HINTERGRUND

Asiatische Strategie gegen H5N1: Schlachten und Impfen

Von Frank Brandmaier Veröffentlicht:

Gut zwei Jahre ist es her, daß Meldungen aus Asien über eine mysteriöse Krankheit namens Vogelgrippe den Westen aufschreckte. Verunsicherte Menschen in Deutschland und anderswo fragten besorgt, ob sie ihre Reisepläne nach Südostasien doch nicht besser kippen sollten, als dort immer mehr Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem aggressiven Virustyp H5N1 starben. Inzwischen hat der Erreger den Weg bis ins Herz Europas gefunden.

In Thailand und Vietnam, wo mindestens 56 Menschen der Tierseuche erlagen, ist es mittlerweile still um die Vogelgrippe geworden - die Strategien im Kampf gegen die Krankheit dort scheinen Wirkung zu zeigen.

Die kommunistische Regierung in Hanoi entschied sich für ein aggressives Impfprogramm für 241 Millionen Hühner und Enten, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen, und das offensichtlich mit Erfolg. Seit einem Monat wurde kein neuer Ausbruch der Vogelgrippe mehr bekannt; der jüngste Todesfall unter Menschen datiert vom November. Thailand lehnte indes Impfungen ab, vor allem, um die wichtige Geflügelindustrie nicht zu gefährden. Denn geimpftes Geflügel ist nicht von ungeimpften zu unterscheiden.

Doch scheint auch dort die Seuche zumindest vorläufig unter Kontrolle zu sein, jedoch zu einem hohen Preis: 29 Millionen Stück Federvieh, fast 15 Prozent des Gesamtbestandes, wurden notgeschlachtet oder verendeten.

In Vietnam wurde Geflügel massenweise geimpft

Vietnam nahm Massenimpfungen seines Geflügels vor, weil sich das Virus weiter ausbreitete, obwohl die Regierung etwa 100 Millionen Stück Geflügel hatte töten lassen. Im September begannen die Behörden, das Federvieh per Injektion vor dem Befall zu schützen, Geflügelmärkte in Städten wurden verboten und zugleich eine Aufklärungskampagne für die Bevölkerung gestartet.

"Wenn andere Länder ganz bestimmt etwas von Vietnam lernen können, dann, daß man recht drastische Schutzmaßnahmen ergreifen muß", sagt der Länderdirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO für Vietnam, Dr. Hans Troedsson. "Wenn man sich für Impfung entscheidet, dann muß es im großen Stil sein, wie in Vietnam. Wählt man Notschlachten, muß es früh geschehen." Je seltener das H5N1-Virus vorkomme, desto seltener könne es Geflügelbestände befallen und desto geringer sei die Möglichkeit, daß es mutiere und eine Pandemie verursache.

In europäischen Ländern seien Menschen einem geringeren Infektionsrisiko ausgesetzt als in Asien oder Afrika. In Europa gebe es weit weniger Märkte mit lebendem Federvieh oder Geflügel in Hinterhöfen, betont Troedsson. Die Gefahr, sich an Blut, Speichel oder Kot von infiziertem Geflügel anzustecken, sei deshalb geringer.

"Europa hat den Vorteil, daß es Überwachungsmechanismen bereits gibt", sagt Caroline Benigno, Vogelgrippe-Expertin der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO in Bangkok. Auch sei das Bewußtsein für die Gefahren der Seuche in Europa schon vorhanden. Nach Meinung von Fachleuten ist das Risiko für die europäische Geflügelindustrie am größten, nicht für die Menschen in Europa. So war es auch in Thailand: 2003 exportierte das Königreich noch etwa 400 000 Tonnen gefrorenes Hühnerfleisch. Nach dem Ausbruch der Tierseuche sackten die Ausfuhren auf weniger als 20 000 Tonnen im Jahr 2004 ab, weil die EU und andere wichtige Märkte einen Importstop verhängten. Inzwischen hat die EU wieder die Einfuhr von gekochtem Hühnerfleisch aus Thailand erlaubt. Und es ist nicht ohne Ironie, daß die Regierung in Bangkok kürzlich wegen der Vogelgrippe in Europa ein Geflügel-Importverbot betroffenen Ländern verfügte. dpa



Vogelgrippe in Kürze

Dauerproblem Vogelgrippe: "Wir rechnen damit, daß das Virus H5N1 eine Laufzeit von 150 Jahren hat. Es dauert etwa 50 Jahre, bis nach seinem ersten Auftreten die Vogelwelt beginnt, dagegen widerstandsfähig zu werden", sagte Professor Emil Reisinger, Spezialist für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten aus Rostock, dem Neubrandenburger "Nordkurier". Das H5N1-Virus wurde erstmals 1959 in Schottland nachgewiesen. (dpa)

Oseltamivir chemisch hergestellt: Japanische Forscher haben nach eigenen Angaben das antivirale Medikament erstmals chemisch hergestellt. Bislang wurde der Tamiflu®-Wirkstoff aus Sternanis gewonnen. (dpa)

Lesen Sie dazu auch: Grippe-Pandemie - so bereiten sich die 16 Bundesländer darauf vor

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