Klinik-Management

53 Minuten Zeitgewinn bis zur Intervention

Telemedizin bietet Potenzial bei Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt - ein Projekt aus Hildesheim.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:

Der kombinierte Einsatz von Tele-EKG und Verbesserung der Abläufe im Rettungsdienst bei Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt kann Leben retten. Das hat ein Projekt des St. Bernward Krankenhauses in Hildesheim gezeigt (wir berichteten kurz). Es wird derzeit in sechs weiteren Kliniken in Deutschland getestet.

Die Zeit vom Erstkontakt des Rettungsdienstes mit einem Herzinfarkt-Patienten und der kardialen Intervention mit Ballondilatation ist mitentscheidend für die Folgen des Infarkts und wahrscheinlich auch für die Sterberate von Patienten. Professor Karl Heinrich Scholz von der St. Bernward Klinik in Hildesheim hat für das Herzinfarktnetz Hildesheim-Leinebergland ein Konzept entwickelt, das die durchschnittliche Zeit vom Erstkontakt bis zur Intervention von 129 Minuten auf 76 Minuten verkürzt hat.

Funk-EKG aus Rettungswagen wird konsequent genutzt

Dafür hat Scholz zum einen auf eine konsequente Nutzung von Funk-EKG aus dem Rettungswagen gesetzt. Zum anderen wurden die Abläufe durch eine Datenrückkopplung über eine genaue Dokumentation der Zeiten deutlich gestrafft. "Das Funk-EKG hatten wir schon vorher in den meisten Rettungswagen", erläutert Scholz, in dem Projekt wurde es aber konsequent genutzt - für eine Abstimmung zwischen Rettungsdienst und einem Kardiologen auf der Intensivstation in Hildesheim. Das EKG kommt per Fax auf Station an, ein Anruf aus dem Rettungswagen sorgt dafür, dass die Absprache sofort stattfinden kann.

Der Vorteil des Systems: "Ist es tatsächlich ein Herzinfarkt, dann können wir alle Umwege auf dem Weg zum Herzkatheterlabor vermeiden", so Scholz. So werden diese Patienten nicht erst in eine der kleinen Kliniken in der Peripherie gebracht, sondern direkt nach St. Bernward. "Und auch dort geht es nicht erst in die Notaufnahme, sondern direkt ins Herzkatheter-Labor", berichtet Scholz. Allein die Zeit von der Einlieferung ins Krankenhaus bis zur Intervention sei auf diese Weise in Hildesheim um die Hälfte von 56 auf unter 30 Minuten reduziert worden. Die Sterblichkeit von Herzinfarkt-Patienten habe sich in Hildesheim immerhin von neun auf sieben Prozent verringert.

Durch die Vorab-Übertragung des 12-Kanal-EKG ließen sich Fehlalarme vermeiden. Und der Aufenthalt des Rettungsteams am Krankenhaus lasse sich von gut 26 Minuten um zehn Minuten verkürzen. Eine permanente Rückkopplung der Ergebnisse an alle Beteiligten und Besprechungen einmal im Quartal sorgten dafür, dass der Effekt nicht verpufft.

Der Zusammenhang zwischen Tod nach Herzinfarkt und der Zeit vom Erstkontakt bis zur Intervention sei noch nicht zweifelsfrei erwiesen, so Scholz. Aber retrospektiv betrachtet könne man etwa mit einen Todesfall rechnen, den man je 40 Patienten vermeiden könne, die auf diese Weise eingeliefert werden. Für die Behandlung von Herzinfarktpatienten sei das ein hervorragendes Ergebnis.

Derzeit wird versucht, die Ergebnisse aus Hildesheim auf andere Kliniken in Deutschland zu übertragen, so Scholz. Darmstadt, Göttingen, Langen, Wolfsburg, Worms und Würzburg seien derzeit mit im Boot. Aus dieser Studie - einer Auswertung über fünf Quartale - erhofft er sich auch prospektive Daten zum Einfluss der Ergebnisse auf die Sterberate.

Die Kosten des Systems halten sich laut Scholz im Rahmen. So schlage der Dokumentationsaufwand mit etwa 5000 Euro zu Buche. Schwer abschätzbar sei allerdings der gegenläufige Effekt, dass der Verlauf der Erkrankung nach dem Herzinfarkt milder ausfalle als bei längeren Zeiten bis zur Intervention. Für die Klinik bedeutet das tendenziell Vorteile bei der pauschalen Honorierung nach DRG, etwa weil Patienten schneller entlassen werden können.

Myokardinfarkt

Das Überleben von Patienten mit Myokardinfarkt hängt entscheidend davon ab, wie rasch durch Reperfusionstherapie der koronare Blutfluss normalisiert werden kann. Darauf legen im November 2008 publizierte Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) besonderes Gewicht und fordern, die Notfallversorgung entsprechend zu verbessern. Als Reperfusionsverfahren wird die primäre perkutane Koronarintervention bevorzugt empfohlen.(ob)

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