Mit 17 Fragen

Menschen in häuslicher Pflege: Lebenszeitkalkulator berechnet Sterberisiko

Ein Web-basierter Algorithmus für alte und kranke Menschen soll die Versorgung in der letzten Lebensphase unterstützen. Es gibt aber auch Kritik an dem Online-Rechner.

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
jüngere Person hält die Hand einer Älteren, der ein Zugang gelegt wurde.

Um bei chronisch Kranken die Sterbewahrscheinlichkeit im nächsten halben Jahr zu berechnen, haben Forscher einen Algorithmus mit Fragen zu körperlichem und geistigem Gesundheitszustand entwickelt.

© CameraCraft / stock.adobe.com

Ottawa. „Wie lange habe ich noch?“ – Diese Frage hören Ärzte von alten und schwer kranken Menschen immer wieder. Angehörige eines Todkranken müssen über die wahrscheinlich nur noch kurze Lebenszeit informiert werden, sei es, um die letzten Dinge zu regeln, sei es, um palliativmedizinische Hilfe zu organisieren.

Kanadische Wissenschaftler haben jetzt einen Web-basierten Algorithmus vorgestellt, mit dessen Hilfe es möglich sein soll, die Sterbewahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten sechs Monate bei chronisch kranken Menschen individuell vorherzusagen. Konzipiert ist der Online-Rechner für gebrechliche alte Menschen in häuslicher Pflege.

Dazu müssen 17 Fragen zum körperlichen und geistigen Gesundheitszustand, zur Funktionalität und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen eingegeben werden. Das Ganze dauert nicht mehr als drei Minuten, dann gibt der RESPECT (Risk Evaluation for Support: Predictions for Elder-Life in the Community Tool) genannte Kalkulator die Angabe aus, mit welcher prozentualen Wahrscheinlichkeit innerhalb von drei Monaten, von einem und von fünf Jahren der Tod eintritt.

Vorhersage-Instrument bei 139.000 Menschen validiert

Ziel des Projekts sei es, die häusliche Pflege in Kanada zu verbessern, berichten Dr. Amy Hsu vom Bruyère Research Institute an der Universität Ottawa und ihre Kollegen (CMAJ 2021; online 5. Juli). Oft würden palliativmedizinische Maßnahmen zu spät eingeleitet, sodass in den letzten Lebensmonaten keine angemessene Lebensqualität sichergestellt werden könne. Ein Grund dafür sei der Mangel an validen prognostischen Informationen.

Hsu und Mitarbeiter haben bei 435.000 Menschen im Alter von über 50 Jahren, die sich zwischen 2007 und 2012 in häuslicher Pflege befanden, einen standardisierten Erhebungsbogen für Pflegebedürftige (RAI-HC: Resident Assessment Instrument for Home Care) ausgewertet, insgesamt mehr als 1,16 Millionen Bögen.

Knapp 24 Prozent dieser Menschen starben innerhalb von sechs Monaten. Mit statistischen Berechnungen identifizierten Hsu und Mitarbeiter jene Faktoren, die mit dem Tod assoziiert waren. Es folgte die Validierung des Vorhersage-Instruments in einer Kohorte von 139.000 Menschen in häuslicher Pflege. Die errechnete Sterbewahrscheinlichkeit innerhalb von sechs Monaten lag in der Studie zwischen 1,5 Prozent in der Niedrigrisikogruppe und 98,1 Prozent in der Hochrisikogruppe.

Vorausschauende Pflegeplanung wird möglich

Alterns- und Pflegeforscher Professor Stefan Görres von der Universität Bremen bewertet die Studie als „methodisch anspruchsvoll“, die Daten seien belastbar, heißt es in einer Mitteilung des Science Media Center (SMC). Neu bei RESPECT sei die Personalisierung des Todeszeitpunktes, so Görres. Damit werde scheinbar eine Grenze überschritten, jedoch entspreche die zu beantwortende Frage Anforderungen des medizinischen Alltags.

Das Instrument ermögliche eine vorausschauende Pflegeplanung oder den Beginn einer palliativen Pflege. Zugleich warnt Görres davor, die letzte Lebensphase zu „vermanagen“, „zur Freude all jener professionellen Dienstleister, die hier ein Geschäft wittern würden.“ Sterben werde aus Sicht der Versicherer ökonomisch kalkulierbar.

Lesen sie auch

Privatdozent Dr. Stefan Lange vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hält die Vorhersagegüte des Modells für gut, „wenngleich deutlich von einer perfekten Vorhersage entfernt.“ Es bleibe unklar, inwieweit die kanadischen Ergebnisse auf Länder mit anderen Versorgungsstrukturen übertragbar seien. Auch Lange warnt vor Missbrauch, etwa wenn solche Berechnungen nicht für eine verbesserte, sondern für eine minimalistische Versorgung benutzt würden.

„Einen nachgewiesenen Nutzen für den einzelnen Menschen von Vorhersagemodellen zu Mortalitätsrisiken gibt es aktuell nicht“, merkt Dr. Annette Rogge vom Klinischen Ethikkomitee des Instituts für experimentelle Medizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein an. Die Organisation von Pflege am Ende des Lebens bedürfe einer differenzierten Analyse und lasse sich nicht allein an einer vermuteten oder errechneten Restlebenszeit festmachen, meint Rogge.

„Vorhersagemodelle über Mortalitätsrisiken bringen die Gefahr der selbsterfüllenden Prophezeiung mit sich, indem sie zum einen Ängste, Depressionen und Selbstaufgabe beim Patienten auslösen können und von Versorgungsseite zu früh Leistungen vorenthalten werden könnten.“

Mehr zum Thema

Sarkopenie

Alt ja, aber schwach muss nicht sein

Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Doris Schmitt

Wenn Palliativmedizin richtig eingesetzt wird, nämlich nicht als Sterbebegleitung, sondern als Therapiebegleitung bei z.B. fortgeschrittener Krebserkrankung, braucht es keinen Kalkulator. Und vorbereitet auf das Lebensende sollten Menschen so früh wie möglich sein, wenn sie selbst noch alles regeln können.


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Nicht jeder führt sich den Beipackzettel gerne zu Gemüte. Ist aber doch wichtig zu wissen, wann ein Medikament kontraindiziert ist.

© Dan Race / stock.adobe.com

Unterschiedliche Fachinformationen

Oftmals abweichende Gegenanzeige trotz wirkstoffgleicher Arzneimittel

Die Frustration über die fehleranfällige Digitalisierung hat bei Ärztinnen und Ärzten im vergangenen Jahr zugenommen, zeigt das am Freitag veröffentlichte „Praxisbarometer Digitalisierung“ der KBV.

© baranq / stock.adobe.com

KBV-Praxisbarometer

Ärzte frustriert: Tägliche TI-Probleme in jeder fünften Praxis