Corona-Splitter der KW 49

Experimentelles Virostatikum hemmt SARS-CoV-2 im Tiermodell

Ein gegen Influenzaviren entwickeltes orales Virostatikum hat sich im Tiermodell auch als wirksam gegen SARS-CoV-2 erwiesen. In einer weiteren Studie war die Einnahme von Metformin bei Typ-2-Diabetikerinnen mit einem geringeren COVID-19-Sterberisiko assoziiert – nicht aber bei Männern.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek und Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht:
Keine Lust aufs Essen? Übelkeit und Geschmacksverlust deuten bei Kindern eher auf COVID-19 als Atemwegssymptome.

Frettchen im Visier von Arzneimittelforschern: Nach Behandlung mit dem Virostatikum Molnupiravir wurde SARS-CoV-2 von infizierten Tieren nicht auf Kontakttiere übertragen.

© Vladislav Pavlovich / stock.adobe.com

Update vom 4. Dezember

Das experimentelle orale Virustatikum Molnupiravir (4482/EIDD-2801) könnte ein Therapieansatz zur Behandlung von COVID-19 sein. Das Medikament wurde zur Behandlung von Influenzainfektionen entwickelt und wird derzeit in diesem Kontext in Phase-II/III-Studien getestet. Nun hat es sich in ersten Versuchen am Tier auch als wirksam gegen SARS-CoV-2 erwiesen: Frettchen, die sich mit SARS-CoV-2 infizieren lassen und in deren Nasen- und Rachenraum das Virus schnell repliziert, wurden zweimal täglich mit Molnupiravir in Kapselform behandelt. Die Viruslast ließ sich damit signifikant reduzieren, eine Übertragung von SARS-CoV-2 auf Kontakttiere fand nicht statt, berichtet das Team um Dr. Robert Cox und Josef Wolf von der Georgia State University in Atlanta. Unerwünschte Wirkungen seien bei den Tieren nicht aufgetreten. MK-4482/EIDD-2801 ist ein Prodrug des Nukleosid-Analagons N4-Hydroxycytidin, das die Replikation von Influenzaviren blockieren kann (Nature Microbiology; online 3. Dezember).

Nehmen Frauen mit Typ-2-Diabetes oder mit Adipositas Metformin ein, ist dies im Vergleich zu Frauen ohne das Antidiabetikum bei COVID-19 mit einem verringerten Sterberisiko assoziiert, berichten US-Forscher vom Department of Medicine der University of Minnesota. Bei betroffenen Männern zeigt sich diese Assoziation nicht. Die Forscher haben retrospektiv Daten von 6256 Patienten mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas (medianes Alter 73 Jahre) analysiert. Diese waren zwischen Januar und Anfang Juni stationär wegen COVID-19 behandelt worden. Gut die Hälfte der Teilnehmer waren Frauen. Von den 2333 Patienten mit Metformin starben 394 (17 Prozent), von den 3923 Teilnehmern ohne das Antidiabetikum 791 (20 Prozent). Bei genauer Betrachtung zeigte sich aber folgende Assoziation: Frauen mit Metformin hatten im Vergleich zu Frauen ohne Metformin ein um 11 Prozent verringertes Sterberisiko (HR: 0,89). Bei Männern mit Metformin war das Sterberisiko im Vergleich zu Männern ohne nicht statistisch signifikant verringert (HR: 0,95). Typ-2-Diabetes und Adipositas gehen mit chronischer Entzündung einher und sind Risikofaktoren für schwere COVID-Verläufe. Eine mögliche Schutzwirkung von Metformin ließe sich mit zytokin-reduzierenden und geschlechtsspezifischen immunmodulierenden Effekten erklären, so die Forscher (Lancet Health Longevity 2020; online 3. Dezember).

Update vom 3. Dezember

Die WHO empfiehlt das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) in Regionen mit hohen Infektionszahlen nun auch in der eigenen Wohnung, wenn Besuch empfangen wird und nicht für eine ausreichende Belüftung gesorgt werden kann. Dies gelte unabhängig davon, ob ein Mindestabstand von einem Meter eingehalten werden kann oder nicht. Auch im Freien sollte MNS getragen werden, wenn es nicht möglich ist, einen Ein-Meter-Mindestabstand einzuhalten. Dies gelte besonders für Risikogruppen. Bei sportlicher Aktivität könne auf die Maske verzichtet werden, wenn der MNS die Atmung einschränkt. Grundsätzliche gelte auch hier die Regel für einen Mindestabstand von einem Meter. Der Nutzen eines MNS ist für die WHO allerdings weiterhin unklar: „Derzeit gibt es nur eingeschränkte und inkonsistente wissenschaftliche Hinweise, die für die Effektivität eines MNS gegen Atemwegsinfektionen auslösende Viren wie SARS-CoV-2 bei gesunden Menschen sprechen“, heißt es in den Empfehlungen (WHO-Empfehlungen, Stand 1. Dezember).

Vier bereits bei anderen Indikationen eingesetzte Medikamente haben sich bei COVID-19 als kaum wirksam erwiesen. Entsprechende Zwischenergebnisse des „WHO Solidarity Trial“ sind jetzt von Experten der Studiengruppe vorgestellt worden. Ziel von Solidarity ist, das Potenzial von Remdesivir, Hydroxychloroquin, Lopinavir und Interferon für ein sogenanntes „repurposing“ zu untersuchen. An der Studie hatten 405 Kliniken in 30 Ländern mit 11.330 erwachsenen COVID-19-Patienten teilgenommen. Ergebnisse: Im Remdesivir-Arm der Studie mit 2743 Patienten starben 301 in der Verum- und 303 in der Placebogruppe. Im Hydroxychloroquin-Arm gab es unter 947 Patienten 104 (Verum) und 84 (Placebo) Todesfälle. Auch bei Lopinavir und Interferon waren keine signifikanten Unterschiede bei der Mortalität zwischen Verum- und Placebogruppe zu sehen. Zudem wurden weitere Parameter wie Notwendigkeit zu mechanischer Beatmung oder auch der Dauer von Klinikaufenthalten durch die Medikamente nur wenig bis überhaupt nicht verbessert (NEJM 2020; online 2. Dezember).

Update vom 2. Dezember

Die Gabe intravenöser Immunglobuline (IVIG) bei COVID-19-Patienten mit moderater oder schwerer Hypoxie könnte das Fortschreiten der Erkrankung verhindern. Das berichten Forscher sowie der Hersteller des eingesetzten Medikaments beim diesjährigen Kongress der American Society of Hematology. An der kleinen Studie nahmen 33 Patienten von zwei Kliniken in San Diego teil, die unter Hypoxie litten und bei denen das Risiko für eine mechanische Beatmung hoch war. Die eine Hälfte erhielt das IVIG-Medikament Octagam® 10% (das etwa bei primären und sekundären Immundefekten eingesetzt wird) in der Dosierung 0,5 g/kg/Tag an drei aufeinanderfolgenden Tagen, die andere Hälfte die Standardbehandlung. Unter Octagam® 10% mussten weniger Patienten mechanisch beatmet werden (sechs in der Standardtherapiegruppe, zwei in der Octagam® 10%-Gruppe). Zudem war die Liegezeit auf der Intensivstation in der behandelten Gruppe deutlich kürzer (3 vs. 13 Tage). Der Hersteller Octapharma will jetzt eine Phase-III-Studie starten (Postervorstellung beim ASH-Kongress, online 2. Dezember).

Desinfektionsmittel ohne Alkohol können SARS-CoV-2 wohl genauso effektiv inaktivieren wie solche mit Alkohol. In einem Test mit vier in den USA üblichen Desinfektionsmitteln mit 0,2-prozentigem Benzalkoniumchlorid oder quartären Ammoniumverbindungen (Quat), aber ohne Alkohol, waren bei dreien nach 15 Sekunden keine Viren mehr nachweisbar, bei einem nach 30 Sekunden. Wie das Team um Benjamin Ogilvie, Brigham Young University in Provo, schreibt, seien die Erkenntnisse gerade für Mitarbeiter im Gesundheitswesen interessant. „Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis werden als einzige von der CDC empfohlen und waren bei der Eindämmung und Kontrolle der SARS-CoV-2-Pandemie die erste Wahl, was allerdings auch zu Engpässen geführt hat“. Händedesinfektionsmittel mit 0,2-prozentigem Benzalkoniumchlorid wirkten ebenso gut und könnten breiter eingesetzt werden (J Hospital Inf 2020; online 28. November).

Eine Metaanalyse bestätigt: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass RAAS-Inhibitoren das Infektionsrisiko für SARS-CoV-2 erhöhen. Es gibt daher auch keinen Grund, ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorblocker (Sartane) abzusetzen, betont das Team um Professor Berthold Hocher und Professor Bernhard Krämer, Universitätsmedizin Mannheim. Vielmehr sei wohl das Gegenteil der Fall: Patienten, die ACE-Hemmer einnehmen, scheinen im Vergleich zu Patienten ohne Medikamenteneinnahme dieser Wirkstoffklasse, ein um 13 Prozent geringeres Risiko für eine SARS-CoV-2 Infektion zu haben (elf Studien; insgesamt 8,4 Millionen Patienten). Auch in Bezug auf die Mortalität haben sich in der Metaanalyse vorteilhafte Assoziationen gezeigt: COVID-19-Patienten, die RAAS-Inhibitoren einnehmen, haben demnach ein um 24 Prozent geringeres Mortalitätsrisiko (34 Studien; insgesamt 67.644 Patienten). Die Forscher betonen allerdings, dass die Effekte in Placebo-kontrollierten Interventionsstudien überprüft werden müssten, um eine sichere Aussage treffen zu können (Brit J Clin Pharmacol 2020; online 20. November).

Update vom 1. Dezember

SARS-CoV-2 gelangt möglicherweise über die Neuronen des Riechepithels direkt ins Gehirn. Ein Team um Forscher der Charité hat im Nasopharynx und im Gehirn von gestorbenen COVID-19-Patienten per Elektronenmikroskopie intakte Viruspartikel nachweisen können. Die Partikel fanden sich dabei im Inneren der Neuronen und auf den Fortsätzen der dort ansässigen Deckzellen. Auf Basis dieser Daten gehen die Wissenschaftler davon aus, dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann. Dies sei anatomisch naheliegend: Hier befinden sich Schleimhautzellen, Blutgefäße und Neuronen sehr nah beieinander. Noch nicht abschließend geklärt ist, wie exakt das Virus sich weiterbewegt. Die Daten sprechen den Autoren zufolge dafür, dass das Virus von Nervenzelle zu Nervenzelle wandert, um das Gehirn zu erreichen. Vermutlich wird das Virus aber gleichzeitig auch über das Blutgefäßsystem transportiert, da sich auch in den Gefäßwänden im Gehirn Virus nachweisen ließ. Auch die häufig auftretenden Riech- und Geschmacksstörungen ließen sich mit diesen Erkenntnissen erklären. Letztautor Professor Frank Heppner betont in einer Mitteilung aus Anlass der Publikation aber: „Wichtig ist, dass die von uns untersuchten COVID-19-Betroffenen einen schweren Verlauf hatten. Die Ergebnisse unserer Studie können deshalb nicht zwangsläufig auf leichte oder mittelschwere Fälle übertragen werden“ (Nature Neuro Science, online 30. November).

Mit einem „Riechtraining“ könnten sich durch COVID-19 verursachte und oftmals lang anhaltende Riechstörungen behandeln lassen. Das lässt eine Studie unter Leitung der Carl-Gustav-Carus-Universität in Dresden vermuten. Bei diesem Training riechen die Patienten zweimal täglich mehrere Sekunden lang an vier verschiedenen Düften, und dies über mehrere Monate hinweg. Erprobt hatte das Team um Dr. David Liu die Riechtherapie unter anderem an 153 Patienten mit Riechstörungen nach einer viralen Infektion. Die Patientendaten wurden in den Jahren 2008 bis 2018 erfasst, also in Prä-COVID-19-Pandemiezeiten. Dennoch könne man aus den Ergebnissen schließen, dass sich die Riechtherapie auch für COVID-19-Patienten eignet: Durch das Training habe sich bei den Patienten die Unterscheidung der vier Düfte untereinander sowie die Zuordnung eines Dufts signifikant gebessert, schreiben die Forscher (Laryngoscope 2020; online 19. November).

Update vom 30. November

Seltene Zellen im Blut könnten auf schweren COVID-19-Verlauf hinweisen. Eine hohe Konzentration zweier Vorläuferzellen von Blutzellen, und zwar von Megakaryozyten und unreifen Erythrozyten, ist einer kleinen Studie zufolge mit einem schweren COVID-19-Verlauf assoziiert. Das ist vor allem überraschend, weil diese Vorläuferzellen sich normalerweise nicht im Blut, sondern im Knochenmark befinden. Solche „Ausschwemmungen“ von Vorläuferzellen ins Blut sind bekannt von schwerkranken Sepsis-Patienten. Für COVID-19 war dies bisher so nicht beschrieben worden, berichtet ein Team um Dr. Joana Bernardes, Dr. Neha Mishra und Dr. Florian Tran, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und Uniklinikum Schleswig-Holstein. Die Megakaryozyten spiegelten dabei ein bekanntes COVID-19-Problem wider: Eine der häufigsten direkten Todesursachen bei COVID-19 sind Gerinnungsprobleme. Die aktivierten Megakaryozyten im Blut brächten möglicherweise Thrombozyten hervor, die leichter aggregieren und damit zu den Gerinnungsproblemen führen. Die Forscher hatten für die Studie Blutproben von 14 Patienten untersucht, die wegen COVID-19 stationär behandelt wurden (Immunity 2020; online 26. November).

Auch einige mild erkrankte COVID-19-Patienten erholen sich nur langsam, selbst wenn sich die Befunde im Röntgenthorax gebessert haben: In einer Studie des Radboud University Medical Center in den Niederlanden haben Dr. Bram van den Borst und sein Team 124 COVID-19-Patienten drei Monate nach ihrer Genesung ausführlich untersucht. 27 waren mild, 51 moderat, 26 schwer und 20 kritisch erkrankt. Obwohl die Anzeichen der akuten Pneumonie bei den mild Erkrankten abgeklungen und bei 93 Prozent im Röntgenthorax nicht mehr nachweisbar waren, hatten die Patienten weiterhin eine eingeschränkte Lungenfunktion. Im CT zeigten sich etwa bei 99 Prozent aller 124 Patienten Milchglastrübungen in der Lunge, bei 91 Prozent waren Veränderungen im Lungenparenchym nachweisbar (Clinical Inf Dis; online 21. November).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage nun wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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