Corona-Splitter der KW 50

Österreich: Mehr als doppelt so viele SARS-CoV-2-Infizierte wie bekannt

Blick auf neue Corona-Studien: Einer Hochrechnung zufolge haben etwa 349.000 Österreicher eine Corona-Infektion hinter sich – zu 60 Prozent könnte deren Infektion gar nicht behördlich erfasst worden sein. Außerdem kommen neurologische Folgen von SARS-CoV-2 wohl häufiger vor als gedacht.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek und Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht:
Keine Lust aufs Essen? Übelkeit und Geschmacksverlust deuten bei Kindern eher auf COVID-19 als Atemwegssymptome.

Gleich kommen Salzburg und der Mondsee: Jeder zwanzigste Österreicher hatte womöglich SARS-CoV-2.

© Weingartner / CHROMORANGE / picture alliance

Update vom 11. Dezember

4,7 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahren hat wohl Antikörper gegen SARS-CoV-2. Das wären rund 349.000 Personen, die eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, darunter vermutlich etwa 61 Prozent behördlich unbekannte Infektionen, wie die Statistik Austria am Freitag mitteilte. Grundlage dieser Hochrechnung sind Stichprobendaten zur Seroprävalenz als Teil der bundesweiten COVID-19-Prävalenzstudie, an der auch die MedUni Wien und das Österreichische Rote Kreuz beteiligt sind. Dafür war im November 2020 insgesamt 2229 Personen Blut entnommen worden, bei 92 Proben konnten Antikörper nachgewiesen werden.

Welche neurologischen Auswirkungen COVID-19 hat, haben Forscher aus Boston in einer sehr kleinen Studie untersucht. Dafür haben sie zwischen April und Juli 2020 Daten von 74 Patienten eines „safety-net“-Krankenhauses ausgewertet, dessen Patienten größtenteils benachteiligte, geringverdienende und ältere Patienten sind (medianes Alter 64 Jahre). 47 Patienten (64 Prozent) hatten vor der Krankenhausaufnahme mindestens eine neurologische Erkrankung gehabt. Von den 74 Patienten wurden bei 39 (53 Prozent) kognitive Beeinträchtigungen, bei 18 (24 Prozent) Fatigue und bei 15 (20 Prozent) Patienten ein ischämischer Schlaganfall festgestellt (Neurol Clin Pract 2020; online 9. Dezember).

Update vom 10. Dezember

Statine, ACE-Hemmer und Kalzium-Kanal-Blocker gehen offenbar mit einem verringerten Mortalitätsrisiko einher. Darauf deuten Ergebnisse einer US-Kohortenstudie mit Daten von rund 65.000 COVID-19-Patienten aus 592 Krankenhäusern. Die Patienten waren sowohl ambulant als auch stationär zwischen April und Mai 2020 behandelt worden. Mit einer erhöhten Sterblichkeit war am stärksten – wie zu erwarten – ein fortgeschrittenes Alter assoziiert. Die Odds Ratio (OR) lag bei 16,2 für Tod bei einem Alter über 80 Jahren verglichen mit einem Alter von 18 bis 34 Jahren. Mit einer niedrigeren Mortalität ging hingegen der fortgesetzte Erhalt von Kalzium-Kanal-Blockern (OR 0,73), Statinen (OR 0,6) und ACE-Hemmern (OR 0,53) einher. Außerdem wurde die Mortalität von Patienten, die Hydroxychloroquin oder Azithromycin erhalten hatten, mit der von Patienten verglichen, die diese Arzneien nicht erhalten hatten: Bei Ersteren war das Mortalitätsrisiko höher (OR 1,21) (JAMA Netw Open 2020; online 10. Dezember).

Update vom 9. Dezember

Die Deutschen sind nach dem ersten Lockdown im Frühjahr schwerer geworden. Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts (RKI) habe das mittlere Körpergewicht im Zeitraum April bis August 2019 bei 77,1 Kilo gelegen, im gleichen Zeitraum dieses Jahres bei 78,2 Kilo. Der mittlere BMI stieg von 25,9 im April bis August 2019 auf 26,4 im Vergleichszeitraum 2020. Die Ergebnisse kommen aus einer bundesweiten telefonischen Befragung der Bevölkerung ab 15 Jahren zwischen April 2019 und September 2020 unter rund 23.000 Teilnehmer. Möglicherweise hätten sich die Eindämmungsmaßnahmen auf das Ernährungs- und Bewegungsverhalten ausgewirkt, hieß es (J Hea Mon 2020; online 9. Dezember).

Im Freien ist das SARS-CoV-2-Infektionsrisiko um ein vielfaches geringer, bestätigt eine Metaanalyse von zwölf internationalen Studien. In fünf Studien betrug der Anteil der Transmissionen, die mutmaßlich draußen stattgefunden hatten, weniger als zehn Prozent, eine Studie beziffert das Risiko einer Infektion im Freien als knapp 19-mal niedriger als innerhalb geschlossener Räume. Die Autoren der Metaanalyse schränken jedoch ein, dass sich auch im Freien Sorglosigkeit und mangelnde Schutzmaßnahmen rächen können: Im September 2020 wurden zum Beispiel im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington von den 200 Anwesenden im Nachhinein mindestens zehn Personen, darunter der US-Präsident und mehrere Berater, positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Masken hatten die wenigsten getragen, auf den eng gestellten Stuhlreihen hatte man quasi Schulter an Schulter gesessen. Mehrere Teilnehmer hatten sich zudem im Lauf der Veranstaltung umarmt und Hände geschüttelt. Wenn auf die Einhaltung von Abstandsregeln und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes geachtet wird, plädieren die Forscher jedoch dafür, möglichst viele Indoor-Aktivitäten und gegebenenfalls auch Schulstunden ins Freie zu verlegen (J Infect Dis 2020; online 29. November). (eo)

Update vom 8. Dezember

Wie hoch ist das Risiko, als Patient mit COVID-19 Komplikationen zu entwickeln? Das haben Wissenschaftler aus Buffalo im US-Bundesstaat New York untersucht. Dafür werteten sie Daten von 70.288 Patienten mit COVID-19 aus, die in den USA zwischen März und April 2020 behandelt wurden. Die Patienten waren im Mittel 65 Jahre alt, gut die Hälfte von ihnen wurde stationär behandelt, etwa fünf Prozent auf der Intensivstation. Die Forscher untersuchten, welche Komplikationen bei den Patienten insgesamt häufig beobachtet wurden. Im Ergebnis haben eine starke Assoziation mit COVID-19 und ein hohes absolutes Risiko: virale Pneumonie (absolutes Risiko 27,6 Prozent), Lungenversagen (22,6 Prozent), akutes Nierenversagen (11,8 Prozent) und Sepsis (10,4 Prozent). Beschwerden, die eine starke Assoziation mit COVID-19, aber ein niedriges absolutes Risiko haben, sind Pneumothorax (absolutes Risiko 0,4 Prozent), Myokarditis (0,1 Prozent) und disseminierte intravasale Koagulopathie (0,1 Prozent) (CMAJ 2020; online 7. Dezember).

Update vom 7. Dezember

SARS-CoV-2 und Entbindungen: Medizinisch spricht wohl nichts dagegen, SARS-CoV-2 infizierten Müttern von Neugeborenen zu erlauben, die Neugeborenen im selben Zimmer zu behalten und sie zu stillen, wenn sie dazu in der Lage sind. Das bestätigt eine prospektive Multicenter-Studie mit 62 Neugeborenen und 61 Müttern aus Norditalien. Diese wurden zwischen März und Mai 2020 in sechs Geburtskliniken in der Lombardei für im Mittel 20 Tage nach der Geburt beobachtet. Im Ergebnis blieben 61 Babies gesund, bei einem Neugeborenen wurde eine Infektion festgestellt, das daraufhin eine transiente milde Dyspnoe entwickelte, die nach einigen Tagen verschwand. Am 30. Tag konnte in einem nasopharyngealen Abstrich SARS-CoV-2 nicht mehr festgestellt werden. Im Oktober waren Wissenschaftler aus New York zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen (wir berichteten im Update vom 13. Oktober). Die italienischen Forscher vermuten, dass die Muttermilch bei den gestillten Neugeborenen eine protektive Wirkung vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 gehabt haben könnte, möglicherweise durch spezifisches Immunglobulin-A oder durch die bekannten immunologischen Eigenschaften der Muttermilch selbst (JAMA Pediatrics 2020; online 7. Dezember).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage nun wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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