Direkt zum Inhaltsbereich

Rheuma-Kinder

Verdächtige Kleinigkeiten als erste Hinweise

Im Schnitt zwei Monate dauert es, bis rheumakranke Kinder nach den ersten Symptomen beim Kinderrheumatologen sind. Zu lange, meinen Experten.

Veröffentlicht:
Wenn Kinder sich anders bewegen und eine Schonhaltung einnehmen, kann das auf Rheuma hinweisen.

Wenn Kinder sich anders bewegen und eine Schonhaltung einnehmen, kann das auf Rheuma hinweisen.

© Ella / fotolia.com

BERLIN. "Ihr Kind hat Rheuma." Jörg Pilawa weiß, was diese Diagnose mit Eltern macht: Sie sind geschockt, können es nicht glauben. "Für uns war Rheuma eine Krankheit, die man im Alter bekommt. Aber dass Kinder Rheuma kriegen können, war mir überhaupt nicht bewusst", sagt der Fernsehmoderator, der als Botschafter der Rheuma-Liga über Kinderrheuma aufklärt.

Seine jüngste Tochter war bei der Diagnose gerade mal zwei, erzählt er vor dem Welt-Rheuma-Tag am 12. Oktober.

"Sie wollte morgens einfach nicht mehr aus dem Bett. Wenn man sie rausnahm, quengelte sie, legte sich auf den Boden und sagte, ihr tue alles weh", sagt Pilawa.

Der Kinderarzt bemerkte, dass die Gelenke etwas geschwollen waren und verwies an einen Orthopäden. Erst eine dritte, auf Gelenkerkrankungen spezialisierte Ärztin stellte die richtige Diagnose. Das war keine vier Wochen nach den ersten Symptomen.

15.000 Kinder mit Rheuma

Heute weiß Pilawa, wie wichtig diese schnelle Diagnose war. Normalerweise dauert es im Schnitt zwei Monate, bis Kinder nach den ersten Symptomen beim Kinderrheumatologen sind. Zu lange, wie die Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (GKJR) betont.

Je früher eine Therapie startet, desto größer ist die Chance, die Krankheit zu stoppen, sagt Professor Kirsten Minden, Vorstand der GKJR. "Wenn man es in den ersten fünf Jahren nicht geschafft hat, die Krankheit zu stoppen, nimmt die Chance ab." Jedes zweite Kind gehe mit der Krankheit ins Erwachsenenalter.

Warum eine Therapie bei einigen Kindern erfolgreich ist und bei anderen nicht, wissen die Fachleute nicht. Mit mindestens 15.000 betroffenen Kindern in Deutschland ist die Fallzahl recht gering und die Gruppe heterogen: "Wir haben viel weniger Daten als die Erwachsenen", stellt Minden fest.

Die jüngste Patientin von Kinderrheumatologin Sonja Mrusek ist eineinhalb Jahre alt. In dem Alter sind Kinder noch ein bisschen speckig und Entzündungen fallen deshalb nicht unbedingt direkt auf, wie sie sagt. Außerdem: Je kleiner die Kinder sind, desto weniger äußern sie ihre Beschwerden.

Es sind aber diese verdächtigen Kleinigkeiten, die Indizien sein können: "Sobald auffällt, dass sich das Kind anders bewegt und eine Schonhaltung einnimmt und die Gelenke weniger beweglich sind, kann das auf Rheuma hinweisen", sagt die Ärztin. Oder auch, wenn sich Kinder auf die Finger stützen, um die Handgelenke zu schonen.

Langzeittherapie erforderlich

"Wenn ich mit den Eltern rede und die Diagnose erläutere, sage ich immer: Man kann es gut behandeln. Wir haben gute Medikamente, die werden auch gut vertragen. Man muss etwas Geduld haben und eine Langzeittherapie machen." Für die Eltern ist das nicht immer beruhigend: "Natürlich hoffst Du, dass es ausheilt, wenn Dein Kind in die Pubertät kommt. Aber es muss nicht sein. Es gibt Kinder, wo es in der Pubertät noch mal viel schlimmer wird", sagt Pilawa.

"Unsere Tochter hatte noch mal einen Schub vor zwei Jahren. Ansonsten kommt sie wunderbar damit klar und ist eigentlich für sich gefühlt schmerz- und symptomfrei", sagt der Fernsehmoderator.

Neben den Medikamenten seien bei der Behandlung Physiotherapie, Ergotherapie und viel Bewegung wichtig. Um Schmerzen zu verhindern, weichen Kinder auf andere Bewegungsmuster aus. "Das wieder herauszubekommen, die Hände wieder normal zu benutzen, das ist die große Kunst", sagt der Vater.

Wird Rheuma bei Kindern spät festgestellt, kann es zu Fehlhaltungen, Fehlstellungen, Knochenschwund und Wachstumsstörungen kommen. "Innerhalb weniger Wochen kann man einen Muskelschwund beobachten, aufgrund der Schonung der betroffenen Gelenke", sagt die Kinderrheumatologin Minden. Bei jedem zehnten Kind entwickle sich eine Augenentzündung mit Einschränkung der Sehkraft.

Als betroffene Eltern fühle man sich zunächst allein, sagt Pilawa: "Man ist nicht allein. Es gibt überall Selbsthilfegruppen. Wichtig ist der Austausch über die Netzwerke und das Gefühl, dass man nicht allein ist - das ist das absolut Wichtigste." (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

JAK-Inhibitor

Alopecia areata: Rote-Hand-Brief zu Ritlecitinib

Mögliche frühe Manifestation

Erst das trockene Auge – dann die Autoimmunerkrankung?

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Rheumatoide Arthritis – auch auf die Lunge achten

© Springer Medizin Verlag

Rheumatoide Arthritis – auch auf die Lunge achten

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: medac GmbH, Wedel
Abb. 1: Typische Körperumrisse bei Achondroplasie

© BioMarin

Achondroplasie

Gezielte Therapie: erste Lebensjahre sind entscheidend

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioMarin Deutschland GmbH, Frankfurt am Main
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Nichtinfektiösen Durchfall erkennen

Das sind die Warnzeichen für chronische Diarrhö

Lesetipps
Ärztin mit Patientem

© Alexander Raths / stock.adobe.com

Dermatologin Yael Adler gibt Tipps

Wie man Hypochondern in der Praxis am besten begegnet

Eine Ärztin spricht mit einer Patientin.

© Monkey Business / stock.adobe.com

Biopsychosozial vorgehen!

So unterstützen Sie Ihre Patienten bei funktionellen Körperbeschwerden

Die Ärzte Zeitung ist jetzt auch auf Instagram aktiv.

© prima91 / stock.adobe.com

Social Media

Folgen Sie der Ärzte Zeitung auf Instagram