Fontane sucht Antworten

Hilft Telemedizin auf dem Land?

Können Patienten mit Herzinsuffizienz auf dem Land genauso gut therapiert werden wie in einer Metropole? Das soll die Studie "Fontane" herausfinden - mit dem Einsatz von Telemedizin.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
Die Charité in Berlin-Mitte: Von hier aus wird "Fontane" gesteuert.

Die Charité in Berlin-Mitte: Von hier aus wird "Fontane" gesteuert.

© Schöning / imago

BERLIN. Das Fontane-Projekt zur Entwicklung und Erforschung einer telemedizinischen Lösung für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz geht in die zweite Runde. Nachdem die Technikentwicklung in den Grundzügen abgeschlossen ist, startet jetzt die Versorgungsstudie.

Geplant ist ein Vergleich: Lässt sich mit unterstützender Telemedizin die Herzinsuffizienzversorgung auf dem Land genauso gut gestalten wie in einer Metropole?

"Das ist ein völlig neues Studiendesign", sagte Studienleiter Professor Friedrich Köhler vom Charité Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der "Ärzte Zeitung".

Hausärzte und Kardiologen in Berlin und Brandenburg sind zur Teilnahme aufgerufen. In Berlin sollen unter anderem die akademischen Lehrpraxen der Charité eingebunden werden.

In Brandenburg unterstützen der Hausärzteverband, die Kassenärztliche Vereinigung (KVBB) und ihre Tochtergesellschaft KVComm die Studienvorbereitung. Nach Aufrufen durch diese Organisationen meldeten bislang 104 Hausärzte im Flächenland Interesse an einer Teilnahme an.

Mindestens drei Hausärzte aus jedem Kreis

Köhler ist damit vorerst zufrieden. "Mit dieser Teilnahmequote liegen wir ziemlich genau im Durchschnitt, wie diverse Studien zeigen", sagt er.

Etwa genauso viele Hausärzte haben sich nach seinen Angaben auf dem Antwortbogen gegen eine Teilnahme ausgesprochen. Dieser hohe Rücklauf hat Köhler überrascht.

Teilweise seien sogar Gründe angegeben worden. "Schmährufe auf die Telemedizin fanden sich darunter nicht."

Aus jedem brandenburgischen Landkreis sind nun nach Köhlers Angaben mindestens drei Hausärzte vertreten, jede Hausarztpraxis bringe vier bis fünf Patienten mit, die für die Studie geeignet seien.

Auch das Kardionetz Brandenburg unterstützt das Projekt. 25 niedergelassene Kardiologen wollen teilnehmen. Das seien fast alle niedergelassenen Herzspezialisten des Landes Brandenburg, so Köhler.

Die Ärzte erhalten eine Vergütung im dreistelligen Eurobereich für den zusätzlichen Studienaufwand. Damit wird vor allem die Dokumentation entgolten. Der zusätzliche Aufwand ist laut KVBB so gering wie möglich gehalten worden.

So entspricht die Anzahl der Studienvisiten der tatsächlichen Konsultationshäufigkeit von einem Hausarztbesuch pro Quartal und zwei Facharztbesuchen pro Jahr. "Praxisnähe soll ein Merkmal der Fontane-Studie sein", so Köhler.

Randomisiert und kontrolliert

Im nächsten Schritt werden nun die Studienzentren implementiert. Charité-Mitarbeiter besuchen in dieser Studienphase alle teilnehmenden Praxen.

Sie schulen die mitwirkenden Ärzte in den Grundprinzipien der Good Clinical Practise und beantworten Fragen zum Studiendesign oder zum Prüfarztvertrag.

Gleichzeitig findet derzeit ein technischer Feldtest des Telemedizin-Systems mit gesunden Probanden statt. "Die technische Entwicklung eines neuen Viertgenerationssytem hat viel Zeit in Anspruch genommen", sagt Köhler.

Das System basiert auf Datenübertragung im Mobilfunknetz. Daher muss geprüft werden, ob Funklöcher ausgeschlossen sind. Zudem gelte bei Mobilfunk normalerweise Vorrang für Anrufe vor Datenübertragung (Voice over Data).

Im Fontaneprojekt muss dagegen gewährleistet sein, dass die Übertragung der Daten von den Patienten im märkischen Feld zur Charité binnen einer Minute abgeschlossen ist.

Das Fontaneprojekt ist mit geplanten 1500 Patienten eine der größten Telemedizinstudien im internationalen Vergleich.

Es ist als randomisierte kontrollierte Studie angelegt und wird vom Bundesforschungsministerium, dem Land Brandenburg und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert.

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