Antibiotic Stewardship

Zu Antibiotika braucht es Programme für die Praxis

Die meisten Leitlinien haben 100 und mehr Seiten – für die Praxis zu lang. Niedergelassene Ärzte brauchen einfache und nützliche Tools. Das gilt auch beim Thema Antibiotika.

Veröffentlicht: 21.01.2020, 14:36 Uhr

München. Leitlinien werden von niedergelassenen Ärzten oft nicht genutzt. Der Grund ist simpel: Sie sind zu lang. „Die Leitlinie Rhinosinusitis hat rund 100 Seiten“, sagte Dr. Michael Hubmann bei einer Veranstaltung in München.

Zudem gebe es zwischen Definitionen in Leitlinien und Einschätzungen der Patienten deutliche Differenzen. „Welcher Patient empfindet seine Rhinosinusitis als akut, wenn diese zehn Wochen besteht?“, fragte der Pädiater aus Zirndorf. Doch die „Leitlinie Rhinosinusitis“ (AWMF-Register-Nr. 017/049) sehe als Definition für eine akute Rhinosinusitis eine Dauer bis zu zwölf Wochen vor. Für den niedergelassenen Bereich brauche es handhabbare und leicht umzusetzende Programme. Das gelte auch beim Thema Antibiotika.

Praktikables Fortbildungskonzept

Hubmann warnte: Würde sich nichts ändern, könnten sich WHO-Prognosen für das Jahr 2050 bewahrheiten und die Zahl der Toten aufgrund von Resistenzen dann weltweit zehn Millionen betragen. Alle drei Sekunden stürbe dann ein Mensch an einem nicht mehr mit Antibiotika behandelbaren bakteriellen Infekt.

Es gebe Fortbildungen und Programme wie das Antibiotic Stewardship (ABS), diese seien aber im Wesentlichen für den stationären Bereich ausgelegt. „Ein sinnvolles und praktikables Fortbildungskonzept für den ambulanten Bereich fehlt.“

Der Pädiater setzt sich für den Aufbau von ABS-Standards durch ärztliche Qualitätszirkel ein. Gerade bei Atemwegsinfekten seien viele Patienten nur minderschwer krank. Hier gehe es um eine leitliniengerechte Therapie und den Verzicht auf Antibiotika bei fehlender Indikation.

„Im ambulanten Bereich muss etwas passieren“

Dass auch im ambulanten Bereich etwas passieren müsse, verdeutlichte Hubmann mit einer Studie (Pharmacoepidemiol & Drug Safety 2018; 27(12): 1344). Darin wurden Antibiotika-Verordnungen im ambulanten Bereich in den Niederlanden und Deutschland verglichen. Die Zahl der verordneten Tagesdosen (DDD) pro 1000 Einwohner (EW) war in Deutschland deutlich höher als in den Niederlanden (14,1 versus 9,6).

Drastische Unterschiede gab es bei den Cephalosporinen, so Hubmann bei einer von Bionorica SE unterstützten Veranstaltung in München. Diese lagen mit 3 DDD/1000 EW in Deutschland auf Platz zwei, spielten mit 0,02 DDD/1000EW in den Niederlanden jedoch keine Rolle. Als Erklärung nannte der Pädiater, dass es in den Niederlanden keine freie Arztwahl gebe, deutsche Kollegen hingegen oft Angst hätten, Patienten zu verlieren, würden sie gewünschte Antibiotika nicht verordnen. „Diese Angst ist meiner Meinung nach oft unbegründet“, so Hubmann.

Gemeinsame Entscheidungsfindung

Um das Thema ABS in den niedergelassenen Bereich zu bringen, hat Hubmann zusammen mit Ärzten mehrerer Disziplinen den Verein „European Society for Antibiotic Stewardship“ (ESABS) gegründet. Im ersten Schritt soll eine ABS-Schulung für die Praxis entwickelt werden.

Die gemeinsame Entscheidungsfindung mit dem Patienten („shared dicision making“), der Einsatz eines Bedarfsrezeptes („delayed prescription“), von POC („point of care“)-Diagnostik oder das Verordnen evidenzbasierter Phytotherapeutika seien wichtige Werkzeuge für eine rationale Therapie etwa bei Atemwegsinfekten. Auch die Kenntnis der lokalen Resistenzlage ist für Hubmann Teil des „Antibiotic Stewardship“ für die Praxis. (hub)

Was sagen Ärzte zum Thema Prävention und Therapie von Atemwegsinfekten sowie zum rationalen Einsatz von Antibiotika? Springer Medizin sprach mit Allgemeinmedizinern, Pädiatern, Pneumologen, HNO-Ärzten und Mikrobiologen. Hier die Interviews: https://www.springermedizin.de/atemwegsinfektionen-ad-bionorica/15035374

Quelle: Veranstaltung „Einsatz von Antibiotika bei Atemwegsinfekten? Zeit für einen Paradigmenwechsel!“ 2019 in München, Veranstalter: Bionorica SE

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