Nordrhein-Westfalen

Bezugsarzt verbessert die Versorgung psychisch Kranker

Wenn Bezugsärzte die Versorgung koordinieren, profitieren die Patienten. Das zeigen Ergebnisse aus einem vom Innovationsfonds geförderten Projekt.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Im Modellprojekt koordiniert der Bezugsarzt oder -therapeut die Versorgung der psychisch kranken Patienten.

Im Modellprojekt koordiniert der Bezugsarzt oder -therapeut die Versorgung der psychisch kranken Patienten.

© Chinnapong / stock.adobe.com

Düsseldorf. Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen profitieren von der Betreuung durch einen Bezugsarzt oder Bezugstherapeuten. Sie nehmen Versorgungs- und Unterstützungsleistungen gezielter in Anspruch, in akuten Krankheitsphasen werden sie engmaschig begleitet.

Das zeigt das nordrheinische Versorgungsprojekt „Neurologisch-psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung“ (NPPV). Das Versorgungsmodell NPPV wird mit knapp 13 Millionen Euro vom Innovationsfonds gefördert. Die KV Nordrhein (KVNo) ist Konsortialführer, Projektpartner sind die AOK Rheinland/Hamburg und der Landesverband Nordwest der BKKen.

Eigentlich sollte das Projekt Ende März 2021 enden. Aufgrund der Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie wurde die Laufzeit bis Ende 2021 verlängert. Erst dann folgt die Evaluationsphase. Ziel ist die Einschreibung von 14.000 Patienten. „Bis zum Beginn der Pandemie lagen wir gut im Plan“, berichtet René Engelmann, Netzwerkmanager beim Unternehmen IVP Networks. Ende Dezember waren mehr als 12.000 Erkrankte dabei.

Lockdown behindert die Akquise

Durch den Lockdown seien viele Patienten den Praxen ferngeblieben, die Akquise neuer Teilnehmer sei dadurch schwierig geworden, sagt er. Es beteiligen sich 284 Psychotherapeuten und 396 Fachärzte. Bei ihnen stellen die Ärzte für Nervenheilkunde/Neurologie und Psychiatrie die stärkste Gruppe (18 Prozent aller am Netzwerk beteiligten Fachgruppen), gefolgt von Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie (16 Prozent) und Neurologen (15 Prozent).

Die Bezugsärzte und -therapeuten übernehmen die Koordination der Versorgung. Die meisten der Patienten haben einen Bezugsarzt. Die NPPV richtet sich an volljährige Patienten mit Erkrankungen aus sieben Diagnosegruppen: affektive Störungen inklusive Depression; Psychosen inklusive manischer Episode und bipolarer affektiver Störung; komplexe Traumafolgestörungen; Hirnorganisches Syndrom inklusive Demenz; Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Schlaganfall. Mit 63 Prozent sind Patienten mit einer Depression die größte Gruppe, gut ein Viertel der Patienten hat eine neurologische Diagnose.

Die Auswertung der Daten und eine Stichprobenanalyse belegen laut Qualitätsbericht 2020 zur NPPV, dass die intensivierte Betreuung Wirkung zeigt. So verbessert sich das Funktionsniveau der Patienten – bei chronisch fortschreitenden Erkrankungen kann eine Verschlechterung zumindest verlangsamt werden. Ein wichtiges Ergebnis der Auswertung: Je häufiger die Patienten Kontakt zum Bezugsarzt oder -therapeuten haben, desto stärker profitieren sie. Leistungen werden gezielt in Anspruch genommen, so Engelmann.

Durch die Begleitung nehmen die Patienten häufiger niederschwellige Gruppenangebote an, zum Beispiel zu Psychoedukation, Neuroedukation oder Angehörigenberatung in Anspruch. „Sie erhalten auch kurzfristig Termine für eine Psychotherapie.“ Bewährt habe sich auch die Arbeit mit der webbasierten Plattform IVPnet. Sie unterstützt Ärzte und Therapeuten bei Koordinations- und Administrationsaufgaben. Vor allem führt sie die Nutzer durch die Behandlungspfade.

Viele Partner sollen mit ins Boot

Ein Beispiel ist die Organisation von Gruppenangeboten, über die sie einen Überblick erhalten. „Der Arzt ist nicht verpflichtet, dem Patienten eine Gruppe zu empfehlen, aber er muss zu dem Thema Stellung nehmen“, erläutert Engelmann. Die Teilnahmerate an Gruppen ist in der NPPV deutlich gestiegen. Um auch während der Corona-Pandemie eine Behandlungskontinuität zu gewährleisten, haben die Beteiligten die Telemedizin in das Konzept integriert. Bezugskontakte und Krisensprechstunden sind seit März 2020 telefonisch oder per Videosprechstunde möglich.

Das Versorgungsnetz ist nicht auf Psychotherapeuten und Fachärzte begrenzt. Ziel ist es, möglichst viele Hausärzte, Kliniken, Selbsthilfekontaktstellen und weitere Akteure mit ins Boot zu holen, betont Engelmann. „Wir sprechen alle an und zwar fortlaufend.“ Die Resonanz sei überwiegend positiv.

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