Emotionen kochen hoch

Debatte um Ernährungsstudien wird zur Schlammschlacht

Studien mit neutraler Bewertung von Fleischkonsum haben einem US-Fachblatt einen Shitstorm an Kritik eingebracht. Selbst die Waffenlobby habe sich in ähnlichen Situationen nicht so hasserfüllt geäußert, berichten Wissenschaftsjournalisten.

Von Professor Stephan Martin Veröffentlicht: 27.01.2020, 13:25 Uhr
Debatte um Ernährungsstudien wird zur Schlammschlacht

Ist hoher Fleischkonsum gesundheitlich unbedenklich? Daran scheiden sich die Geister.

© Dmitry Lobanov / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit ihrer Ernährung und mit der Frage, was gut und was schlecht für ihren Körper ist. Die Evidenz hierzu steht auf wackligen Füßen: Im Gegensatz zu Medikamenten kann man nämlich Nahrungsbestandteile nicht in randomisierten Placebo-kontrollierten Studien über Jahre testen.

In der Regel gibt es hierzu Beobachtungsstudien, die nur Assoziationen und keine Kausalitäten belegen können. Trotzdem werden viele Empfehlungen zur Ernährung auf dieser Basis ausgesprochen.

Im vergangenen Oktober sind im medizinischen Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ mehrere Arbeiten erschienen, die sich mit der Evidenz zum Konsum von Fleisch und verarbeitetem Fleisch sowie den gesundheitlichen Folgen kritisch auseinandersetzten (Ann Intern Med. 2019; 171: 703).

Das internationale Forscherkonsortium „NutriRECS“ kommt darin aufgrund von Metaanalysen zu dem Schluss, dass Fleischverzehr keine oder nur unbedeutende Gesundheitsrisiken birgt. Aufgrund medizinischer Risiken sei daher die Empfehlung zu reduziertem Konsum nicht gerechtfertigt. Auch gebe es keine Bereitschaft, die Ernährungsgewohnheiten zu ändern.

Qualität von Studien berücksichtigt

Wieso kommen die Forscher, die zum Teil zu Cochrane Zentren gehören, zu solch einer Ansicht, die der aktuellen Lehrmeinung widerspricht? Unter anderem haben sie sich die Qualität bisheriger Studien mit dem sogenannten GRADE-Verfahren angeschaut (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation).

Danach haben sie qualitativ weniger gute Arbeiten von den Analysen ausgeschlossen. Zudem haben sie prozentuale Risikobewertungen in konkrete Erkrankungszahlen umgerechnet. So würde zum Beispiel eine Reduktion des Fleischkonsums um drei Portionen pro Woche zu sieben bis acht weniger Krebstoten auf 1000 Personen führen.

Wie zu erwarten, wurden diese Ergebnisse nicht unwidersprochen aufgenommen. Dass die Kritik jedoch in eine wahrhafte Schlacht ums Fleisch ausgeartet ist, war nicht abzusehen gewesen. Ein ebenfalls kontroverser wissenschaftlicher Beitrag zu Schussverletzungen in den USA habe eine im Vergleich deutlich weniger hasserfüllte Reaktion der US-Waffenlobby NRA hervorgerufen, berichtet die US-Wissenschaftsjournalistin Rita Rubin im „Journal der Amerikanischen Ärztegesellschaft“ (JAMA. 2020; online 15. Januar).

Zitiert wird darin die „Annals“-Chefredakteurin Christine Lane: Bereits fünf Tage vor Publikation der Studien sei ihr eMail-Briefkasten mit einem „Shitstorm“ von über 2000 Nachrichten überschwemmt worden. Dabei sei offenbar auch das Publikationsembargo verletzt worden.

Interessenkonflikte aufgedeckt

Renommierte Wissenschaftler wie die Harvard-Professoren Walter Willett und Frank Hu forderten Chefredakteurin Lane auf, die Publikation zu untersagen. Koordiniert wurde diese Reaktion durch die „True Health Initiative“ (www.truehealth.org). Diese nimmt auf ihrer Internetseite für sich in Anspruch, dass ihre Produktanalysen „aufschlussreich, wahrheitsgemäß und authentisch sind“.

Weiterhin wurde bekannt, dass staatliche Stellen kontaktiert wurden, um die Publikation zu verhindern. Die Kritiker meldeten vor allem Zweifel am GRADE-Verfahren an, das zum Ausschluss qualitativ schlechter Studien geführt hat. Das Verfahren sei auf Beobachtungsstudien nicht anwendbar, betonten die Kritiker.

Der NutriRECS-Forschergruppe wurde zudem vorgeworfen Interessenkonflikte nicht angegeben zu haben. So habe ein Koautor es versäumt, die Autorenschaft bei einer Studie offenzulegen, die im Jahr 2016 von der Nahrungsmittelindustrie mitfinanziert worden sei.

Im Gegenzug hat die Journalistin Rubin jetzt diverse Interessenkonflikte von Kritikern der publizierten Fleischstudien aufgedeckt, und zwar mit Firmen, die alternative Produkte zum Fleischkonsum vertreiben.

Emotionale Eruptionen

Dieser Vorgang passt nicht in das übliche Bild des wissenschaftlichen Diskurses. Solche emotionalen Eruptionen kennt man in jüngster Zeit eher aus dem Oval Office als von Universitäten und Forschungsinstituten. Auch zeigen die Diskussionen sehr klar das Dilemma auf, wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen auszusprechen.

Die Streithähne ähneln eher religiösen Eiferern, deren Glaubensinhalte auch nicht durch randomisierte klinische Studien überprüfbar sind. Ernährung hat sich für viele Menschen offenbar zu einer Ersatzreligion entwickelt.

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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Kommentare
Dirk Hansen

Sein Ernährungsverhalten zu überdenken und zu verändern kann gesundheitliche Motive haben. Das Thema hat jedoch weitere Dimensionen. Der hohe Fleischkonsum in vielen Industriestaaten (u. zunehmend auch in Schwellenländern) hat ökologisch und ressourcentechnisch weltweit katastrophale Auswirkungen. Hier ist die Studienlage eindeutig. Daher ist die Aufregung schwer nachvollziehbar.

Dr. Thomas Georg Schätzler

DIE "HAXE DES BÖSEN"?

Verarbeitetes, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch erhöht beim Menschen geringfügig das allgegenwärtig altersabhängige Krebsrisiko. Das wissen wir schon lange. Die Gattung Mensch is(s)t allerdings mit ihrem Gebiss, ihrer Beißmuskulatur, ihren Darm-, Verdauungs- und Ausscheidungs-Tätigkeiten „Allesfresser“ (Omnivore): Vergleichbar mit hochentwickelten Primaten ist der Homo sapiens auf eine obst- und vegetabil betonte Mischkost mit Fleisch, Fisch, Geflügel, Getreide und Milch-(Produkten) angewiesen.

Sein Energiebedarf über Protein, Kohlenhydrat, Fett, Mineralstoffe und Spurenelemente ist wegen der Gehirnentwicklung viel höher als bei anderen Primaten. Der global immer weniger Energie-verbrauchende Lebensstil, mangelnde Anstrengungs- und Aufwands-Kultur bzw. Bewegungsarmut post-industrieller Gesellschaften bei exzessivem Nahrungsmittelüberfluss führt gegenüber Armutsländern zu metabolischer Entgleisung, Diabetes mellitus und wachsendem kardio-pulmonalem bzw. nephro-vaskulären Risiko mit sekundärer Tumorinduktion: Dennoch steigt die Lebenserwartung und deren Abstand selbst gegenüber Armuts- und Schwellenländern immer weiter an.

Das ist der wesentliche Grund für die völlig naiv-empiristisch-heuristische, vorlaute Ableitung eines erhöhten Sterberisikos bei Konsum von rotem Fleisch, wenn man nicht zwischen „processed meat“ und „non-processed meat“ differenzieren will. Wir sterben nicht weil, sondern während wir zu viel rotes Fleisch essen und weil uns der allgemeine Überfluss zu dick macht! Das sogenannte „rote Fleisch“ sieht in Wahrheit blass-grau-braun-rosé aus, wird aber vom Metzger auf Wunsch der Verbraucher extra rot eingefärbt. Es macht statistisch bei normalen Mengen keine Erhöhung des Krebsrisikos…

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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