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Johnson-Wahl nächstes Kapitel einer Tragödie

Der Brexit als Stresstest: Die Pharmaindustrie legt im Vereinigten Königreich Vorratslager für Medikamente an. Sie warnt: Es könnte zu echten Versorgungsproblemen bei manchen Arzneimitteln kommen.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Der neue Premierminister Großbritanniens Boris Johnson präsentiert sich.

Der neue Premierminister Großbritanniens Boris Johnson präsentiert sich.

© Aaron Chown / dpa

BERLIN. Die Wahl von Boris Johnson zum britischen Premierminister ist für Patienten in Großbritannien keine gute Nachricht.

Die medizinische Versorgung auf der Insel wird durch den geplanten Ausstieg des Landes aus der Europäischen Union nach Einschätzung von Fachleuten schwerer. Aber auch die verbleibenden 27 Länder könnten durch den Brexit getroffen werden.

„Wir können nur hoffen, dass es hier nicht auf beiden Seiten zu Arzneimittel-Lieferengpässen kommt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, Dr. Kai Joachimsen, am Mittwoch der „Ärzte Zeitung“.

Schicksalhafter Konflikt

Großbritannien habe mit der Wahl Johnsons das nächste Kapitel einer Tragödie aufgeschlagen. Johnson sei die Hauptfigur in dem schicksalhaften Konflikt, in dem sich die Katastrophe ankündige, sage Joachimsen.

Die pharmazeutische Industrie sei wirtschaftlich stark mit Großbritannien vernetzt. Bei einem harten Brexit, den der neue Premierminister nicht ausschließt, würde der Handel auf die Regularien der Welthandelsorganisation zurückfallen, warnte Joachimsen. Dazu gehörten auch Zölle und andere Regularien.

„Sollte es im Oktober zum ungeregelten Brexit kommen, wird das auf beiden Seiten des Ärmelkanals ein Stresstest“, kommentierte der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) am Mittwoch auf Anfrage die Wahl Boris Johnsons.

Es könnte auf den britischen Inseln sogar zu echten Versorgungsproblemen bei manchen Arzneimitteln kommen. Darauf bereiten sich die Briten jetzt schon vor.

Da es im Königreich keinen Hersteller für Insulin gibt, legen die europäischen Pharmaunternehmen auf Bitten der britischen Regierung hin Insulinvorräte an. Der logistische Aufwand ist bemerkenswert.

Nach vfa-Angaben wurden bereits 5000 Euro-Paletten mit Insulin eingelagert. Damit die Hormone nicht verderben, seien dafür 500 Großkühlgeräte angeschafft worden. Auch andere Medikamente werden inzwischen über das übliche Maß hinaus bevorratet.

Dennoch sind die Vorräte lediglich für einen kompletten Lieferausfall von sechs Wochen angelegt. Wenn Ärzte, Kliniken und Patienten anfingen, Medikamente zu horten, drohten Versorgungsengpässe, so der vfa.

Job auf der Insel weniger attraktiv

Für Deutschland rechnet der vfa auch im Falle eines harten Brexits nicht mit Einschränkungen. „Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, das Paul Ehrlich-Institut und die forschenden Pharmaunternehmen haben sich vorbereitet“, so der Verband.

Im vergangenen Jahr haben 310 deutsche Ärzte die Bundesrepublik verlassen, um in einem anderen Land der Europäischen Union zu arbeiten. Ins Vereinigte Königreich zog es lediglich 43. Insgesamt sind nach Angaben der Bundesärztekammer (BÄK) 2000 deutsche Ärzte in Großbritannien tätig.

Kommt es zu einem harten Brexit, würde die automatische Anerkennung der medizinischen Grundausbildung und der Weiterbildung wegfallen, heißt es bei der BÄK.

Beobachtungen der Anglo German Medical Society zufolge geht das ernsthafte Interesse deutscher Ärzte an einem Job auf der Insel stark zurück. Das liege mittlerweile aber auch an besseren Arbeitsbedingungen in Deutschland und höherer Vergütung.

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