Direkt zum Inhaltsbereich

Cannabis in der Medizin

Hungerstreik: Arzt kämpft für eine bessere Cannabis-Therapie

Das Gesetz zur Verordnung von Cannabis-Präparaten muss dringend nachgebessert werden, ist Dr. Franjo Grotenhermen überzeugt – und stellt das Essen ein.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Dr. Franjo Grotenhermen. Sein Hungerstreik sorgte auch unter Kollegen für Aufsehen.

Dr. Franjo Grotenhermen. Sein Hungerstreik sorgte auch unter Kollegen für Aufsehen.

© privat

KÖLN. Aus Enttäuschung über die Situation in der medizinischen Cannabis-Therapie hat Dr. Franjo Grotenhermen zu einem drastischen Mittel gegriffen. Der Privatarzt aus dem westfälischen Rüthen ist zwei Wochen lang in den Hungerstreik getreten. Von Mitte bis Ende August hat er auf jegliche Nahrungsaufnahme verzichtet. "Das, was ich erreichen konnte, habe ich in dieser Zeit erreicht", sagt er.

Mit dem Hungerstreik wollte er auf die großen Probleme hinweisen, die nach wie vor mit dem therapeutischen Einsatz von Cannabis verbunden sind. "Das ist mir gelungen." Grotenhermen beschäftigt sich seit 1994 mit dem Thema. Er ist Vorsitzender der 1997 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin und Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Verordnung von Cannabis als Medizin im Januar 2017 sei er geradezu euphorisch gewesen, berichtet der Arzt. Doch schnell kam die Ernüchterung. Er kann nicht nachvollziehen, dass die Preise für Cannabisblüten für Patienten drastisch in die Höhe gegangen sind. Der Bezug sei dadurch für viele Patienten, bei denen die Krankenkasse die Kosten nicht erstattet, zu einer unzumutbaren Belastung geworden, kritisiert er. Im Gesetzgebungsprozess habe die Politik immer beteuert, dass mit den Änderungen kein Aufschlag auf die Preise verbunden wäre. "Ich habe mich betrogen gefühlt", sagt Grotenhermen.

Die Bundesapothekerkammer begründet die Preissteigerung damit, dass die Cannabisblüten jetzt nicht mehr als Zubereitungen abgegeben werden, die als Fertigarzneimittel zugelassen sind, sondern als Rezepturarzneimittel, die vor Abgabe nach anerkannten pharmazeutischen Regeln zubereitet werden müssen.

Das größte Problem sieht Grotenhermen darin, dass die Verordnung von Cannabis auf Kassenkosten für die niedergelassenen Ärzte mit einer sehr großen Bürokratie verbunden ist. Hinzu komme die Bedrohung der Kollegen durch Regresse. Das schrecke viele ab, die Patienten fänden keine Behandler. "Das ist das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollten." Die Entscheidung darüber, ob schwerkranke Patienten Cannabis benötigen oder nicht, sollte ausschließlich in den Händen von Ärzten liegen und nicht bei Kassen, Behörden oder der Justiz, findet er. Die Diskussion darüber, bei welchen Indikationen der Einsatz Sinn mache, sollte wie bei anderen Arzneimitteln innerhalb der Ärzteschaft stattfinden. Es gehe ihm nicht darum, das Gesetz schlecht zu reden, betont Grotenhermen. "Ich sehe es nach wie vor als einen großen Schritt nach vorn." Es müsse aber dringend nachgebessert werden.

Auf seinen Hungerstreik hat Grotenhermen viel positive Resonanz erhalten, darunter auch von Ärzten. "Viele von ihnen teilen meine Ziele, sehen das Mittel des Hungerstreiks allerdings kritisch." Viele Reaktionen aus dem Ausland zeigten, dass Deutschland mit seinen Problemen kein Einzelfall ist. "Was das Thema Cannabis als Medizin angeht, sind die meisten Länder noch Entwicklungsländer."

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Apps auf Rezept im Visier

Schutz vor Regress bei der DiGA-Verordnung

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Tab. 1: Stufentherapieschema zur verlaufsmodifizierenden Therapie der generalisierten Myasthenia gravis

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Generalisierte Myasthenia gravis

Krankheitssymptome und Therapielast wirksam lindern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Dr_Microbe / stock.adobe.com

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Fünf Jahre orale Therapie mit Risdiplam

Breite Anwendbarkeit bei 5q-assoziierter SMA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hantavirus und Ebolavirus

Was Patienten brauchen, die Sorge vor einem neuen Virusausbruch haben

Motivierende Gesprächsführung

Wie motiviere ich Patienten mit Depression zu Sport?

Lesetipps
Ein Stapel mit vielen Büchern

© Frank Rumpenhorst/dpa

State-of-the-Art

Was in den Praxisempfehlungen und Leitlinien der DDG neu ist

Blick über die Schulter eines Trompeters, der ein Konzert spielt.

© Kitreel / Stock.adobe.com

Vielfalt der Musikermedizin

Ihr Patient ist Musiker? Was dann relevant werden könnte