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Hintergrund

Jeder vierte Patient hat psychosomatische Beschwerden - Herausforderung für Hausärzte

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Das Universitätsklinikum Heidelberg hat ein gemeinsames Forschungsprojekt von Allgemeinärzten und Psychosomatikern gestartet. Ziel ist es, Hausärzten zu helfen, die Versorgung von Patienten mit psychosomatischen Beschwerden zu verbessern.

Von Marion Lisson

An dem Projekt sind 36 niedergelassene Hausärzte aus dem Rhein-Neckar-Kreis beteiligt. "Im Schnitt liegen bei rund 25 Prozent der Patienten in einer Hausarztpraxis anhaltende, organisch nicht ausreichend erklärbare körperliche Beschwerden, vor", teilt Dr. Rainer Schäfert vom Universitätsklinikum Heidelberg, Klinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin, mit. Meist handele es sich dabei um multimorbid beeinträchtigte Patienten mit hohem Leidensdruck.

Bisher fehlen erprobte Behandlungsstrategien

"Hausärzte fühlen sich bei der Behandlung von Patienten mit funktionellen/somatoformen Beschwerden oft vor besondere Herausforderungen gestellt", sagt Schäfert. Typisch für diese Patientengruppe seien Schwierigkeiten in der Arzt-Patient-Interaktion, die nicht selten zu Konflikten mit Ärzten und zu multiplen Therapieabbrüchen führten. Diagnostik und Erkennbarkeit der Störung gestalteten sich häufig schwierig, ebenso die Therapie. "Charakteristisch für diese Patienten ist zudem die hohe Inanspruchnahme medizinischer Leistungen", schildert der verantwortliche Studienarzt.

Die Folge seien hohe direkte und indirekte Krankheitskosten. "In den USA wird der Anteil von Somatisierung an den jährlichen Gesundheitsausgaben auf 256 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt", zitiert er aktuelle Studien. Es sei daher wichtig, für den primärärztlichen Bereich praxisnahe, empirisch erprobte Behandlungsstrategien zu entwickeln. Bisherige Zwischenergebnisse der Studie zeigen, dass das Konzept der Heidelberger Wissenschaftler aufzugehen scheint. "In der Tat bestätigen die beteiligten Hausärzte, sich nach der Schulung von ihren psychosomatischen Patienten signifikant weniger belastet zu fühlen", sagt Schäfert.

Endgültige Zahlen und Ergebnisse des Forschungsvorhabens sollen Ende 2009 vorgelegt werden. Für das praxisnahe Konzept und die Zwischenergebnisse wurde die Studie mit dem 3. Platz des Deutschen Forschungspreises der Allgemeinmedizin 2008 - dem Dr. Lothar Beyer Preis - ausgezeichnet. Bereits seit Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler der Klinik unter Leitung von Professor Wolfgang Herzog und die Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung unter Leitung von Professor Joachim Szecsenyi mit dem Forschungsschwerpunkt "Somatoforme Störungen". Für ihr aktuelles Vorhaben - bestehend aus den zwei Projekten FUNKTIONAL und speziALL - wird das Forscherteam vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Bei dem kürzlich prämierten Versorgungsmodell wurde in einem ersten Schritt (Projekt: FUNKTIONAL) von Hausärzten und Psychosomatikern zunächst ein Qualifizierungsprogramm zur Früherkennung und Behandlung von Patienten mit funktionellen/somatoformen Beschwerden entwickelt. Eine Querschnittsanalyse mit 1898 Patienten begleitete diese Arbeit. Es wurde zudem ein Leitfaden erstellt, mit dessen Hilfe die Hausärzte geschult werden. "Während die Mediziner den Nutzen der Schulung für sich klar bestätigen, konnte auf Patientenseite jedoch zunächst keine nennenswerte Verbesserung festgestellt werden", so Schäfert. In Folge entschieden sich die Heidelberger Wissenschaftler für ein Anschlussprojekt. Im vergangenen Jahr startete ihr Projekt speziALL.

Die 36 teilnehmenden Hausärzte wurden dabei in zwei Gruppen (Interventionsgruppe und Kontrollgruppe) aufgeteilt. Die 18 Hausärzte in der Interventionsgruppe betreuen gemeinsam mit einem Psychosomatiker ein Gruppenangebot mit jeweils zehn bis zwölf Patienten. Die ersten zwölf Patientengruppen haben bereits ihre Gruppentreffen absolviert. Sechs Gruppen werden noch bis Ende 2009 betreut. Insgesamt zwölf Sitzungen à 90 Minuten sieht das Konzept vor, davon zwei Nachtreffen drei und neun Monate nach Gruppenende. Die Patienten kommen in die Hausarztpraxis.

In Sitzungen suchen alle Beteiligten nach Lösungen

In den Sitzungen versuchen Hausärzte und Psychosomatiker gemeinsam mit den Patienten, Bewältigungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei werden durch thematische und zeitliche Koppelung Wechselwirkungen zwischen den Bereichen Körper - Wahrnehmung - Situation - Kognitionen - Emotionen - Bewältigungsmöglichkeiten - Beziehung herausgearbeitet. In den Sitzungen werden nochmals die persönlichen Kraftquellen hervorgehoben und Entspannungsübungen entwickelt.

"Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Versorgungsmodell nach Einschätzung der teilnehmenden Hausärzte sehr geeignet ist und eine hohe Zahl der Patienten tatsächlich erreicht", sagt Schäfert. Zwei Drittel der Patienten mit unklaren körperlichen Beschwerden möchten explizit von ihrem Hausarzt betreut werden. Außer dem Vollbild der somatoformen Störungen nach ICD-10 oder DSM-IV wurden inzwischen auch subsyndromale Beschwerdebilder als behandlungsrelevant nachgewiesen. "Unbehandelt verläuft zwei Drittel aller Fälle chronisch", so die verantwortliche Studienpsychologin Claudia Kaufmann. Häufig liege bei den Patienten eine Komorbidität mit psychischen Störungen, vor allem Angst und Depression, vor.

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