COVID-19-Impfungen

Ärzte müssen Schlingerkurs in der Corona-Politik ausbaden

Der Beschluss von Bund und Ländern, auch Kindern eine Impfung gegen COVID-19 zu ermöglichen, beschert den Arztpraxen einen Massenansturm, befürchtet die KBV. Öl ins Feuer gießt nun das Kanzleramt – Ärzte reagieren vergrätzt.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Kinder und Jugendliche sollen in Kürze die Corona-Impfkampagne einbezogen werden. Ärzte reagieren mit Kritik. Bund und Länder machten Versprechen, die die Niedergelassenen einfangen müssten.

Kinder und Jugendliche sollen in Kürze die Corona-Impfkampagne einbezogen werden. Ärzte reagieren mit Kritik. Bund und Länder machten Versprechen, die die Niedergelassenen einfangen müssten.

© Frank Hoermann / SvenSimon / picture alliance

Berlin. Die Ergebnisse des Impfgipfels kommen in der Ärzteschaft nicht gut an.

„Das ist alles andere als ein gutes Erwartungsmanagement. Es werden Versprechen gemacht, die wieder einmal die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen ausbaden müssen“, warnte der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, am Freitag vor möglichen negativen Folgen vereinbarten generellen Impfangebots an Kinder und Jugendliche. Dies soll voraussichtlich ab 7. Juni der Fall sein.

Bund und Länder hatten am Donnerstag beschlossen, nach der erwarteten Zulassung von Comirnaty® von BioNTech/Pfizer für 12 bis 15-Jährige diese Jahrgänge ganz normal in die bereits laufende Impfkampagne einzubeziehen. Sie sollen sich nach dem Fall der Priorisierung wie alle andere auch um Impftermine bewerben.

„Vorerkrankte Kinder können bevorzugt werden“, merkte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Das könne die Politik so zusagen. Kinder- und Jugendärzte könnten ohnehin schon heute Impfstoff bestellen.

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KBV rechnet mit „Massenansturm“

Die KBV-Spitze rechnet mit Wegfall der Priorisierung mit einem „Massenansturm“ auf die Praxen, ausgelöst auch durch besorgte Eltern. Am Freitagvormittag hatte Kanzleramtsminister Dr. Helge Braun (CDU) regelrecht dafür geworben.

Grundsätzlich sei es sinnvoll, wenn man sich bei einem gesunden Jugendlichen dafür entscheide, ihn impfen zu lassen, sagte Braun im „ARD-Morgenmagazin“. Das solle im Einvernehmen mit den Eltern und mit Beratung eines Arztes erfolgen, so Braun. „Das geht am besten bei den niedergelassenen Ärzten.“

Bei den Vertretern niedergelassenen Ärzten schwollen daraufhin die Kämme. Es dürfe nicht sein, dass Kinder und Jugendliche als große Verlierer der Pandemie zu Impfungen mit unklarem Nutzen für diese Gruppe gedrängt würden. „Wenn sich alle Erwachsenen, für die die Impfung unbestritten sinnvoll ist, impfen lassen, sollte das für die Pandemiekontrolle ausreichend sein“, kritisierte Gassen.

Beck: Es bleibt an den Praxisteams hängen

Es seien nicht die Politiker, die den Patientinnen und Patienten erklärten, was der Unterschied zwischen einem Impfangebot und einem Impftermin sei; das bleibe an den Ärzten hängen, sagte Armin Beck, Vorsitzender des Hausärzteverbands Hessen und im Bundesvorstand des Deutschen Hausärzteverbands am Freitag der „Ärzte Zeitung“.

„Immer wieder werden Erwartungen geschürt, die dann aus ganz praktischen Gründen – in diesem Fall vor allem aufgrund des noch immer knappen Impfstoffs – nicht erfüllt werden können.“ Den daraus entstehenden Frust bekämen insbesondere die Praxisteams ab, sagte Beck. Die Praxen müssten nun insbesondere vor den Sommerferien mit einem höheren Ansturm und größerer Enttäuschung rechnen.

Was genau bedeutet „zusätzlich?

Hintergrund des Ärgers der Ärzte sind Formulierungen in den Vorlagen zum Impfgipfel. „Nachdem eine Zulassung für Personen ab 12 Jahren erteilt worden ist, beabsichtigt der Bund, die zur Erreichung dieses Ziels erforderlichen Impfdosen den Ländern schrittweise aus den Gesamtliefermengen für Juni, Juli und August zusätzlich zur Verfügung zu stellen“, heißt es dort wörtlich.

Das Wort „zusätzlich“ hatte offenbar Erwartungen geweckt. Bereits bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Ministerpräsidentenkonferenz mit Merkel bemühten sich Politiker, die Erwartungen wieder einzufangen. Eine eigene Impfkampagne für die 12-bis 15-Jährigen werde es nicht geben.

Söder: „Impfstoff ist endlich“

„Wir haben dafür keinen zusätzlichen Impfstoff“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) dürr. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) formulierte es blumiger: „Impfstoff ist endlich. Es hat sich herausgestellt, dass es keinen Überfluss gibt. Es geht nur über Umverteilen“, sagte Söder. Er schob nach, dass er die betroffenen Jahrgänge für mental stark genug halte, dass sie die Widrigkeiten der Coronajahre überwinden.

Müller, Söder und Merkel riefen als Zeugen dafür, die angesprochene Altersgruppe nicht eigens mit einem Impfangebot außer der Reihe beglücken zu wollen, einen Arzt auf.

Der Präsident der Ständigen Impfkommission (STIKO), Professor Thomas Mertens, hatte der Bund-Länder-Runde am Donnerstag Rede und Antwort gestanden. Sie habe mitgenommen, dass es sich bei den Empfehlungen der STIKO um einen „sehr sensiblen Akt“ handele, sagte Merkel.

Differenzierte STIKO-Empfehlung erwartet

Die STIKO wird nach der EMA-Zulassung eine Empfehlung ausarbeiten. Die dürfte nach den bisherigen Äußerungen aus der STIKO berücksichtigen, dass man zwar von einem geringen Risiko schwerer Verläufe von COVID-19 in der angesprochenen Altersgruppe ausgehen darf, zur Beurteilung der Risiken der Impfung mit rund 1000 Datensätzen aber vergleichsweise wenig Informationen vorlägen. Es wird daher erwartet, dass die STIKO eine Impfempfehlung vor allem für Risikopatienten unter den 12- bis 15-Jährigen vorbereitet.

Diese Argumentation nutzten die Teilnehmer am Impfgipfel dazu, von den Formulierungen aus ihrer Tagungsvorlage abzurücken. Sie kam ihnen zupass: Schließlich war gleichzeitig bekannt geworden, dass ausgerechnet zum 7. Juni, wenn die allgemeine Priorisierung fallen und die Betriebs- und Privatärzte in die Kampagne einsteigen sollen, für zwei Wochen weniger Comirnaty® als geplant zur Verfügung steht.

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