Gastbeitrag

Ein Insulinmangel-Diabetes wird oft verkannt

Typ-1-Diabetes und pankreopriver Diabetes wird nach Studiendaten häufiger falsch als Typ-2-Diabetes deklariert. Betroffene erhalten so nicht die angemessene Therapie.

Prof. Dr. Stephan MartinVon Prof. Dr. Stephan Martin Veröffentlicht:
Ein Insulinmangel-Diabetes wird oft verkannt

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Erkranken Erwachsene neu an Diabetes, dann handelt es sich beim überwiegenden Teil um Typ-2-Diabetes. Es gibt aber weitere sekundäre Diabetesformen. So kann sich auch im Erwachsenenalter ein Typ-1-Diabetes entwickeln, der sich häufig nur schwer von einem Typ-2-Diabetes abgrenzen lässt.

Vor einigen Jahren hat eine schwedische Arbeitsgruppe aufgrund von Autoantikörperstatus, BMI, HbA1c, sowie Insulin- und Insulinresistenzparametern fünf verschiedene Diabetescluster definiert, die sich sogar im Auftreten von diabetischen Komplikationen unterscheiden (Lancet Diabetes Endocrinol 2018; 6: 361). Bisher hat dies Einteilung in Cluster in die Praxis aber noch keinen Einzug gefunden.

Grobzuordnung mithilfe der Symptome

In der klinischen Routine lässt sich der Typ zunächst anhand verschiedener Komponenten des metabolischen Syndroms grob zuordnen. Arterielle Hypertonie, Hypertriglyceridämie und abdominelle Adipositas sprechen für eine Insulinresistenz und einen Typ-2-Diabetes. Wenn diese Marker nicht oder nur in milder Form vorliegen und wenn bei Diagnose die typischen Beschwerden wie Durst oder Gewichtsabnahme aufgetreten sind, spricht vieles für einen Typ-1-Diabetes oder allgemein ausgedrückt: für einen Insulinmangel-Diabetes.

Diese Unterscheidung hat therapeutische Konsequenzen: Bei einer Insulinresistenz ist in erster Linie eine Lebensstil-Änderung einzuleiten. Diese zeigt allerdings bei einem Insulinmangel keine oder nur eine kurzzeitige Wirkung.

Außer Typ-1-Diabetes tritt ein Insulinmangel bei Pankreaserkrankungen auf. So ist ein Diabetes mellitus nach akuter oder chronischer Pankreatitis eher durch einen Insulinmangel charakterisiert. Das erstmalige Auftreten eines Diabetes mellitus in Verbindung mit einem Gewichtsverlust im mittleren Alter kann auch ein Hinweis auf ein Pankreaskarzinom sein (JAMA Oncol. 2020; 6: e202948). So kam kürzlich eine schlanke und sportliche 55-Jährige mit der Diagnose Typ-2-Diabetes und mit Metformintherapie an unsere Klinik. Die Messung der Insulinproduktion sowohl basal als auch nach Glukagon ergab einen Insulinmangel. Eigentlich hätte man sich mit der Diagnose Typ 1 spätmanifest zufriedengeben können. Ich bestehe aber in solchen Fällen auf einer Abdomen CT/MRT oder einer Endosonografie. Hierdurch wurde ein Pankreas-Ca entdeckt, das jetzt erfolgreich operiert werden konnte.

Fast jeder zweite Insulinmangel-Diabetes falsch diagnostiziert

Die Häufigkeit der unterschiedlichen Diabetesformen bei Erwachsenen wurde auch in einer aktuellen bevölkerungsbasierten Kohortenstudie in Dänemark untersucht. Daten von 398 .456 Personen mit neu aufgetretenem Diabetes aus der Zeit von 2000 bis 2018 wurden ausgewertet (Diabetes Care. 2021; 44: 2045). In 96,2 Prozent wurde ein Typ 2 und in 2,3 Prozent ein Typ 1 diagnostiziert. Bei 1,5 Prozent der Fälle fand sich drei Monate bis vier Jahre vor der Diabetesdiagnose die Kodierung einer akuten oder chronischen Pankreatitis, sodass sie als pankreopriver Diabetes klassifiziert wurden.

Ein beträchtlicher Anteil dieser Patienten (44,9 Prozent) war jedoch von den behandelnden Institutionen als Typ-2-Diabetes kodiert worden und erhielt daher nicht die adäquate Therapie. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor einigen Jahren auch eine Studie aus England (Diabetes Care. 2017; 40: 1486). Hier waren neu aufgetretene Diabetesfälle im Erwachsenenalter aufgrund von entzündlichen Pankreaserkrankungen sogar häufiger als Typ-1-Diabetes. Wie in der dänischen Studie waren 87,8 Prozent dieser Patienten fälschlicherweise als Typ-2-Diabetes kodiert.

Im Gegensatz zu den komplexen Diagnoseclustern kann man den durch entzündliche Pankreaserkrankungen ausgelösten Diabetes mellitus durch die Anamnese identifizieren. Wie in vielen Bereichen der Medizin ist auch in der Diabetologie das Gespräch mit den Patienten die Basis für eine optimale Versorgung.

Prof. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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