COVID-19-Splitter der KW 45

STEMI bei COVID-19 womöglich „thrombotischer“

Auch in London wurden im ersten Corona-Lockdown weniger Herzinfarkt-Patienten hospitalisiert. Kamen sie dann doch und hatten sie auch COVID-19, war ihr Risiko deutlich erhöht.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek und Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht: 09.11.2020, 17:23 Uhr
Rettung in London: Dort wurden im Frühjahr weniger STEMI-Patienten hospitalisiert.

Rettung in London: Dort wurden im Frühjahr weniger STEMI-Patienten hospitalisiert.

© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Update vom 6. November

COVID-19 geht bei Infarktpatienten mit ausgeprägteren Koronarthrombosen einher. Darauf deutet eine retrospektive Auswertung von 348 STEMI-Fällen aus sieben Londoner Herzzentren im März und April. Die Daten hatten die Forscher mit denen von 440 Fällen aus dem Vorjahreszeitraum verglichen. Danach wurden während der Corona-Pandemie 21 Prozent weniger STEMI-Patienten hospitalisiert. Die STEMI-Patienten mit COVID-19 hatten ausgeprägtere Koronarthrombosen und waren häufiger intensivpflichtig als Patienten ohne eine SARS-CoV-2-Infektion (33 vs. 9 Prozent). Auch das Sterberisiko war bei COVID-19 erhöht: 22 vs. 9 Prozent (Open Heart 2020; 7: e001432).

SARS-CoV-2 in Singapur hat besonders in Haushalten zu Sekundärinfektionen geführt. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher, die die Daten von 1114 Infizierten und 7770 Kontakten aus dem Frühjahr untersucht haben. Körperliche Nähe, das Teilen eines Schlafzimmers, lange Gespräche während des Kontaktes und gemeinsame Autofahrten waren danach weitere Risikofaktoren für eine Übertragung von SARS-CoV-2. Im Gegensatz dazu führten gemeinsame Mahlzeiten oder die gemeinsame Nutzung von Toiletten nicht zu einem zusätzlichen Anstieg des Infektionsrisikos (Lancet Infect Dis 2020; online 2. November).

Update vom 5. November

Statine sollten nicht aufgrund der COVID-19-Pandemie oder einer SARS-CoV-2-Infektion abgesetzt werden. Denn: Bei COVID-19-Patienten, die bereits vor ihrer Hospitalisierung mit Statinen behandelt wurden, lässt sich eine verringerte Mortalität feststellen, berichten spanische Forscher. Sie werteten dazu Daten von 2159 COVID-19-Patienten aus 19 katalonischen Krankenhäusern aus. Ein Ergebnis: Die Sterberate von Patienten ohne Statinbehandlung lag bei 25,4 Prozent, die von Patienten mit Statinbehandlung bei 19,8 Prozent. Das entspricht einer um relative 22 Prozent niedrigeren Rate. Wurde die Statinbehandlung in der Klinik fortgesetzt, war dieser Wert sogar um relative 25 Prozent niedriger. Patienten unter Statintherapie hatten auch – allerdings statistisch nicht signifikant – weniger schwere Covid-19 Verläufe. (Eur Heart J Cardiovasc Pharmacother 2020; online 2. November).

Eine SARS-CoV-2-Infektion kann unter besonderen Umständen auch mehrere Monate andauern: Wissenschaftler aus Hamilton im US-Staat Montana berichten von einer 71-Jährigen mit lymphatischer Leukämie und erworbener Hypogammaglobulinämie, die bei Klinikaufnahme wegen akuter Anämie auch positiv auf SARS-CoV-2 in den oberen Atemwegen getestet wurde. Viren konnten über einen Zeitraum von 105 Tagen nach dem ersten positiven Test hinweg nachgewiesen werden. 70 Tage lang waren die Viren auch infektiös. Die Frau blieb über die gesamte Zeit von mehr als drei Monaten asymptomatisch. Den Forschern zufolge konnte sich das Virus so lange im Körper der Patientin halten, da ihr geschwächtes Immunsystem nicht zu einer entsprechenden Immunantwort in der Lage war. Die Patientin erhielt zwei Zyklen von Rekonvaleszentenplasma. Erst einige Wochen danach war das Virus dann nicht mehr nachweisbar (Cell 2020; online 4. November).

Update vom 4. November

SARS-CoV-2 kann im Lungengewebe einer Studie zufolge zu einem völligen Umbau der Organstruktur führen. Dies könnte auch eine Ursache für COVID-19-Langzeitfolgen sein, vermuten Wissenschaftler um Professor Rossana Bussani von der Universität Triest. Neben den bereits bekannten deutlichen Schädigungen durch thrombotische Ereignisse in den Lungenvenen und –arterien stellten das Team bei Untersuchung von 41 gestorbenen COVID-19-Patienten auch fest, dass die Pneumozyten zum Teil zu einem Syncytium fusioniert waren, dabei also mehrere große Zellen mit jeweils mehreren Zellkernen entstanden sind. Ursache ist wohl die Infektion mit SARS-CoV-2 an sich, die das Verschmelzen der Zellen hervorruft (eBioMedicine; online 3. November).

Das neue Coronavirus kann im Korneagewebe nicht replizieren. Was auch deutsche Opthalmologen bereits berichtet haben, bestätigt nun eine neue Studie: Im Gegensatz zu beispielsweise dem Zika- oder dem Herpes-simplex-Virus-1 ist die Kornea keine Eintrittspforte für SARS-CoV-2. Einige COVID-19-Patienten berichteten zwar von einer Konjunktivitis, diese sei aber wohl eher eine sekundäre Reaktion auf die Inflammation in Folge der Virusinfektion, schreiben die Forscher der University School of Medicine in St. Louis. Für ihre Studie hatte das Team explantierte humane Korneae genutzt und mit einem SARS-CoV-2-Isolat infiziert (Cell Reports 2020; online 3. November).

Update vom 3. November

Schwangere haben wohl ein höheres Risiko als Nichtschwangere für eine Intensivpflicht, mechanisch beatmet werden zu müssen oder zu sterben. Das hat eine Auswertung der US-amerikanischen Seuchenbehörde CDC bestätigt. Die Behörde hatte Daten von rund 1,3 Millionen symptomatischen Frauen in den USA im Alter zwischen 15 und 44 Jahren mit labor-bestätigter SARS-CoV-2-Infektion ausgewertet, darunter Daten von rund 23.000 Schwangeren. Bekannt war bereits, dass Schwangere ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf haben und dass die Diagnose oft schwerer zu stellen ist, da bei ihnen häufig die Symptome Fieber und Myalgie fehlen (siehe unser Corona-Update vom 28. September). Für die CDC-Auswertung justierten die Forscher die Daten für die Faktoren Alter, Ethnizität und Vorerkrankungen. Ergebnis: Schwangere Infizierte hatten im Vergleich mit nichtschwangeren Infizierten ein signifikant höheres Risiko für eine Aufnahme auf die Intensivstation (justiertes relatives Risiko [adjusted risk ratio, ARR]: 3), für invasive Beatmung (ARR 2,9) für eine extrakorporale ECMO-Beatmung (ARR 2,4) und zu sterben (ARR 1,7). Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es während der globalen SARS-CoV-2-Pandemie notwendig ist, Schwangere darin zu beraten, bei COVID-19-Symptomen sofort medizinische Hilfe aufzusuchen und auf entsprechende Vorsichts- und Hygienemaßnahmen zu achten (Morb Mortal Wkly Rep 2020; online 2. November).

Update vom 2. November

Die ASS-Gabe korreliert mit einem besseren COVID-19-Verlauf. Patienten, die mit ASS behandelt wurden, benötigen US-Daten zufolge nur halb so oft ein Intensivbett und eine mechanische Beatmung wie Patienten ohne ASS. Auch das Sterberisiko ist wohl in etwa halbiert. Das berichten Forscher aus Baltimore, die Registerdaten von 412 hospitalisierten COVID-19-Patienten analysiert haben. Bekannt ist ja, dass COVID-19 mit einer erhöhten Thromboseneigung einhergeht, was einerseits zur hohen Sterberate unter älteren Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen beiträgt, andererseits die Lungenfunktion beeinträchtigt: So ist die Rate von Mikrothrombosen in den Alveolarkapillaren bei COVID-19 etwa neunmal so hoch wie bei einer Influenzapneumonie, schreiben die Forscher um Dr. Jonathan Chow. Ob die Patienten bereits vor der Klinikaufnahme ASS bekommen hatten oder erst bei Aufnahme, hatte keinen Einfluss auf den beobachteten Effekt von ASS. Aber: Ob es tatsächlich am ASS oder anderen Faktoren liegt, ist noch unklar. Denn Patienten mit ASS bekommen in der Regel noch weitere kardiovaskuläre Medikamente, die ebenfalls den COVID-19-Verlauf beeinflussen könnten, geben die Forscher zu bedenken (Anesthesia & Analgesia 2020; online 21. Oktober). (mut)

Neuer Arznei-Kandidat? Forscher aus Frankfurt und aus Kent haben in Zellstudien herausgefunden, dass ein Proteaseinhibitor SARS-CoV-2 offenbar an der Replikation und am Zelleintritt hindert. Es handelt sich um den Wirkstoff Aprotinin, der früher zur Behandlung von Blutungen eingesetzt wurde, die auf einer Hyperfibrinolyse beruhen. Aprotinin ist in Russland, laut einer Mitteilung der Universität von Kent zur Veröffentlichung der Studie, als Aerosol zur Behandlung von Patienten mit Influenza zugelassen. Dieses könnte nun zügig auf eine therapeutische Wirkung bei COVID-19 getestet werden. Das Aprotinin-Aerosol könnte bei rechtzeitiger Anwendung eine Progression hin zu einem schweren Verlauf verhindern, mutmaßen die Wissenschaftler (Cells 2020; online 30. Oktober).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage nun wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier.

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