Hessen

Kräftige Finanzspritze für Kinderschutzambulanz

Erkennung und Sicherung von Befunden – das leistet die Kinderschutzambulanz an der Uniklinik Frankfurt. Das Land fördert sie jetzt zusätzlich.

Von Christoph Barkewitz Veröffentlicht: 14.01.2020, 18:52 Uhr
Kräftige Finanzspritze für Kinderschutzambulanz

Professor Matthias Kieslich, verantwortlicher Arzt der Kinderschutzambulanz an der Uniklinik Frankfurt, demonstriert typische Misshandlungsverletzungen von Kindern anhand einer Puppe.

© Christoph Barkewitz

Frankfurt/Main. Die Kinderschutzambulanz der Uniklinik Frankfurt erhält über den Trägerzuschuss für die Gesamtklinik hinaus in diesem Jahr zusätzliche 800.000 Euro aus dem hessischen Landeshaushalt. Dies berichteten die CDU-Landtagsabgeordneten Holger Bellino und Dr. Ralf-Norbert Bartelt bei einem Besuch.

Der Schutz des Kindeswohls habe oberste Priorität, sagte Bellino, Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Die jungen Opfer von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch müssten bestmöglich ärztlich versorgt und die Beweise gerichtsfest gesichert werden – ohne dass es dabei zu einer weiteren Traumatisierung käme.

Genau dies will die im November 2010 gegründete Kinderschutzambulanz leisten. Sie helfe bei der Erkennung und Sicherung von Misshandlungsbefunden, dokumentiere und kommuniziere diese in enger Kooperation mit den zuständigen Jugendämtern, aber auch mit Polizei und Justiz, erklärte der verantwortliche Arzt, Professor Matthias Kieslich.

Mehr als 400 Opfer wurden 2019 behandelt

Allein im Jahr 2019 seien dort mehr als 400 Opfer von Kindesmisshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung betreut worden, berichtete sein Kollege Dr. Marco Baz Bartels. Dabei sei die Verteilung auf Jungen und Mädchen etwa hälftig gewesen. Den weitaus größten Anteil mit 300 Fällen machten dabei körperliche Misshandlungen aus, gefolgt von sexuellem Missbrauch (ca. 90) und Vernachlässigung (ca. 50).

Dabei hätten die weitaus meisten Fälle (160) eine hohe Signifikanz gezeigt, wie Baz Bartels weiter ausführte, rund 70 immerhin noch eine mittlere Signifikanz, lediglich rund 30 Fälle waren gering auffällig oder ohne Gefährdung.

In den neun Jahren seit Start der Kinderschutzambulanz bis Ende 2019 seien 2415 Kinder und Jugendliche dort vorgestellt worden, so Baz Bartels: 398 stationär, 1356 ambulant und 661 als Konsil. Tendenz steigend. „Wir glauben aber nicht, dass Kinder mehr misshandelt oder missbraucht werden als früher; wir glauben, dass dies durch die höhere Bekanntheit der Ambulanz kommt“, meinte Baz Bartels zur Begründung.

Es ist sehr schmerzhaft zu sehen, dass Kinder nicht wegen eines Sturzes in die Klinik kommen, sondern weil Eltern, nahe Angehörige sie geschädigt haben.

Professor Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Uniklinikum Frankfurt

Durch die Einbindung in das Uniklinikum sei die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen wie Gynäkologie, Urologie oder Dermatologie möglich, erklärte Kieslich. Zudem sei die Kinderschutzmedizin dort sowohl Teil der studentischen Lehre wie auch der Weiterbildung. Diese mache die Frankfurter Kinderschutzambulanz deutschlandweit einzigartig.

Ärzte wie Politiker betonten die Bedeutung des hessischen Kinderschutzgesetzes von 2007. Nach mehreren spektakulären Misshandlungsfällen beschloss die damalige Landesregierung für Hessen als erstem Bundesland verpflichtende U-Untersuchungen.

Damit sei gewährleistet worden, dass Kinder in einem regelmäßigen Abstand Ärzten vorgestellt werden, um Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch aufzudecken, sagte Dr. Ralf-Norbert Bartelt, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.

Geradezu „visionär“ sei der Paragraf 4 des neuen Gesetzes gewesen, sagte Kieslich, der habe „für uns Mediziner eine neue Welt eröffnet, weil wir nicht mehr die Schweigepflicht brechen mussten“: Dieser Abschnitt regele, dass Ärzte befugt seien, Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls dem zuständigen Jugendamt zu melden.

Das zusätzliche Geld vom Land helfe der Kinderschutzambulanz sehr, sagte Professor Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, denn die Finanzierung könne durch die Abrechnung von Kassenleistungen allein nicht gedeckt werden. Jetzt solle das Angebot sogar erweitert werden.

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