Corona-Splitter der KW 26/2021

COVID-19: Über 80-Jährige brauchen unbedingt die zweite Impfdosis

Die aktuelle Corona-Studienlage: Hochbetagte bilden nach einer Dosis eines mRNA-Impfstoff nur wenig neutralisierende Antikörper. Und: Die Vakzine von CureVac erreicht nur im Alter bis 60 die geforderten WHO-Kriterien zur Wirksamkeit.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Viele Menschen leiden nach einer SARS-CoV-2-Infektion an Fatigue. Eine Impfung scheint sich hier nicht noch zusätzlich negativ auszuwirken.

Impfen im Alter: Wegen der Immunseneszenz ist die Wirksamkeit der Impfstoffe in der Regel reduziert.

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Update vom 2. Juli

Vor allem alte Menschen brauchen unbedingt die zweite mRNA-Impfdosis, betonen britische Forscher aus Cambridge. Sie haben die Immunreaktionen nach Impfung mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff bei 140 Probanden verglichen. Darunter waren eine Gruppe alter Menschen sowie jüngere medizinische Mitarbeiter. Ergebnis: Vor allem bei den über 80-Jährigen ergab sich eine deutlich geringere Immunogenität der Impfung. So hatte drei Wochen nach der ersten Dosis nur ein geringer Teil in dieser Altersgruppe ausreichende neutralisierende Titer. Nur wenige über 80-Jährige konnten zudem bereits nach einer Dosis Problemvarianten wie die Alpha- (britische) und die Beta (südafrikanische)-Variante neutralisieren. Nach der zweiten Dosis waren die neutralisierenden Antikörperantworten jedoch bei allen Teilnehmern ähnlich gut (Nature 2021; online 30. Juni).

CureVac teilt Ergebnisse zu seinem COVID-Impfstoffkandidaten CVnCoV in einer Pressemeldung mit. Trotz enttäuschender Resultate in der der HERALD-Studie (Phase IIb/III) will das Unternehmen die Zulassung der Vakzine weiterverfolgen. An der zulassungsrelevanten Studie haben 40.000 Probanden in zehn Ländern von Europa und Lateinamerika teilgenommen. Insgesamt traten 228 COVID-Fälle auf (83 Fälle in der Impfgruppe, 145 in der Placebogruppe). Die Wirksamkeit bei der Teilgruppe der 18- bis 60-Jährigen und über alle 15 Varianten:

  • 53 Prozent gegen eine Erkrankung jeglichen Schweregrades,
  • 77 Prozent gegen moderaten und schweren Krankheitsverlauf und
  • vollständiger Schutz vor Krankenhausaufenthalt oder Tod.

CureVac ist in laufendem Austausch mit der EMA für die Fortsetzung des Zulassungsverfahrens (Pressemitteilung von CureVac).

Update vom 1. Juli

Impfdurchbrüche bei mRNA-Vakzinen sind sehr selten, und auch dabei gibt es Schutz. Das berichten Forscher der US-Centers for Disease Control (CDC). Sie präsentieren Daten einer Real-World-Studie mit 3975 Klinikmitarbeitern in den USA, die mit den Vakzinen von BioNTech/Pfizer oder Moderna geimpft worden waren. 204 der Studienteilnehmer steckten sich in der Zeit zwischen Mitte Dezember und Mitte April an, davon waren 5 vollständig und 11 teilweise Geimpfte. Die Wirksamkeit gegen COVID betrug bei komplett Geimpften 91 Prozent und 81 Prozent bei Teilgeimpften. Unter den Infizierten wurde zudem bei den Geimpften im Vergleich zu den Ungeimpften eine 40 Prozent verringerte Viruslast ermittelt. Außerdem ergab sich für die geimpften Infizierten im Vergleich ein um 58 Prozent verringertes Risiko für eine fieberhafte Erkrankung. Und: Geimpfte Erkrankte mussten im Vergleich 2,3 Tage weniger das Bett hüten (NEJM 2021; online 30. Juni).

Update vom 30. Juni

Wer mit Maske Sport treibt, muss wohl keine Sorgen wegen eines Sauerstoffmangels haben. Laut einer randomisierten Cross-Over-Studie mit 20 gesunden Probanden, die auf einem Laufband trainierten, zeigten sich beim Tragen einer Maske zwar Beeinträchtigungen beim Sport. So war etwa das maximale Sauerstoffvolumen, das der Körper unter Belastung aufnehmen kann (VO2), reduziert, wenn die Teilnehmer auf dem Laufband eine Maske trugen. Allerdings waren die Beeinträchtigungen klinisch nicht bedeutsam, berichtet ein Team von der Cleveland Clinic in Ohio. Keiner der Teilnehmer habe das Training vorzeitig abbrechen müssen (JAMA Intern Med 2021; online 30. Juni).

Der COVID-Impfstoff von Moderna schützt wohl auch vor der Delta-Variante. Angaben des Herstellers zufolge konnten Antikörper im Blut von vollständig Immunisierten in Laborversuchen die Delta-Virusvariante neutralisieren. Die Blutproben der acht Teilnehmer wurden dabei eine Woche nach der zweiten Impfung mit der mRNA-Vakzine von Moderna entnommen. Geprüft wurde auch die Wirksamkeit gegen weitere SARS-CoV-2-Varianten, darunter die Gamma-, Kappa- und Eta-Variante. Auch bei diesen Varianten, ebenso wie bei der Delta-Variante, sei der Titer der neutralisierenden Antikörper nur „moderat reduziert gewesen“, schreibt das Unternehmen (Pressemitteilung von Moderna; online 29. Juni).

Update vom 29. Juni 2021

Neue Befunde sprechen für lang andauernde Immunität durch mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2, berichten Forscher der Washington University School of Medicine in St. Louis, US-Staat Missouri. Sie haben bei 14 vollständig mit den Vakzinen von BioNTech/Pfizer oder Moderna Geimpften antigen-spezifische B-Zellen im peripheren Blut und in Lymphknoten analysiert. Im Fokus war dabei die Dynamik virusspezifischer antikörper-produzierender Plasma-B-Zellen. Die Zahl solcher im Blut zirkulierender und IgG- und IgA-sezernierender Plasmazellen war am höchsten eine Woche nach der zweiten Impfung und drei Wochen später nicht mehr nachweisbar. Infolge der Plasmazellen-Antwort ergaben sich danach jedoch Höchststände bei SARS-CoV-2-neutralisierenden Antikörpern, die sowohl gegen das Ausgangsvirus als auch gegen Varianten schützten. Zudem fanden sich in Feinnadel-Aspiraten aus axillären Lymphknoten sogar zwölf Wochen nach der zweiten Impfung SARS-CoV-2-spezifische sogenannte „germinal centre“ (GC) B-Zellen. Dies bedeutet, dass die induzierte Immunreaktion sogar vier Monate nach Erstimpfung anhält und zu einer robusten humoralen Immunität führt (Nature 2021; online 28. Juni).

Genesene sind nach COVID-19 mindesten zehn Monate immun, schätzen Forscher der Universität Lübeck. Sie stellen vorläufige Studiendaten zu 412 Erwachsenen, die überwiegend milde oder moderate COVID-Symptome gehabt hatten. Gesucht wurde nach spezifischen anti-SARS-CoV-2 IgG-Antikörpern sowie einer Freisetzung von Interferon-γ. Der Botenstoff IFN-γ wird von T-Lymphozyten freigesetzt. Diese sind wiederum unverzichtbar, damit B-Lymphozyten Antikörper produzieren können. Ergebnis: Anti-SARS-CoV-2 IgG-Antikörper fanden sich auch zehn Monate nach Infektion bei 76 Prozent der Teilnehmer. Bei knapp 67 Prozent war darüber hinaus auch der IFN-γ-Test positiv. Im Schnitt waren 300 Tage nach Infektion noch 50 Prozent der Antikörper und der IFN-γ-Konzentrationen nachweisbar. Die Ergebnisse könnten bei der Entscheidung helfen, wann Auffrischungsimpfungen gegen das Virus nötig sind (medrxiv 2021; online 25. Juni).

Die meisten Krebspatienten erreichen eine Serokonversion nach Impfung mit der BioNTech/Pfizer-Vakzine, berichten Forscher aus Frankreich. Sie haben die Antikörpertiter bei 223 Patienten mit soliden Tumoren sowie 49 Klinikmitarbeitern drei bis vier Wochen nach der zweiten Impfung analysiert. Eine Serokonversion ergab sich zwar bei 94 Prozent der Patienten, die Antikörpertiter lagen aber deutlich unter denen von Gesunden. Vor allem Patienten mit Chemotherapie wiesen recht geringe Werte auf. Dies könnte ein Hinweis auf einen unzureichenden Immunschutz sein, so die Forscher. Solange nicht klar sei, wann der geeignete Zeitpunkt für eine zweite Auffrischungsimpfung ist, sollte darauf geachtet werden, dass sämtliche Personen im Umfeld der Patienten geimpft sind (Annals Oncol 2021; online 22 Juni).

Update vom 28. Juni 2021

Die Impfung mit Vaxzevria® bietet offenbar auch noch ein Jahr später einen Schutz vor SARS-CoV-2. Und ein noch längerer Impfintervall von 45 statt zwölf Wochen könnte die Immunantwort sogar verbessern. Zu diesen Befunden kommen Wissenschaftler um das Studienteam der University of Oxford in einer noch nicht begutachteten Veröffentlichung. Dafür hatten sie einen Teil der Probanden aus den Zulassungsstudien COV001 und COV002 des Vektorimpfstoffs AZD1222 neuerlich untersucht. Selbst bei nur einmal mit Vaxzevria® Geimpften fanden die Wissenschaftler knapp ein Jahr später noch immer Antikörper. Bei 30 Studienteilnehmern konnten die Forscher zudem zeigen, dass die Höhe der Antikörperspiegel (gemessen als ELISA-Units und als Korrelat zur Immunantwort) höher ausfällt, je länger der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung war. Bei einem Abstand von 45 Wochen waren die Titer viermal so hoch wie beim acht- bis zwölfwöchigen Impfabstand. Auch konnten die Studienautoren zeigen, dass bei einer dritten Impfdosis als Booster sowohl die Antikörperspiegel als auch die T-Zell-Antwort höher ausfielen als nach der zweiten Impfung (SSRN Pre Print 2021; online 28. Juni).

Lockdown-Maßnahmen wie Maskenpflicht haben die Zirkulation mehrere Erreger von Atemwegsinfektionen unterbunden, berichten Ärzte aus Singapur. So waren im Zusammenhang mit dem Lockdown in den Kalenderwochen 15 bis 22 so gut wie keine Enteroviren/Rhinoviren, Adenoviren, RS-Viren und Influenzaviren festzustellen. Das ergab ein Vergleich der positiven Testergebnisse auf die respiratorischen Erreger an drei großen Kliniken des Stadtstaates aus den Jahren 2019 und 2020. Mit Ausnahme von Enteroviren/Adenoviren, die 13 Wochen nach der Wiederöffnung im September 2020 wieder deutlich zunahmen, blieben die anderen Atemwegsviren im Vergleich zu den Vorjahren über das ganze Jahr selten (JAMA Network Open 2021; 4(6): e2115973).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage nun wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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