einer COVID-Erkrankung in die Klinik eingeliefert werden muss.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei seinem virtuellen Grußwort.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei seinem virtuellen Grußwort.

© Schmidt-Dominé / WISO

Und: Das Gesundheitswesen in Deutschland und der EU muss sich noch stärker digital vernetzen. „Die Pandemie hat gezeigt, welchen Unterschied die Digitalisierung im Alltag für eine gute Versorgung macht“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in seiner Videobotschaft. Ein Beispiel sei die Videosprechstunde. „Inzwischen sind offenbar auch Skeptiker von ihrem Nutzen überzeugt.“

Wichtig sei aber vor allem ein funktionierendes Meldewesen im öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Mit der aktuell laufenden Einführung der E-Health-Software SORMAS könnten erstmalig alle Gesundheitsämter „von Rosenheim bis Flensburg“ einheitlich miteinander kommunizieren, so Spahn. Für den Pakt für den ÖGD stelle der Bund immerhin vier Milliarden Euro bereit, dieser sieht auch eine personelle Aufstockung vor.

Denn, „die Coronakrise ist eine Personalkrise“, stellte Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci klar. Insbesondere auch mit Blick auf die Pflege forderte sie die Kongressteilnehmer auf: „Lassen Sie uns das Thema Ausbildung zur Chefsache machen.“ Die Pflegeausbildung müsse attraktiver werden. „Pflegekräfte verdienen mehr Wertschätzung und eine angemessene Bezahlung“, sagte auch Spahn.

Allerdings verbunden mit ein wenig Selbstlob: Es sei gut, dass noch dieser Tage mit dem Gesundheitsversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz (GVWG) Tariflöhne für die Altenpflege beschlossen worden seien.

Buyx: Die Jungen nicht vergessen

Nicht unter den Tisch fallen darf bei allen künftigen Maßnahmen die ethische und gesellschaftliche Debatte. „Was mich besorgt, ist, dass immer sichtbarer wird, dass soziale Diskohärenzen auftreten, die teilweise die Mitte der Gesellschaft erreicht haben“, so HSK-Kongresspräsident Professor Karl Max Einhäupl.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Professorin Alena Buyx, berichtete, dass der Ethikrat bereits an einem „Lessons Learned Papier“ schreibe. Darin wolle der Rat auch die Generationengerechtigkeit in der Pandemie genauer in den Blick nehmen. „Je länger die Pandemie gedauert hat, umso mehr haben wir gesehen, wie sehr die jungen Generationen leiden“, ergänzte sie.

Sie hätten bestimmte „Fenster ihrer Identitätsfindung unwiderruflich verloren“. „Wir werden Kohorten junger Menschen haben, bei denen wir aufpassen müssen“, sagte sie bezogen auf das Stichwort Mental Health.

Der Ethikrat schreibe bereits an einem „Lessons Learned Papier“, das vor allem auch die Folgen der Pandemie für die junge Generation in den Blick nehmen werde, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Professorin Alena Buyx am Dienstag in Berlin.

Der Ethikrat schreibe bereits an einem „Lessons Learned Papier“, das vor allem auch die Folgen der Pandemie für die junge Generation in den Blick nehmen werde, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Professorin Alena Buyx am Dienstag in Berlin.

© Schmidt-Dominé / WISO

Was im Herbst auf Deutschland zukomme, sei noch nicht klar. „Wir werden Immun-Escape-Varianten des Coronavirus sehen“, sagte Professor Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité. Die indische Delta-Variante werde dabei eine oder die führende Variante sein, so seine Vermutung. Für die Auffrischimpfung würde er dennoch zunächst auf die Impfstoffe der ersten Generation setzen.

Eine Zwischenbilanz der Pandemie könne aber nicht ohne einen Blick auf die Leistung all jener in der Versorgung und Forschung gezogen werden. So gab es denn auch ein herzliches Dankeschön der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und des Bundesgesundheitsministers an alle helfenden Hände – in Krankenhäusern, Praxen, Apotheken, Laboren, Pflege und Wissenschaft, „die tagtäglich ihr Bestes geben, häufig über vorstellbare Grenzen der Belastbarkeit hinaus“, äußerte sich Spahn.

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