Versorgungsforschung hautnah

Globalbudget für Templiner Projekt?

Damit Sektorengrenzen in der Versorgung wirklich überwunden werden, müssen sektorübergreifende Finanzierungsformen gefunden werden. Denkbar wäre ein regionales Globalbudget.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:

TEMPLIN. Wie lässt sich Versorgung in ländlichen Regionen sinnvoll planen und steuern? Diese Frage treibt Politiker, Experten und Akteure im Gesundheitswesen gleichermaßen um.

Gesucht werden brauchbare Parameter zur Bedarfsmessung ebenso wie passende Anreizsysteme zur Leistungssteuerung. Das gilt für ambulante und stationäre Planung. Ein Lösungsmodell sieht deshalb vor, diese Fragen sektorübergreifend zu beantworten.

Ansatzweise arbeitet daran derzeit das Projekt „StimMT“ (Strukturmigration im Mittelbereich Templin) im brandenburgischen Templin.

Mit einer Förderung von 14,5 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds ist es eines der finanziell bedeutendsten Projekte des Fonds, der neue Versorgungsmodelle und Versorgungsforschung voranbringen soll. Angestrebt ist nicht nur der Aufbau einer völlig neuen, sektorübergreifenden Versorgungsstruktur. Das Sana Krankenhaus Templin soll dazu in ein ambulant-stationäres Zentrum verwandelt werden.

Vorgesehen ist auch, dass für diese neue Versorgungsstruktur ein neues Vergütungsmodell vorgeschlagen wird. Denn Ziel des Innovationsfonds ist es, dass Projekte mit einer Sonderfinanzierung anschließend den Weg in die Regelversorgung finden.

Hybridfinanzierung denkbar

Für die Finanzierung sektorübergreifender Leistungen in Templin kommen aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) im Anschluss an die Innovationsfonds-Förderung verschiedene Varianten in Frage.

Neben Sonderverträgen wäre laut KVBB-Chef Dr. Peter Noack auch eine Hybridfinanzierung denkbar, die sich zwischen Einheitlichem Bewertungsmaßstab (EBM) und Fallpauschalen (DRG) bewegt und aus ambulanten Leistungen und stationären Einsparungen errechnet wird.

„Dabei ist seitens der Ärzte klar, dass neue Leistungen, etwa in der Koordination und Steuerung, auch mit neuem Geld finanziert werden müssen“, sagte Noack der „Ärzte Zeitung“.

Er wies jedoch darauf hin, dass es zur Finanzierung der ambulant-stationären Leistungen bislang noch keine fertigen Konzepte, sondern lediglich verschiedene Modelle gibt. Die Frage der Anschlussfinanzierung spielt nach seinen Angaben im Lenkungsgremium des Projektes „StimMT“ derzeit noch keine Rolle.

Dort ist die Arbeit gerade an einem Wendepunkt angelangt. Zur Halbzeit geht das Projekt nach Noacks Angaben von der Ideenentwicklung in das operative Geschäft über.

Dieser Übergang geht auch mit einem Wechsel in der Geschäftsführung einher. Seit Jahresanfang übernimmt Igib-Geschäftsführer Lutz O. Freiberg die Geschäftsleitung, die bisher der ehemalige KVBB-Chef Dr. Hans-Joachim Helming innehatte.

Oder doch der EBM als Rechengröße?

Das Thema Anschlussfinanzierung schwingt in der Gremienarbeit des „StimMT“-Projektes stets mit. Ein mögliches, innovatives Finanzierungsmodell ist auch das sogenannte regionale Globalbudget.

Es könnte alle Leistungen des Zentrums unabhängig von Sektorengrenzen umfassen. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Fraglich ist etwa, auf welcher Grundlage ein regionales Globalbudget bemessen werden kann und welches Vergütungssystem zur Anwendung kommen soll.

Für Barmer-Chef Dr. Christoph Straub steht fest, dass ein regionales Globalbudget auch in Templin nicht mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt wird. „Wir glauben, dass ein Globalbudget am Ende der Entwicklung steht“, sagte Straub der „Ärzte Zeitung“ am Rande einer Veranstaltung der Barmer in Berlin.

Straub bevorzugt ein Vergütungsmodell, das auf dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) basierend fortentwickelt wird zu einer einheitlichen Vergütung der Leistungen.

Voraussetzung für solch ein Globalbudget ist nach Straubs Auffassung aber auch eine sektorübergreifende Leistungsplanung. Diese Planung müsse sich an bundeseinheitlichen Kriterien orientieren. Denkbar ist Straub zufolge etwa, dass dazu auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen wird.

Die dort abgebildeten Leistungsfrequenzen müssten dann mit einem empirischen Datenanker gekoppelt werden. Das „StimMT“-Projekt bietet aus Straubs Sicht, die Möglichkeit dieses Modell zu testen: „Templin ist eine Laborsituation, in der man all das ausprobieren kann.“ Die Barmer strebe weitere solche Labormodelle an.

Auch die Politik im Bundesland setzt große Hoffnungen in das Vergütungsmodell regionaler Globalbudgets. „Wenn wir regionale Globalbudgets haben, können wir mit dem gleichen Geld mehr machen“, sagte Brandenburgs Gesundheitsstaatssekretär Andreas Büttner (Linke) der „Ärzte Zeitung“.

Büttner appellierte an den Bund, die Voraussetzungen für derartige Vergütungsmodelle auf Länderebene zu schaffen. Er betonte: „Wir wollen nicht mehr Geld, wir wollen nur bessere Steuerungsmöglichkeiten.“

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