Buchtipp

Wurzeln der Fehlversorgung: Warum Reformhektik scheitert

Über-, Unter- und Fehlversorgung: Autoren eines neuen Sammelbands liefern eine lesenswerte Bestandsaufnahme.

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Wurzeln der Fehlversorgung: Warum Reformhektik scheitert

© Urban Fischer

Neu-Isenburg. Zu viel Leistung hier, zu wenig Leistung dort – im medizinischen Versorgungsalltag ist das ein seit langem bekanntes Problem. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat schon vor mehr als 20 Jahren Über-, Unter- und Fehlversorgung umfassend analysiert – allerdings ohne nachhaltige Konsequenzen. Das Thema bleibt ein Dauerbrenner, die Widersprüche und Probleme sind seitdem eher größer geworden. Raimund Schmid, langjähriger freier Mitarbeiter für das Ressort Gesundheitspolitik der „Ärzte Zeitung“, hat ein Buch herausgegeben, das eine aktuelle Bestandsaufnahme liefert.

Der Titel: „Viel zu viel und doch zu wenig. Über- und Unterversorgung in der Medizin.“ Professor Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, würdigt in einem Vorwort die Bedeutung des Buchprojekts, in dem renommierte Autoren anhand von 39 Beispielen Versorgungsdefizite im Gesundheitssystem analysieren. Dabei wird ein Schwerpunkt auf die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen gelegt.

Was läuft schief, was muss sich ändern, wer ist in der Pflicht, wie können Probleme gelöst werden? Die Themenvielfalt ist groß. Warum und wie leiden chronisch kranke Kinder unter unzureichenden Versorgungsstrukturen – vor allem mit Blick auf fehlende Kinderkliniken? Warum ist die Rate bei Schilddrüsen-Ops in Deutschland vier- bis sechsmal höher als in anderen westlichen Ländern? Ist die hohe Zahl an Katheteruntersuchungen und Koronainterventionen ein Indiz für Fehlversorgung? Und was läuft schief beim Krankheitsbild Osteoporose?

Die Autoren analysieren nicht nur einzelne, diagnosebezogene Versorgungswidersprüche. Sie richten den Blick auch auf systembedingte Defizite: mangelhafte Patientensteuerung etwa, eine fehlende sektorenübergreifenden Vernetzung oder unzureichende spezialisierte Schwerpunktangebote. Die Folgen der Fehlsteuerung: In Praxen und Kliniken fehlt immer mehr Zeit für Gespräche. Allzu oft geht es aus Sicht von Schmid auch um die Sicherung von Pfründen und um Kompetenzgerangel darüber, wer tatsächlich die richtigen Rezepte hat. Das führt zu Blockaden. Eine bei vielen Politikern vorhandene Reformbereitschaft wird dadurch ausgebremst.

Den Autoren ist eine fundierte Bestandsaufnahme gelungen – Momentaufnahmen in einem hochkomplexen Versorgungssystem, das sich permanent verändert. Baustellen von heute verschwinden, neue Baustellen entstehen. Hektischer Aktionismus führt hier nicht weiter. Innehalten, analysieren, kritisch reflektieren – nur auf diesem Fundament kann der Kampf gegen Versorgungswidersprüche erfolgreich geführt werden. Raimund Schmids Buch liefert dazu einen lesenswerten Beitrag. (fuh)

Raimund Schmid (Hrsg.): Viel zu viel und doch zu wenig. Über- und Unterversorgung in der Medizin. 338 Seiten, Urban & Fischer 2021, ISBN 978-3-437-24061-4, 24 Euro

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