Gesundheitswirtschaftskongress

„Amazonisierung“ in der Medizin muss kein Schreckgespenst sein

Dass globale Konzerne etwa per Sprachsteuerung Gesundheitsleistungen anbieten, treibt viele um. Allerdings könnte sich das deutsche Gesundheitswesen an manchen Stellen auch etwas abgucken, heißt es auf dem Gesundheitswirtschaftskongress.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Per Alexa können schnell alle möglichen Gesundheitsinformationen im Web abgerufen werden.

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© Andrew Matthews/empics/picture alliance

Hamburg. Auf Kongressen wird gerne mit Schlagworten gearbeitet, um Themen auf den Punkt zu bringen: Die „Amazonisierung der Medizin“ ist ein Beispiel dafür. Auf dem Hamburger Gesundheitswirtschaftskongress nutzten Teilnehmer eine Diskussion unter diesem Titel, um deutlich zu machen: Respekt vor den Leistungen und Möglichkeiten der globalen Konzerne ist durchaus angebracht – die Akteure im deutschen Gesundheitswesen haben dem aber auch etwas entgegenzusetzen.

Amazon: Das ist globale Marktmacht und eine Kapitalstärke, die manche Verantwortliche im Gesundheitswesen fürchten lässt, dass solch ein Konzern in der Branche Fuß fassen könnte. Andererseits verbinden viele Menschen mit diesem Firmennamen Schnelligkeit, Verfügbarkeit, Vergleichbarkeit und Bewertung – also überwiegend positiv besetzte Begriffe. Als Schreckgespenst taugt der Begriff bei ihnen folglich nicht.

Zwei verschiedene Blickwinkel

Wie viel Amazon aber könnte das deutsche Gesundheitswesen vertragen? Klar ist, dass die Nutzer der Konzernleistungen und die des deutschen Gesundheitswesens unterschiedliche Perspektiven haben, wie die Diskussionsteilnehmer in Hamburg deutlich machten. „Das Gesundheitswesen ist nicht durch den Mitte 30-jährigen Hipster, sondern durch vulnerable Gruppen geprägt“, sagte Michael Franz von Compugroup.

Dr. Andreas Goepfert, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Braunschweig, nutzte andere Begriffe mit der gleichen Richtung: Globale Konzerne bedienen die Bedürfnisse von Kunden, Krankenhäuser behandeln Patienten. Das bedeutet allerdings für beide nicht, dass die positiv besetzten Begriffe, die mit Amazon assoziiert werden, im deutschen Gesundheitswesen keine Rolle spielen können – im Gegenteil. Bewertbarkeit und Vergleichbarkeit etwa könnten die Qualität steigern.

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Besser werden oder verschwinden

Ein Instrument, um dies zu erreichen, ist das Endoprothesenregister EPRD, das bereits 1,85 Millionen Behandlungen registriert hat. Dr. Christian Rotering verwies auf die damit einhergehende Transparenz und die Steuerungswirkung. Wenn mehr als die bislang 781 freiwillig teilnehmenden Kliniken ihre Ergebnisse einspeisen würden, hätte dies positive Wirkungen. Rotering fasste es so zusammen: „Die Konsequenz ist: Entweder besser werden oder vom Markt verschwinden.“

Dr. Karl Liese von McKinsey kann sich genauso wie Goepfert gut vorstellen, dass globale Konzerne mittelfristig in die Lücken stoßen, die das deutsche Gesundheitswesen nicht abdeckt. Goepfert: „Das Einzige, was die nicht haben, ist die medizinische Kompetenz – und die kaufen sie sich.“

Mehr Fokus auf den Patienten

Warum aber ist das deutsche Gesundheitswesen noch nicht so kundenfreundlich, so schnell und so vergleichbar wie Amazon, wenn so mächtige Konkurrenz bereits vor der Tür steht?

Für Franz liegt dies nicht an mangelnder Innovationskraft oder an einer falschen Einstellung der Akteure, sondern an fehlender Zieldefinition: „Was wollen wir erreichen?“ Diese Frage müsse von der Politik dringend beantwortet werden, um dann die Weichen in diese Richtung stellen zu können.

Weitere Defizite: Ernährungsmedizinerin Dr. Anne Latz vermisst eine patientengerechte Kommunikation. Medizinstudent Lukas Thieme fehlt die Patientenzentrierung und Transparenz über die Leistungsfähigkeit der Medizin: „Patientenversorgung ist keine Fließbandarbeit. Deshalb muss auch kommuniziert werden, was wir nicht leisten können.“ Latz drückte es so aus: „Patientenversorgung ist emotional und individuell.“

Dies gilt auch neben der medizinischen Kompetenz, für oft scheinbar banale Fragen. Als Beispiel nannte Latz die alleinstehende Patientin, die in eine Klinik eingewiesen wird. „Wer kümmert sich um ihren Hund?“ Eine Frage, auf die kein Krankenhaus eine Antwort geben kann, Amazon aber wohl auch nicht.

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