Corona-Splitter der KW 1/2022

Auch ambulant behandelte COVID-Patienten haben Langzeitfolgen

Patienten mit COVID-19, die ambulant in einer Klinik behandelt wurden, suchen häufiger Hausärzte wegen Schmerzen und psychischer Leiden auf – das berichten britische Wissenschaftler.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Das Auftreten von Long-COVID wirft nach wie vor Fragen auf – einen Faktor bei der Entstehung könnten Kardiologen jetzt mit Autoantikörpern identifiziert haben.

Long-COVID unter der Lupe: In einer britischen Datenbankanalyse gab es Long-COVID-Symptome bei jedem zehnten ambulant behandelten COVID-19-Patienten.

© MohamadFaizal / stock.adobe.com

Update vom 7. Januar

Ambulant behandelte COVID-19 sorgt für mehr Hausarztbesuche: In den Wochen und Monaten nach der akuten Infektion suchten britische ambulant behandelte COVID-19-Patienten vermehrt einen Hausarzt wegen Gelenk-, Muskel-, Bauch- und Kopfschmerzen sowie Asthma, Ängsten und Depressionen auf – und zwar häufiger als in den Monaten vor der Infektion, häufiger als Nichtinfizierte in der Pandemie und häufiger als Patienten nach einer überstandenen Influenza. Das ist das Ergebnis einer britischen Datenbankanalyse von 1400 Praxen und 456.000 Patienten. Relativ betrachtet hatten die ambulanten Patienten Riech- und Schmeckdefizite fünffach häufiger als zuvor, Muskelschmerzen, Fatigue, Palpitationen und Schlaflosigkeit wurden 40 bis 80 Prozent öfter diagnostiziert. Thrombembolien traten rund dreifach häufiger auf, Klinikaufenthalte und Arztbesuche nahmen nach der Infektion um 15 bis 20 Prozent zu. Viele waren auch noch Monate nach der Infektion gesundheitlich beeinträchtigt, bei 8,5 Prozent der Patienten gab es typische Long-COVID-Symptome (BMJ 2021; online 29. Dezember). (mut)

Update vom 6. Januar

Die Antikörperkombination Tixagevimab/Cilgavimab zur Prävention von COVID-19 behält ihre neutralisierende Aktivität gegen die Omikron SARS-CoV-2-Variante (B.1.1.529) bei. Dies geht aus neuen Daten zur Neutralisierung von Lebendviren des University College Oxford aus Großbritannien und der Washington University School of Medicine in St. Louis aus den USA hervor, teilt das Unternehmen Astra Zeneca mit. Die inhibitorische Konzentration 50 (IC50) von Tixagevimab in Kombination mit Cilgavimab (Evusheld®), ein Maß für die neutralisierende Wirkung eines Antikörpers, habe für die Omikron-Variante in den Studien der Universität Oxford 273 ng / ml und der Universität Washington 147 ng / ml betragen. Diese Werte liegen im Bereich der neutralisierenden Antikörpertiter, die bei Personen gefunden wurden, die zuvor mit COVID-19 infiziert waren und sich auf natürliche Weise davon erholt haben. Die Daten stammen aus Labortests, bei denen lebende Viren verwendet wurden, welche von Personen stammen, die sich mit der Omikron-Variante des SARS-CoV-2-Virus angesteckt hatten, heißt es in der Mitteilung. Die Antikörperkombination habe in mehreren Ländern, unter anderem den USA, eine Notfallzulassung für die Präexpositions-Prophylaxe erhalten. Damit stehe dort Hochrisikopatient:innen, deren Immunsystem selbst nach den empfohlenen Impfungen keine ausreichende Immunantwort bilden kann, eine langwirksame Prophylaxe zur Verfügung. In Deutschland befindet sich das Kombipräparat derzeit im Zulassungsverfahren der EMA. Die Ergebnisse wurden auf dem Preprint-Server bioRxiv publiziert. (ikr)

Update vom 5. Januar

Die Entnahme von Speichel-Proben für Tests auf SARS-CoV-2 wird von Kindern und deren Betreuern in Kitas zur ständigen Überwachung gut akzeptiert, hat jetzt eine Studie in Deutschland ergeben. Forscher um Dr. Johannes Forster vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie an der Universität Würzburg haben in einer nichtrandomisierten, kontrollierten Studie bei 954 Kindern und Betreuern zwischen Oktober 2020 und März 2021 vier Vorgehensweisen getestet: PCR-Tests auf SARS-CoV-2 auf Basis von Proben aus der mittleren Nasenmuschel entweder zweimal pro Woche (Gruppe1) oder nur einmal pro Woche (Gruppe 2) oder Tests auf Basis von selbst entnommenen Speichelproben zweimal pro Woche (Gruppe 3). In Gruppe 4 wurden nur bei entsprechenden Symptomen oder auf Wunsch Mund-Nasen-Proben entnommen. Alle Studienteilnehmer unterzogen sich vor und nach der Probenentnahme Tests auf SARS-CoV-2-Antikörper. Ergebnis: Von den 954 ausgewählten Personen nahmen 592, darunter 442 Kinder im Alter von 2-4 Jahren und 150 Betreuer, an der Studie teil. Die Akzeptanz für das ständige Testen war in Gruppe 3 am höchsten, wenn also zweimal wöchentlich Speichelproben entnommen werden sollten: Hier betrug die Akzeptanz 67,9 Prozent; das war der Anteil der Kinder oder Betreuer, bei denen mindestens 60 Prozent aller während der Studie vorgesehenen Proben erfolgreich entnommen worden waren. Bei den Probenentnahmen aus der mittleren Nasenmuschel lag die Akzeptanz nur bei 43,6 Prozent bei zweimaliger Entnahme pro Woche und 34,4 Prozent bei nur einmaliger Probenentnahme. Außerdem: Nur 4 Prozent der Teilnehmer in Gruppe 3, aber 18 Prozent in Gruppe 1 und 20 Prozent in Gruppe 2 brachen die Studie ab. Aus ihren Ergebnissen haben die Forscher errechnet, dass mindestens 50 Prozent der Kinder und Betreuer zweimal wöchentlich getestet werden müssen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. (JAMA Netw Open 2022; online 4. Januar) (ikr)

Update vom 4. Januar

COVID-19-Patienten mit einem schweren Verlauf haben offenbar veränderte T-Zellen, berichten Mediziner der Charité Berlin. Die T-Zellen tragen auf ihrer Oberfläche das Molekül CD16, das normalerweise auf Zellen des angeborenen Immunsystems wie den Natürlichen Killerzellen vorkommt, nicht jedoch auf T-Zellen, die ja zum erworbenen Immunsystem gehören. Diese CD16-positiven-T-Zellen sind durch die Veränderung deutlich aggressiver und wirken stark zytotoxisch auf Endothelien. Ursache der Modifikation der T-Zellen ist vermutlich das Komplementsystem, also mehr als 30 im Blutplasma gelöste Proteine, die an der Immunantwort beteiligt sind. Die Wissenschaftler hoffen, durch weitere Forschung Möglichkeiten zu identifizieren, wie schwere COVID-19-Verläufe minimiert werden können, indem das Komplementsystem gehemmt wird (Cell 2021; 28. Dezember).

Vakzine von Johnson & Johnson wohl effektiv gegen Omikron-Variante: Eine 85-prozentige Vakzin-Effektivität gegen eine Hospitalisierung mit COVID-19 ließ sich in Südafrika erzielen, wenn die Vakzine von Johnson & Johnson als Booster eines homologen Impfschemas verwendet wurde. In dieser Zeit (Mitte November bis Mitte Dezember 2021) war die Omikron-Variante dominant. Eine separate Analyse zur Verwendung eines heterologen Impfschemas (Grundimmunisierung mit Comirnaty®, Booster von Johnson & Johnson) kommt zu dem Ergebnis, dass die Vakzine mit einem 41-fachen Anstieg der neutralisierenden Antikörper vier Wochen nach Booster-Impfung und einem 5,5-fachen Anstieg von CD8+-T-Zellen gegen Omikron zwei Wochen nach Booster-Impfung assoziiert ist. Das sind vorläufige Preprint-Studienergebnisse einer Phase-IIIb-Studie aus Südafrika mit 227.000 Teilnehmern, teilt der Hersteller Johnson & Johnson mit (medRxiv 2021; online 29. Dezember).

Update vom 3. Januar

Long-COVID möglicherweise aufgrund von Autoantikörpern: Eine durchgemachte Infektion mit SARS-CoV-2, auch wenn kein schwerer Verlauf vorliegt, kann zu einer langanhaltenden Antwort von Autoantikörpern führen. Diese tritt interessanterweise sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf, haben Kardiologen aus Los Angeles herausgefunden. Die Ärzte untersuchten eine Kohorte von 177 Patienten mit einer bestätigten vorherigen Infektion mit SARS-CoV-2 und die Reaktion der Teilnehmer auf 91 Autoantigene, die mit einer Reihe von klassischen Autoimmunerkrankungen assoziiert sind. Außerdem gab es eine Kontrollgruppe von Daten von Gesunden aus Zeiten vor der SARS-CoV-2-Pandemie. Ergebnis: Die Autoantikörper-Reaktivität insgesamt war bei Frauen nach einer asymptomatischen Infektion größer, die Breite und das Ausmaß der Autoantikörper-Antwort betraf jedoch eher Männer, wenn eine Infektion mindestens moderat symptomatisch verlaufen war. Von Autoimmunerkrankungen ist ja bekannt, dass diese eher bei Frauen als bei Männern auftreten. Bei beiden Geschlechtern ließen sich Autoantikörper über einen Zeitraum von sechs Monaten nachweisen. Die Kardiologen beobachteten auch Reaktionen auf Autoantigene, die eine deutliche molekulare Homologie zu Bestandteilen von SARS-CoV-2 hatten. Das könnte den Ärzten zufolge mit Fällen von Long-COVID zusammenhängen. Auf Basis von weiterer Forschung könnten sich therapeutische Interventionen finden lassen, um Autoimmun-vermittelte Folgeschäden und Langzeitwirkungen einzudämmen, hoffen die Forscher (J Transl Med 2021; online 30. Dezember).

Liebe Leserinnen und Leser, wir fassen die Corona-Studienlage wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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