Direkt zum Inhaltsbereich

Experten-Kommentar

Schwanger und Diabetes: Je besser der Stoffwechsel, desto geringer die Risiken

Von Prof. Hellmut Mehnert Veröffentlicht:

Bei der Betreuung von Schwangeren mit Diabetes hat es in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gegeben. Noch in den 60-er Jahren starben bis zu 25 Prozent der Kinder von Müttern mit Typ-1-Diabetes während der Entbindung oder in der ersten Woche danach. Heute liegt die Neugeborenen-Sterblichkeit bei zwei bis vier Prozent. Je besser eine Diabetikerin zusammen mit ihrem Arzt vor und während einer Schwangerschaft ihren Stoffwechsel in den Griff bekommt, desto stärker sinkt das hohe Risiko für Komplikationen. Nach dem "Gesundheitsbericht Diabetes 2017" bekommen im Schnitt immer noch 8,8 Prozent der Schwangeren mit Typ-1-Diabetes ein Kind mit schweren Fehlbildungen, 25 bis 58 Prozent erleiden eine Frühgeburt (vor der 37. SSW) und 11 bis 66 Prozent erkranken an Präeklampsie.

Von einer Schwangerschaft abraten sollte man grundsätzlich Frauen mit ausgedehnten Gefäßschäden, insbesondere mit Nephropathie und proliferierender Retinopathie. In einer solchen Situation ist gegebenenfalls auch ein Schwangerschaftsabbruch zu erwägen, obwohl auch immer wieder über die Geburt gesunder Kinder bei solchen Patientinnen berichtet wird.

Hyperglykämie fördert Fehlbildungen

Wichtig bei Schwangeren mit Typ-1- Diabetes ist eine möglichst "scharfe" Blutzuckereinstellung. Hyperglykämien fördern nämlich Makrosomie und Fehlbildungen. Die ehemals große Sorge vor Hypoglykämien während der Schwangerschaft ist unbegründet. Gelegentliche milde Unterzuckerungen können als Preis für eine optimale Stoffwechselführung in Kauf genommen werden. Unbedingt zu vermeiden sind aber Ketoazidosen.

Anzustreben ist nach Studiendaten eine kohlenhydratreiche Kost mit entsprechender Insulinabdeckung. Wichtig ist es, den Zucker regelmäßig zu messen, um die antidiabetische Therapie zu optimieren. Auch ein erhöhter Blutdruck ist wegen des erhöhten Eklampsie-Risikos unbedingt optimal einzustellen, und zwar möglichst schon vor Konzeption. Denn auch eine Hypertonie begünstigt das Risiko von Fehlbildungen.

Bei allen Frauen ist während der Schwangerschaft ein möglicher Gestationsdiabetes (GDM) abzuklären. Dieser trifft vor allem stark übergewichtige Frauen im Alter über 35 Jahre aber inzwischen auch zunehmend Jüngere. Die Zahl der Betroffenen wächst: 2015 war fast jede 20. Schwangere bereits an GDM erkrankt.

Zuverlässiger Test ist ratsam

Die Diagnose eines Gestationsdiabetes erfolgt in der Regel mit einem 75-g-OGTT während der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche, da sich in dieser Phase der diabetogene Effekt des laktogenen Plazentahormons bemerkbar macht. Mit dem zum Screening vorgeschalteten 50-g-Glukose-Suchtest können Betroffene übersehen werden. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordert daher zu Recht, initial bereits den zuverlässigeren 75-g-OGTT einzusetzen.

Zur Therapie von Frauen mit Gestationsdiabetes sind Basismaßnahmen mit gesunder Ernährung und Bewegung wichtig. Empfohlen wird eine kohlenhydratreiche und auf mehrere Mahlzeiten verteilte Kost sowie körperliche Aktivität etwa mit täglichen 30-minütigen Spaziergängen. Betroffene sollten ihren Zucker zudem häufig messen. Reichen die Basismaßnahmen für die Blutzuckersenkung nicht aus, ist eine Insulintherapie einzuleiten. Hier haben sich außer NPHHumaninsulin auch das Insulin Detemir und das kurzwirksame Insulin-Analogon Aspart bewährt.

Wegen des hohen Risikos für Typ-2-Diabetes sollten Frauen nach GDM zur Nachsorge regelmäßig mit einem oralen Glukosetoleranztest (oGTT) untersucht werden, und zwar erstmals sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt und dann je nach Risiko alle ein bis drei Jahre. Bei gestörter Glukosetoleranz sind zur Prävention Lebensstilinterventionen zu empfehlen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Konkurrenz für Primärpraxen?

Reformpaket beschlossen: Apotheker rücken zu Hausärzten in zweiter Reihe auf

Vielfalt der Musikermedizin

Ihr Patient ist Musiker? Was dann relevant werden könnte

Kontrollverlust und Überforderung

Diabetestechnik und ihre Herausforderungen bei Kindern und Älteren

Das könnte Sie auch interessieren
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Motivierende Gesprächsführung

Wie motiviere ich Patienten mit Depression zu Sport?

Hantavirus und Ebolavirus

Was Patienten brauchen, die Sorge vor einem neuen Virusausbruch haben

Lesetipps
Dreidimensionale gerenderte Darstellung einer Fraktur des linken Oberschenkels.

© samunella / stock.adobe.com

Rasche Mobilisation entscheidend

Fraktur im Alter: An Delir und Osteoporose denken!

Vegane Ernährung, grünes Gemüse

© Johannes / stock.adobe.com / Generated with AI

Ernährungsberatung

Schilddrüse: Vegane Ernährung verschärft Jodmangel

Kardiologe Oliver A. Schmidt

© privat

Arzt entwickelt MFA-Börse

So finden Praxisinhaber die MFA, die zu ihnen passt