Pfeilscharfe Kritik vom DGU-Kongress

Deutsches Gesundheitssystem leidet an "Überdosis Ökonomie"

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie feuerte eine scharfe Salve auf das deutsche Gesundheitswesen. Seine Kritik: Ärzte befänden sich in einem chronischen Konflikt aus ökonomischen Zwängen und dem Versuch, gute Medizin zu betreiben.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Alles dreht sich ständig um Geld: Auf dem DGU-Kongress gab es scharfe Kritik an der deutschen Gesundheitsversorgung.

Alles dreht sich ständig um Geld: Auf dem DGU-Kongress gab es scharfe Kritik an der deutschen Gesundheitsversorgung.

© bluedesign / fotolia.com

LEIPZIG. Der weltweit drittgrößte urologische Fachkongress des Jahres, die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), stand im Zeichen scharfer Kritik am deutschen Gesundheitssystem. Dieses leide unter einer "Überdosis Ökonomie", sagte DGU-Präsident Professor Kurt Miller in Leipzig.

Die politischen Bemühungen, das Gesundheitssystem unter anderem mit der Einführung der Fallpauschalen effizienter zu machen, erklärte Miller für gescheitert: Die Fallzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an und die Gesundheitsausgaben seien nicht verringert worden.

Man befinde sich in einem chronischen und sich steigernden Konflikt aus ökonomischen Zwängen und dem Versuch, gute Medizin zu betreiben. Die DGU unterstreicht damit die Kritik, wie sie auch andere Fachgesellschaften, etwa die Internisten und die Chirurgen in jüngster Zeit geäußert haben.

Miller: Qualitätseinbußen schon sichtbar

Miller warnte vor einer Dekompensation des Gesundheitssystems unter dem ökonomischen Druck. Wenn Krankenhausverwaltungen gegenüber Klinikchefs darauf drängten, ökonomische Jahresziele "mit allen Mitteln", so Millers Zitat aus einem Originalbrief, zu erreichen, überrasche es nicht, wenn etwa Op-Zahlen stark stiegen. Qualitätseinbußen würden bereits jetzt sichtbar:

Der "Durchsatz" an Patienten in Krankenhäusern sei gewachsen und die Arbeit sei fehlerträchtiger geworden, stellte Miller fest. Er forderte mehr Mitbestimmung von Ärzten im Gemeinsamen Bundesausschuss. "Ich fühle mich durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztliche Bundesvereinigung im GBA nicht richtig repräsentiert."

Unterstützung erhält die DGU vom Berufsverband Deutscher Urologen (BDU). Dessen Vorsitzender, Dr. Axel Schroeder, möchte Ärzte an maßgeblich verantwortlicher Stelle in die Leitung der Krankenhäuser eingebunden sehen.

Forderung: Ärzte sollen Geschäftsführung kontrollieren

"Als Berufsverband fordern wir Anpassungen in den Leitungsstrukturen der Krankenhäuser, bei der kaufmännischen Leitung, der ärztlichen Direktion und der Pflegeleitung." Ärzte müssten die Geschäftsführung kontrollieren und Missbrauchsmöglichkeiten eindämmen.

So dürften ökonomische Anreize nicht Bestandteil von Bonuszahlungen sein. Schroeder: "Gelten muss wieder der Grundsatz: Ethik vor Ökonomie. Ärztlich-medizinische Entscheidungen müssen Vorrang haben".

Schroeder konstatierte in Leipzig ebenso wie Miller einen Qualitätsverlust im Zuge der Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Qualitätsdiskussionen auf die Ergebnisqualität zu reduzieren, reiche nicht: "Ärztliches Handeln kann kein Ergebnis garantieren, nur intendieren!", sagte er.

Die hohen Qualitätsansprüche würden durch einen Mangel an Zeit für den einzelnen Patienten konterkariert. Schroeder sprach von einer "Verwahrlosung" des Arzt-Patienten-Verhältnisses. "Wo sind die Wertschätzung, der wirkliche Kontakt, die Empathie geblieben?"

Ärzte seien "Gefangene des pauschalisierten Systems". Die Fallpauschalen im Krankenhaus und Budgets in der vertragsärztlichen Versorgung setzten Fehlanreize.

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