Corona-Langzeitfolgen

Spezialisierte Long-COVID-Zentren? Ärzte dafür, Kassen derzeit dagegen

In Deutschland leiden rund 350.000 Menschen am Long-COVID-Syndrom. Für eine adäquate Versorgung der Patienten brauche es spezialisierte Zentren, fordern Ärzte und Betroffenenverbände. Kassenvertreter aber winken ab.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Training des Orientierungsvermögens für Long-COVID-Patienten in einer Fachklinik für Neurologie im sächsischen Bad Düben.

Training des Orientierungsvermögens für Long-COVID-Patienten in einer Fachklinik für Neurologie im sächsischen Bad Düben.

© Waltraud Grubitzsch/dpa

Berlin. Krankenkassen haben Forderungen nach einem Aufbau von spezialisierten Zentren zur Behandlung von Patienten mit einem Long-COVID-Syndrom zurückgewiesen. Die Forschungslage reiche aktuell nicht aus, um beurteilen zu können, ob spezifische Versorgungsstrukturen zu Long-COVID nötig seien oder, sagte Dr. Bernhard Egger, Abteilungsleiter Medizin beim GKV-Spitzenverband, bei einer Anhörung des Bundestags-Unterausschusses zur Begleitung der COVID-19-Pandemie. Die medizinische und epidemiologische Dimension des Phänomens Long-COVID lasse sich noch nicht abschätzen.

Zudem sei davon auszugehen, dass es gegenwärtig „ausreichend“ viele etablierte Versorgungsstrukturen und Versorgungseinrichtungen gebe, die sich um Patienten mit Long-COVID-Symptomen kümmerten. Gleichwohl sei die Forschung zu langfristigen Folgen der COVID-19-Erkrankung im Rahmen der öffentlichen Forschungsförderung zu unterstützen und gegebenenfalls zu intensivieren.

Symptome trotz mildem Verlauf

Studien zufolge leiden vor allem Menschen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren ohne Vorerkrankungen unter Long-COVID. Mehrheitlich sind demnach Frauen betroffen. Nach einem vergleichsweise milden akuten Verlauf von COVID-19 treten bei diesen Patienten mit einer Verzögerung bis zu sieben Monate später Symptome wie anhaltende Müdigkeit (Fatigue), Konzentrationsprobleme, Kurzatmigkeit, aber auch Gerinnungsstörungen und Gefäßerkrankungen auf.

Zuletzt hatte unter anderem die FDP-Fraktion gefordert, spezialisierte Long-COVID-Zentren im Sozialgesetzbuch V festzuschreiben. Ärzten, Krankenhäusern und Reha-Kliniken solle so die Möglichkeit eröffnet werden, entsprechende Leistungen mit den Kassen abrechnen zu können.

Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink, hatte an die Bundesregierung appelliert, das Phänomen Long-COVID „endlich“ ernst zu nehmen und geeignete Forschungs- und Versorgungsstrukturen dazu aufzubauen. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte die Zahl der Long-COVID-Patienten unlängst auf 350.000 geschätzt.

Dimensionen einer drohenden sozialen Krise

Die Betroffeneninitiative „Long COVID Deutschland“ sprach von einem Problem, das die „Dimensionen einer drohenden gesundheitlichen und sozialen Krise“ in sich trage. Die Wartezeiten für die betroffenen Patienten lägen bei drei bis sechs Monaten – teils auch darüber, sagte Dirk Schöning von der Initiative. Es brauche daher „flächendeckende und bundesweit einheitliche Netzwerke zur ambulanten und rehabilitativen Versorgung aller Long-COVID-Betroffenen“. Werde ihnen nicht geholfen, drohe vielen die Arbeitsunfähigkeit.

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Forschungsprojekte zum Long COVID-Syndrom bedürften „deutlich mehr finanzieller Förderung“ – sowohl durch den Bund als auch die Länder. Ermöglichen ließe sich dies über eine Priorisierung von Vorhaben zu Long COVID durch das Netzwerk Universitätsmedizin und das Nationale Pandemie Kohorten Netz. Hier seien Hürden niedrig und eine schnelle Vergabeverfahren möglich.

Für die Schaffung spezieller Long-COVID-Zentren warb auch Professor Uta Behrends von der Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin des Klinikums rechts der Isar in München. Interdisziplinäre Strukturen und Fallbesprechungen würden auch für andere Patienten mit einem post-viralen Fatigue-Syndrom dringend benötigt. Zudem brauche es mehr Aufklärung.

Pflegeberufe stark von COVID betroffen

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGU) zählte bis Ende April 2021 knapp 82.530 Fälle von COVID-19, die als Berufskrankheiten anerkannt wurden. Knapp 7000 Fälle seien als Arbeitsunfälle klassifiziert worden, sagte DGU-Vertreter Professor Stephan Brandenburg bei der Anhörung im Ausschuss.

Die dominierenden Berufe fänden sich in der Pflege, so Brandenburg. Betroffen seien auch Ärzte, Erzieher und Hilfskräfte aus dem Reinigungsbereich. In der Rehabilitation gebe es für sie interdisziplinäre Angebote. Entscheidend sei die diagnostische Abklärung, damit sich die Reha in die „richtige Richtung“ steuern lasse.

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