Studie

In der Kindheit Krebs, später herzkrank

Wer als Kind eine Krebserkrankung durchgemacht hat, hat offenbar ein erhöhtes Risiko für eine frühzeitig auftretende funktionelle Herzerkrankung, wie eine Screening-Studie aus den USA nahe legt.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:

MEMPHIS. Bisherige Studien zur Kardiotoxizität einer onkologischen Therapie im Kindesalter waren hauptsächlich auf die Kardiomyopathie fokussiert.

Die Autoren der St. Jude Lifetime Cohort Study (SJLIFE) haben nun ein breiteres Spektrum von Herzerkrankungen bei Langzeitüberlebenden (> 10 Jahre nach der Erstdiagnose) ins Visier genommen - mit überraschenden Ergebnissen.

Wie Dr. Daniel A. Mulrooney und Kollegen von der Universität Tennessee berichten, förderte ihre Screening-Maßnahme eine ganze Reihe pathologischer, wenn auch oft subklinischer kardiovaskulärer Befunde zu Tage, und zwar bei Erwachsenen, die dafür eigentlich noch viel zu jung waren (Ann Intern Med 2016; online 5. Januar).

In der Studie hatte man 1853 ehemalige Patienten der St. Jude-Klinik durchschnittlich 22,6 Jahre nach der Krebsdiagnose gründlich untersucht. Neben körperlicher Untersuchung und Labortests kamen dabei Herzecho und EKG zum Einsatz.

Das mittlere Alter der Teilnehmer zum Zeitpunkt der Untersuchung lag bei 31 Jahren. Bei der Diagnose ihrer Krebserkrankung - meist handelte es sich dabei um Leukämie oder ein Lymphom - waren sie im Mittel acht Jahre alt gewesen.

Antworten aus dem 6-Minuten-Gehtest

Was man fand, waren vor allem Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit im 6-Minuten-Gehtest sowie funktionelle Störungen der Herzklappen, wenngleich nahezu alle Teilnehmer (bis auf fünf) zum Zeitpunkt der Untersuchung asymptomatisch waren.

Ein pathologischer Klappenbefund in Form einer Regurgitation oder Stenose lag in 28 Prozent der auswertbaren Fälle vor; 23,8 Prozent hatte man erst bei der Screening-Untersuchung entdeckt.

Im Vordergrund stand eine leichte Regurgitation an der Trikuspidal- oder Pulmonalklappe (13,8 beziehungsweise 9,9 Prozent). 3,7 Prozent hatten eine Regurgitation aus der Aorta, 1,8 Prozent eine Aortenstenose.

Eine mittlere bis schwere mitrale Regurgitation zeigte sich bei 1,4 Prozent der Überlebenden, eine mitrale Stenose bei 0,1 Prozent. 23,8 Prozent hatten eine verdickte Aortenklappe, bei 20,2 Prozent war die Mitralklappe verdickt.

10,2 Prozent wiesen Verkalkungen an den Anuli fibrosi auf, bei 6,1 Prozent fand sich Aortenkalk.

7,4 Prozent der Patienten erfüllten das Kriterium für eine Kardiomyopathie (systolische Ejektionsfraktion < 0,50), bei 3,8 Prozent fanden sich Hinweise auf eine koronare Herzkrankheit und bei 4,4 Prozent auf eine Überleitungs- oder Rhythmusstörung.

Prävalenz bei 0,7 Prozent

Die Therapie hatte damals Anthrazykline oder eine aufs Herz gerichtete Bestrahlung beinhaltet. Beides hat nachweislich kardiotoxische Effekte.

Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz einer linksseitigen Klappenerkrankung in der Allgemeinbevölkerung bei 0,7 Prozent bei Personen zwischen 18 und 44 Jahren. Bei über 75-Jährigen steigt diese Prävalenz auf 13,3 Prozent.

Wie die Autoren betonen, war bei Überlebenden mit Kardiomyopathie oder KHK die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Gehtest unterdurchschnittlich abschnitten (< 490 m), verdoppelt (Odds Ratio 1,9 bzw. 2,2).

Aus der Kohortenstudie lässt sich nicht ableiten, ob die gefundenen Pathologien wirklich von der Krebstherapie herrühren. Vor allem hat es keine Vergleichsgruppe ohne Krebsvorgeschichte gegeben - damit ist die Aussagekraft dieser Studie begrenzt.

Aus Sicht der Autoren geben die zahlreichen auffälligen Befunde am Herzen dennoch zu denken; nicht zuletzt, da sich daraus eine erhebliche Krankheitslast für die Zukunft ergeben könnte.

Man habe bei 7,5 Prozent der Überlebenden im Alter von durchschnittlich 31 Jahren Hinweise auf eine herabgesetzte systolische Funktion gefunden. "Einen vergleichbaren Anteil würde man eigentlich bei einer sehr viel älteren Population erwarten", warnen Mulrooney und Kollegen.

Bliebe ein solcher Befund unbemerkt, sei dies bedenklich: Bei unbehandelten Patienten mit einer systolischen Dysfunktion liege das Risiko, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln, bei 9 Prozent pro Jahr und die Drei-Jahres-Mortalität bei 16 Prozent.

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