Direkt zum Inhaltsbereich

Versorgungsdefizite bei Adipösen

Der Rat "Mehr bewegen!" reicht nicht

Die Versorgung von Adipositas-Patienten lässt die Betroffenen noch zu oft allein. Defizite gibt es bei Hausärzten wie auch in der Langzeitbetreuung, monierten Experten bei einem Symposium.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Ärztin misst beim Patienten den Bauchumfang.

Ärztin misst beim Patienten den Bauchumfang.

© Luis Louro / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodellen)

NORDERSTEDT. Viele Ärzte und Betroffene halten die Versorgung Adipöser in Deutschland für unzureichend. Enttäuscht ist man von Politik und Krankenkassen, aber auch von der Einstellung vieler Ärzte. Dies wurde auf dem zehnten Adipositassymposium im Johnson & Johnson Institute in Norderstedt deutlich.

Unter den mehr als 300 Teilnehmern waren auch Vertreter der Selbsthilfe. Michael Wirtz von der Adipositas-Hilfe Nord etwa kritisierte, dass schwer adipöse Patienten zu lange auf Operationen warten und zu weit fahren müssen, um Schwerpunktpraxen zu finden. Sein Verein will nun politisch aktiver werden.

Mit Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit will der Verein erreichen, dass die Probleme der schweren Patienten ernster genommen werden. Viel erreicht wäre nach seiner Auffassung schon, wenn Ärzte auf die Probleme der Adipösen nicht mehr mit dem lapidaren Hinweis, sich mehr zu bewegen, reagieren würden.

Nach Wahrnehmung von Wirtz hat sich in den vergangenen Jahren bei der Versorgung von adipösen Patienten zu wenig verbessert: "Wir drehen uns im Kreis."

Stagnation in der Versorgung

Dies bestätigte auch Professor Dieter Birk. Der Vorsitzende des diesjährigen Symposiums und erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas und metabolische Chirurgie, nannte mehrere Ursachen für die Stagnation:

»Informationsdefizite in der Gesellschaft und in der Ärzteschaft über Adipositas als Krankheit. Dies äußert sich nach seiner Beobachtung durch Vorurteile, Schuldzuweisungen und Stigmatisierung.

»Mangelhafte Versorgung: In ganz Deutschland gibt es nach seinen Angaben nur rund 80 Schwerpunktpraxen und kein flächendeckendes Angebot an Patientenschulungsprogrammen. Folge ist eine geringe Inanspruchnahme.

»Defizite in der hausärztlichen Versorgung: In Hausarztpraxen nimmt Birk zum Teil mangelndes Wissen über die bestehenden Therapiemöglichkeiten und eine Überforderung durch zeitintensive und komplexe Therapien wahr. "Adipöse Patienten können schwierige Patienten sein", räumte Birk ein.

»Fehlende Langzeitbetreuung: Birk vermisst Versorgungsangebote zur Umsetzung leitliniengerechter Nachsorge. Damit wird aus seiner Sicht der Langzeiterfolg der Therapieansätze gefährdet.

Um diese Mängel abzustellen, sieht Birk Politik, Gesellschaft und Ärzteschaft gefragt. Er hält Vergütungsanreize für Hausärzte und einen Leitfaden für das Gespräch mit adipösen Patienten für hilfreich.

Eine veränderte Einstellung gegenüber adipösen Patienten und ihren Ärzten hält auch Professor Arne Dietrich aus Leipzig für erforderlich. "Auch wir als Behandler werden diskriminiert", sagte Dietrich in Norderstedt.

Das Geld für einen chirurgischen Eingriff – durchschnittlich kostet die Operation rund 5000 Euro – sähen auch viele Ärzte in anderen Bereichen besser angelegt.

Derzeit werden solche bariatrischen Operationen in Deutschland rund 10.000 Mal im Jahr vorgenommen – im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit, bezogen auf die Einwohnerzahl, weit hinter den meisten Nachbarländern.

Rechtliche Risiken für Kliniken

Oft lehnen die Medizinischen Dienste der Krankenkassen die Kostenübernahme für bariatrische Operationen ab. Birk bestätigte aber, dass immer mehr Krankenhäuser dennoch operieren und damit das Risiko eines Rechtsstreits eingehen, weil sie den Patienten im Recht sehen.

Der einseitige Fokus von Politik und Krankenkassen auf Prävention ist aus Sicht der Experten keine Hilfe für die Betroffenen. Denn selbst wenn Prävention wirkt und künftig keine Menschen mehr adipös werden, gab Dr. Dirk Ghadamgahi von Johnson & Johnson zu bedenken, bleiben die aktuell Betroffenen: "Für die Versorgung dieser Menschen brauchen wir Konzepte."

Der bloße Verweis auf die Kosten der Operationen ist nach seiner Ansicht zu kurz gegriffen: "Die Eingriffe kosten nicht nur Geld, sondern sparen auch an anderer Stelle."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Umdenken kommt zuerst

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Okuläre Sicherheit von GLP-1-Rezeptoragonisten

Semaglutid und NAION: Absolutes Risiko bleibt gering

Das könnte Sie auch interessieren
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Alle Diabetes-Patienten gegen Herpes zoster impfen?

Euglykämische diabetische Ketoazidose

Kasuistik: Seltene Nebenwirkung unter SGLT2-Hemmern

Lesetipps
Illustration eines molekularen Modells von Messenger RNA.

© Dr_Microbe / Getty Images / iStock

Personalisierte mRNA-Therapien

Verheißungsvolle RNA-Krebsimpfstoffe: Wo steht die Forschung gerade?

Ein Mann niest und putzt sich die Nase.

© Dragana Gordic / stock.adobe.com

Kasuistik

Plötzliche Niesanfälle bringen Mann in Lebensgefahr

Auch 2024 war die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen in Deutschland insgesamt erneut leicht rückläufig

© Rosi / stock.adobe.com / Generated with AI

Herzbericht 2026

Das sind die aktuellen Trends in der Herzmedizin