Unternehmen

Von Behring zu BioNTech – Impfstoff-Hoffnung auf historischem Grund

Das Unternehmen BioNTech will mit seinem neuen Werk in Marburg die Corona-Impfstoffproduktion bald massiv erhöhen – und die lange Geschichte der hessischen Stadt als Pharma-Standort fortschreiben.

Von Carolin Eckenfels Veröffentlicht:
Keine spektakuläre Architektur – aber ein erfolgreicher Standort: Seit über 100 Jahren wird im Marburger Stadtteil Marbach Impfstoff produziert.

Keine spektakuläre Architektur – aber ein erfolgreicher Standort: Seit über 100 Jahren wird im Marburger Stadtteil Marbach Impfstoff produziert.

© Nadine Weigel/dpa

Marburg/Mainz. Der Ort, auf dem in der Corona-Pandemie große Hoffnungen ruhen, liegt in einem engen Tal am Rande Marburgs. Abermillionen Impfstoffdosen will das Mainzer Unternehmen BioNTtech dort künftig herstellen. Noch läuft der dafür nötige Umbau in dem vor wenigen Wochen übernommenen Pharma-Werk. Doch nächsten Monat soll die Produktion anlaufen.

Angesichts der generell noch knappen Impfstoffmengen und der riesigen Nachfrage baut nicht zuletzt die Politik darauf, dass mit dem Start der Produktionsstätte an der Lahn auch Deutschlands Impfkampagne vorankommt.

Die Mainzer müssen in der mittelhessischen Stadt nicht bei null anfangen. Sie nutzen in ihrem neuen Werk, das sie vom Schweizer Pharmariesen Novartis übernommen haben, vorhandene Infrastruktur und Expertise. Beides gibt es in Marburg nicht von ungefähr: Die Universitätsstadt besitzt eine mehr als 100-jährige Geschichte als Pharmazie- und Impfstoffstandort. Die begann mit dem Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring (1854-1917) und rückt nun wieder in den Fokus.

Impfstoff-Produktion: In Rekordzeit eingerichtet

„Es ist durchaus logisch, dass BioNTech Marburg ausgesucht hat“, meint Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD). „Sie brauchen die Leute, die das nötige Know-how haben, die die praktische Fertigung beherrschen. Und da ist Marburg einer der ganz wenigen Standorte, wo die Impfstoffproduktion bereits Tagesgeschäft ist.“

BioNTech peilt die Freigabe des ersten in Marburg produzierten Corona-Impfstoffs nach eigenen Angaben für Ende März an. Zwischen der Herstellung und Freigabe einer Charge des behördlich kontrollierten Vakzins vergehen üblicherweise etwa vier Wochen. Im ersten Halbjahr 2021 sollen an dem Standort mit seinen 300 Mitarbeitern 250 Millionen Impfdosen hergestellt werden. Als Gesamtmenge einer Jahresproduktion streben die Mainzer hier 750 Millionen Dosen an.

Es handele sich um einen Rekord beim Aufbau einer solchen Produktionsstätte, befand vor kurzem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Normalerweise dauere das ein bis zwei Jahre. „In diesem Fall wären es dann wenige Monate.“ Noch steht das endgültige grüne Licht aus. Das Genehmigungsverfahren werde entsprechend den Vorgaben „so schnell wie möglich fortgeführt“, heißt es beim zuständigen Regierungspräsidium Gießen (RP). Der Umbau der Anlagen sei sehr anspruchsvoll.

Die Mainzer und ihr US-Partner Pfizer wollen in diesem Jahr unter bestimmten Voraussetzungen insgesamt zwei Milliarden Dosen ihres Corona-Impfstoffs herstellen. Als Produktionsstätten dienen nach jüngsten Angaben Mainz und bald eben Marburg sowie von Pfizer das Werk im belgischen Puurs sowie drei US-Standorte. In der Regel finde in den Werken nicht der komplette Herstellungsprozess statt. Das ist auch in Marburg so: Laut Unternehmen erfolgen hier drei der vier nötigen Fertigungsschritte, abgefüllt wird woanders.

BionTech-Werk mit namhaften Nachbarn

Die Hürden seien für die Impfstoffproduktion hoch, betont der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). „Die Impfstoffherstellung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Arzneimittelproduktion überhaupt“, erklärt Verbandspräsident Han Steutel. „Sie braucht immer einen intensiven technischen Vorlauf.“

Hinzu kommt, dass die Produktion der gegen COVID-19 eingesetzten Impfstoffe auf Basis des Botenstoffes mRNA völlig neu ist. Diesen Ansatz nutzen auch BioNTech und Pfizer. mRNA muss nicht nur in großem Stil produziert, sondern auch aufbereitet und gereinigt und am Ende steril verpackt werden für den stark gekühlten Transport.

Der Standort liegt auf historischem Grund, auf dem Gelände der ehemaligen Behringwerke. Aktuell beschäftigen hier rund zehn Firmen insgesamt etwa 6500 Mitarbeiter, darunter der australische Impfstoffanbieter CSL Behring, GSK Vaccines und Siemens Healthineers. Hergestellt werden unter anderem Mittel gegen Blutgerinnungsstörungen und verschiedene Impfstoffe.

Vor mehr als 100 Jahren waren es so genannte Heil-Seren, die den Ort zu einem Hoffnungsträger im Kampf gegen Infektionskrankheiten wie Diphtherie und Tetanus machten. Diese Seren enthielten neutralisierende Antikörper („Antitoxin“) aus dem Blut zuvor infizierter Pferde. Deshalb auch Emil von Behrings Standortwahl im Marburger Stadtteil Marbach, wo Grundstücke vergleichsweise günstig zu bekommen waren und in dessen Tallage sich größere Pferdeherden besonders gut halten ließen. (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Neues Verschlüsselungsverfahren ECC

Elektronische Heilberufsausweise: Kartenaustausch jetzt beauftragen

Europäische Chemiepolitik

Ethanol bleibt in der EU als Desinfektionsmittel zulässig

Das könnte Sie auch interessieren
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Wissenschaft in Medizin übertragen

© Regeneron

Forschung und Entwicklung

Wissenschaft in Medizin übertragen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Regeneron GmbH, München

Ist das AMNOG bereit für HIV-Innovationen?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Martinsried
Arzneiforschung: Von Innovationen profitieren nicht nur Patienten, sondern immer auch die Gesellschaft als Ganzes.

© HockleyMedia24 / peopleimages.com / stock.adobe.com

Nutzenbewertung

Arznei-Innovationen: Investition mit doppeltem Nutzen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neue S1-Leitlinie

Verätzung am Auge: Erst spülen, und dann?

Lesetipps
Ein älterer Mann muss stark husten und hält eine Hand auf seine Brust.

© Getty Images

Infektionsmanagement

Keuchhusten: Was bei der Behandlung Erwachsener wichtig ist