Mitarbeitergesundheit

Schreckgespenst Industrie 4.0?

Bundesarbeitsministerium und Gesetzliche Unfallversicherung sehen im Zuge der Industrie 4.0 neue Herausforderungen beim betrieblichen Gesundheitsschutz.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:

BERLIN. Wird es in puncto Mitarbeitergesundheit zu Abstrichen kommen, wenn Unternehmen in Deutschland die vierte industrielle Revolution, die Industrie 4.0, realisieren und möglichst viele Produktions- und Arbeitsschritte auf Basis des Internets der Dinge digitalisieren?

In seinem aktuellen "Grünbuch Arbeiten 4.0" warnt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vor genau solchen Tendenzen, die es frühzeitig zu bekämpfen gelte. "Einerseits können körperliche Belastungen und Monotonie abnehmen, was ein wichtiger Schritt zur Humanisierung der Arbeitswelt sein dürfte.

Andererseits können ‚Change-Prozesse‘ und entgrenzte Arbeitszeiten Belastungen darstellen, die es zu bewältigen gilt", heißt es in dem Grünbuch. Die Arbeitsschutzgesetzgebung in Deutschland - und in Europa - müsse diesen Herausforderungen gewachsen sein, mahnt das Ministerium.

"Es kommt darauf an, den Wandel der Wertschöpfung nicht nur als technisches Problem zu beschreiben. Das ‚Internet der Dinge‘ muss als ‚Internet der Menschen und der Dinge‘ gestaltet werden", so der Appell.

Neue Herausforderungen warten

Auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) sieht sich im Zuge der Industrie 4.0 vor neuen Herausforderungen stehen.

In ihrer Kommentierung des Grünbuchs Arbeiten 4.0 weist sie ebenfalls darauf hin, dass eine auf Basis der zunehmenden Digitalisierung bevorstehende Verschiebung von vielseitig körperlich belastenden, manuellen Tätigkeiten hin zu eher einseitigen körperlichen oder geistigen Belastungen oder Kombinationsbelastungen auch zu einer Verschiebung der gesundheitlichen Beanspruchung führen könne.

Gleichzeitig würden viele Tätigkeitsprofile komplexer. "Hieraus können neue Herausforderungen für die arbeitsmedizinische Forschung und Betreuung entstehen", folgert die DGUV. "Auch ob dies zu neuen Berufskrankheiten führt, wird sorgfältig zu beobachten sein", heißt es ergänzend.

Die zukünftige Präventionsforschung muss sich nach Ansicht der DGUV den durch Digitalisierung veränderten Arbeitssystemen als Ganzes - Mensch, Organisation, Technik - zuwenden, um gesundheitliche Wirkungen zu erforschen und Lösungen zu entwickeln, bis hin zu Regeln für eine menschengerechte Gestaltung.

"Technische Entwicklung, arbeitsmedizinische und arbeitswissenschaftliche Forschung sind dabei gleichermaßen gefragt", lenkt sie den Blick auch auf das weite Feld der arbeitsmedizinischen Betreuung von Belegschaften, die heute teils schon an ihre Grenzen stößt.

Lücken klaffen hier besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen. Zumindest mittelfristig sind hier weitere Engpässe absehbar, da auch den Betriebs- und Werksärzte droht, selbst in die Demografiefalle zu laufen.

Die DGUV warnt in ihrer Kommentierung auch vor potenziellen Verwässerungen bisheriger Arbeits- und Sicherheitsstandards. Nicht zuletzt sei es eine Herausforderung für sie, dass insbesondere die digitale Arbeitswelt nicht an Landesgrenzen ende, sondern global und offen sei.

"Politik und Sozialversicherung müssen gemeinsam Wege finden, die hohen deutschen Standards für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit auch in diesem Kontext zu gewährleisten", fordert die DGUV.

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