Mythen und Fakten

Ernährung bei Diabetikern

Kaum ein Bereich der Medizin ist so von Dogmen geprägt wie die Ernährung. Da wird vieles gerade für Diabetiker propagiert, was wissenschaftlich nicht bewiesen ist, etwa das Thema Reduktionsdiäten oder der Stellenwert von Nahrungsergänzungsmittel.

Von Peter Stiefelhagen Veröffentlicht:
Für Diabetiker werden viele Ernährungstipps wie Reduktionsdiäten propagiert, deren Sinn allerdings umstritten ist. Gerade auf das Frühstück sollten Diabetes-Patienten wohl eher nicht verzichten.

Für Diabetiker werden viele Ernährungstipps wie Reduktionsdiäten propagiert, deren Sinn allerdings umstritten ist. Gerade auf das Frühstück sollten Diabetes-Patienten wohl eher nicht verzichten.

© Pixelbliss/Stock.Adobe.com

HAMBURG. Unser moderner Lebensstil führt zu deutlichen Veränderungen im Essverhalten. Immer weniger Menschen nehmen drei Hauptmahlzeiten ein, gleichzeitig vermindert sich die Aufnahme der Gesamtenergie durch diese Hauptmahlzeiten. "Diese veränderten Essgewohnheiten werden in Zusammenhang gebracht mit metabolischen Störungen", so Privatdozent Thomas Skurk aus München beim diesjährigen Diabetes-Kongress in Hamburg. Auch werde das Auslassen von Mahlzeiten zunehmend als eine Möglichkeit der Gewichtskontrolle gesehen.

Einflussfaktor Mikrobiom?

Die Leber ist der zentrale Ort für die Regulation der postprandialen Glukosetoleranz. "Beim Typ-2-Diabetiker ist typischerweise der postprandiale Glukosestoffwechsel gestört", so Skurk. So wird die endogene Glukoseproduktion nicht unterdrückt, die Insulinsekretion setzt verspätet ein, die Glukoseclearance aus der Zirkulation ist verlängert und die Suppression der Glukagonsekretion ist vermindert.

Hinzu kommt, dass die postprandialen Triglyceride höher und länger erhöht sind im Vergleich zu Stoffwechselgesunden; denn auch der Chylomikronenmetabolismus ist gestört, genauer gesagt die Insulinresistenz führt zu einer vermehrten Chylomikronenproduktion.

Doch nicht das viszerale Depot, sondern das intrahepatische Fett bestimmt den Grad der Insulinresistenz. Das erklärt, warum bei adipösen Menschen die Insulinempfindlichkeit nicht zwangsläufig verringert sein muss. Nach neueren Untersuchungen dürfte aber auch das Mikrobiom die Glukosetoleranz beeinflussen. "Doch ein konservatives Gewichtsmanagement verbessert die metabolischen Parameter unabhängig vom Mikrobiomprofil", so Skurk.

Bereits eine eintägige Überernährung induziert eine Insulinresistenz mit konsekutiver Erhöhung der Glukose- und Insulinspiegel in der Nacht. Dagegen entfalten stärkehaltige Supplemente zur Bettzeit einen günstigen Effekt auf den Blutzuckernüchternwert am folgenden Morgen.

"Snacking" vermeiden

Nach dem Auslassen des Frühstücks findet sich ein erhöhter Insulinspiegel, aber trotzdem eine verminderte Suppression der Fettoxidation nach dem Mittagessen. "Grundsätzlich scheint eine geringere Mahlzeitenhäufigkeit mit höherer Kalorienaufnahme energetisch besser zu sein, doch das Auslassen von Mahlzeiten sollte eher abends statt morgens stattfinden", so die Empfehlung von Skurk. Diabetiker mit einem späten Chronotyp, die nicht frühstücken, hätten eine schlechtere glykämische Kontrolle. Wichtig sei auch das Vermeiden von Snacking.

Rund 30 Prozent aller Diabetiker nehmen Nahrungsergänzungsmittel. Dazu gehören vor allem Magnesium, Chrom, Vitamin E und D. Studien zur Verwendung von solchen Nahrungsergänzungsmitteln bei Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko oder manifestem Diabetes weisen heterogene Ergebnisse auf.

Ausgewogene Ernährung

"Die Evidenz gründet sich vorwiegend auf epidemiologische Daten, es gibt nur wenige randomisierte kontrollierte Studien", so Dr. Katharina Weber, Düsseldorf. Alle nationalen und internationalen Fachgesellschaften empfehlen deshalb aufgrund unzureichender Evidenz nicht die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln, weder zur Reduktion des Diabetesrisikos noch zur Verbesserung der Stoffwechseleinstellung bei Diabetikern. "Eine ausgewogene Ernährung bietet eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen", so Weber.

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