Viele Unsicherheiten
Frühe Allergieprävention: Wie steht es um die Evidenz von Stillen, Beikost und Co?
In der frühen Allergieprävention gab es einen Paradigmenwechsel: Es wird nicht mehr empfohlen, allergene Lebensmittel im ersten Lebensjahr zu meiden. Was andere Präventionsansätze bringen, wurde beim DEGAM-Kongress diskutiert.
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Säugling: Eine frühe Allergieprävention ist entscheidend, insbesondere bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko.
© Arno Burgi / ZB / dpa
Bei der frühen Allergieprävention gibt es noch viele Unsicherheiten, wird beim Kongress „Gesundheit gestalten“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) klar. Empfehlungen (auch aus Leitlinien) sind teilweise uneindeutig, uneinheitlich oder sogar widersprüchlich.
Welche Übereinstimmungen in den Leitlinien es gibt – und welche nicht – haben Katharina Sieferle, Ernährungswissenschaftlerin, Pädagogische Hochschule Freiburg, und Team untersucht. Sie analysierten 14 nationale und internationale Leitlinien zum Thema Allergieprävention, die kürzlich ein Update bekommen hatten.
Stillen wird von allen Leitlinien empfohlen
Gute Evidenz gibt es demnach zum Thema Stillen. Stillen wird prinzipiell in allen untersuchten Leitlinien empfohlen, erklärte Sieferle beim Kongress in Göttingen, jedoch nicht speziell zur Allergieprävention, sondern aufgrund anderer allgemeiner gesundheitlicher Vorteile.
Zur Allergieprävention wird Stillen in zwei Leitlinien empfohlen – zur Prävention von Asthma und allergischer Rhinitis.
Drei Leitlinien empfehlen die ersten vier bis sechs Monate ausschließlich zu Stillen, eine Leitlinie empfiehlt die ersten sechs Monate ausschließlich zu Stillen. Auch während der Einführung von Beikost soll weiter gestillt werden.
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Wenn Stillen nicht möglich ist, wird meist eine Standard- bzw. Kuhmilch-Säuglingsanfangsnahrung empfohlen. Für Kinder ohne erhöhtes Allergierisiko sprechen die meisten Leitlinien keine direkte Empfehlung für oder gegen hypoallergene (hydrolysierte) Formula zur Prävention allergischer Erkrankungen aus. Für Kinder mit erhöhtem Allergie-Risiko empfehlen vier Leitlinien Säuglingsanfangsnahrung mit bewiesener Wirksamkeit zur Allergieprävention oder hydrolysierte Formula zur Prävention von atopischem Ekzem. Zwei Leitlinien raten allerdings auch von hydrolysierten Formula zur Allergieprävention ab.
Beikost: Allergene Lebensmittel nicht meiden!
Beim Thema Beikost gibt es wieder viele Überschneidungen zwischen den Leitlinien: Die meisten untersuchten Leitlinien empfehlen Beikost (inklusive allergener Lebensmittel) mit vier bis sechs Monaten einzuführen, so Sieferle. Einige empfehlen das Einführen ab dem sechsten Monat.
Generell wird nicht empfohlen, allergene Lebensmittel im ersten Lebensjahr zu meiden. Das ist ein Paradigmenwechsel, den es in den letzten Jahren gegeben hat, so Sieferle. Früher wurde für die frühe Allergieprävention von Kindern noch postuliert, potenzielle Allergene zu meiden. Heute aber weiß man, dass eine frühe Exposition gegenüber Allergenen zu einer Toleranzentwicklung beitragen kann – insbesondere bei Kindern mit einem erhöhten Allergierisiko.
Basis des Paradigmenwechsels sind mehrere randomisierte kontrollierte Studien (RCT), die den Zeitpunkt der Beikosteinführung und die spätere Entwicklung von atopischen Erkrankungen untersuchten, darunter die LEAP-, LEAP-On- und EAT-Studien von 2015 und 2016. Mittlerweile gibt es mehr als 50 systematische Übersichtsarbeiten zum Thema.
In Vorsorgeuntersuchungen eingliedern
Mit dem Allergie-Screening für Kinder einen Schritt voraus sein
Ein Team um Professor Christian Apfelbacher, Gesundheitswissenschaftler, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, hat die Daten von 11 Übersichtsarbeiten miteinander in einem übergreifenden Review ausgewertet.
Das Ergebnis: Die frühe Einführung bestimmter Nahrungsmittel – zum Beispiel Erdnuss oder gekochtes Ei – im Alter von unter sechs Monaten verringert wahrscheinlich das Risiko einer Erdnuss- bzw. Eiallergie, allerdings nicht das Risiko für Ekzeme. Die Evidenz für andere allergische Erkrankungen war meist sehr unsicher, so Apfelbacher in Göttingen. Frühe Einführung von Beikost diene also der Prävention von Allergien gegen bestimmte allergene Lebensmittel und wahrscheinlich nicht der Prävention von Nahrungsmittelallergien im Allgemeinen.
Unsicherheiten bei Probiotika und Hautpflege
Unzureichende Evidenz und darauf basierende uneinheitliche Empfehlungen gebe es insbesondere zu Prä- und Probiotika und Hautpflege, berichtete Apfelbacher. Zur Hautpflege hat auch ein Team um ihn eine Metaanalyse durchgeführt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Hautpflegeinterventionen im Säuglingsalter wahrscheinlich keinen Einfluss auf das Risiko für Neurodermitis oder IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien im Alter von ein bis drei Jahren haben.














