Neue Daten

Cannabis schädigt wohl doch Herz und Hirn

Cannabis-Konsum erhöht offenbar doch das Risiko für Schlaganfall und Herzschwäche. Zumindest hat sich ein entsprechender Zusammenhang in einer umfassenden US-amerikanischen Analyse gezeigt.

Von Veronika Schlimpert Veröffentlicht:
Der Griff zum Joint ist offenbar doch gefährlicher als angenommen.

Der Griff zum Joint ist offenbar doch gefährlicher als angenommen.

© blickwinkel / dpa

WASHINGTON. Die Debatte um die potenziell schädlichen Wirkungen von Cannabis geht in die nächste Runde. Nachdem schwedische Wissenschaftler kürzlich eher Entwarnung gegeben haben (wir berichteten), wurde in einer Datenbankanalyse der Cannabiskonsum nun als unabhängiger Risikofaktor für Herzinsuffizienz und Schlaganfall identifiziert.

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In die Analyse sind mehr als 20 Millionen Patientendaten aus über 1000 Kliniken eingegangen. Die Ergebnisse wurden bei einer Vorab-Pressekonferenz im Rahmen der American College of Cardiology Scientific Sessions (ACC) in Washington von Dr. Aditi Kalla vorgestellt.

Im Zuge der zunehmenden Legalisierung wäre es gut zu wissen, welche gesundheitlichen Effekte Cannabis mit sich bringe, sowohl die günstigen als auch die schädlichen, erläuterte die am Einstein Medical Center in Philadelphia tätige Kardiologin die Rationale für diese Untersuchung.

Cannabis als Medikament anerkannt

Mittlerweile ist Cannabis in 28 US-Bundesstaaten zu medizinischen Zwecken, teils aber auch für die Allgemeinbevölkerung legal erhältlich. Auch in Deutschland können schwerkranke Patienten Medizinalhanf legal in der Apotheke erwerben. Im Januar dieses Jahres hat sich der Bundestag nach jahrelanger Debatte nun auch zu einem Gesetz durchgerungen, durch das Cannabis offiziell als Medikament anerkannt wird. Ab sofort müssen Krankenkassen damit die Kosten für die Therapie im Regelfall erstatten.

Doch neben den positiven, hauptsächlich schmerzlindernden Wirkungen von Cannabis werden dem Kraut auch zahlreiche schädliche Effekte angelastet. Zunehmend in den Fokus geraten ist hierbei auch die kardiovaskuläre Gesundheit. Zahlreiche Fallberichte hätten einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Entwicklung einer Herzinsuffizienz, von zerebrovaskulären Störungen und einem akuten Koronarsyndrom beschrieben, berichtete Kalla.

Zusammenhänge wirklich kausal?

Doch fraglich ist, ob Cannabis wirklich kausal für diese Zusammenhänge verantwortlich gemacht werden kann. Denn als Rauschmittel wird Hanf in der Regel gemeinsam mit Tabak konsumiert und erwiesenermaßen ist Zigarettenrauchen ein bedeutsamer Risikofaktor für diverse Erkrankungen.

Daher haben sich schwedische Wissenschaftler erst kürzlich die Mühe gemacht, das vermeintlich erhöhte Schlaganfallrisiko durch den Cannabiskonsum isoliert vom Tabakkonsum zu untersuchen. Nach Adjustierung auf Tabak- und Alkoholkonsum konnten sie keinen eindeutigen Zusammenhang mehr feststellen.

Zum genau gegenteiligen Schluss kamen Kalla und Kollegen nach Auswertung einer nationalen Datenbankanalyse. Cannabiskonsum habe sich als unabhängiger Risikofaktor sowohl für Herzinsuffizienz als auch für zerebrovaskuläre Störungen herausgestellt, berichtete die Kardiologin. Auch in dieser Analyse wurde auf Tabak- und Alkoholkonsum adjustiert. In der Folge war das Risiko für Cannabiskonsumenten, eine Herzinsuffizienz beziehungsweise zerebrovaskuläre Störung zu entwickeln, immer noch signifikant um 10 Prozent (Odds Ratio [OR]: 1,1; p= 0,01) beziehungsweise 26 Prozent (OR: 1,26; p= <0,001) höher als für cannabisabstinente Personen.

Die Prävalenz von KHK und plötzlichem Herztod war bei den Cannabiskonsumenten ebenfalls erhöht. Dieser Zusammenhang war nach Adjustierung auf diverse kardiovaskuläre Risikofaktoren allerdings nicht mehr signifikant.

Cannabinoid-1-Rezeptoren im Fokus

Für die vermeintliche Risikoerhöhung hat Kalla auch eine Erklärung parat. Wissenschaftler hätten Cannabinoid-1-Rezeptoren auf menschlichen Herzmuskelzellen nachgewiesen, deren Aktivierung zu einer verminderten Kontraktilität der Zelle führe, erläuterte sie.

Als Limitation wies die Kardiologin darauf hin, dass womöglich nicht alle Patienten in dieser Analyse ihren Konsum wahrheitsgetreu angegeben haben. Denn in dem Studienzeitraum von 2009 bis 2010 war der Konsum in den meisten US-Staaten noch illegal.

So ließen sich bei den mehr als 20 Millionen Patienten 310.000 Marihuana-Konsumenten (1,5 Prozent) ausfindig machen. Allerdings konnten die konsumierten Mengen und die Anwendungsformen nicht erfasst werden. Daher müssten die in dieser Analyse gemachten Beobachtungen erst in weiteren Studien bestätigt werden, so Kalla.

In Anbetracht des retrospektiven Designs und der vergleichsweise moderaten Risikoerhöhung, die der Cannabiskonsum in dieser Analyse verursacht haben soll, ist die Frage um die vermeintlich schädlichen Wirkungen von Cannabis auch nach dieser Studie wohl noch nicht zufriedenstellend zu beantworten.

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