Ärzte Zeitung, 28.09.2004

Von Stammzellen profitieren bereits Krebspatienten

Forscher hoffen, das Spektrum der Therapiemöglichkeiten deutlich erweitern zu können / Zellen aus dem Knochenmark für Leukämiepatienten

Von Peter Leiner

Stammzellen sind derzeit wohl die am meisten begehrten Objekte in der medizinischen Forschung - adulte und embryonale Stammzellen gleichermaßen. Dabei wird oft aus dem Blick verloren, daß die Behandlung mit Stammzellen aus dem Knochenmark, immer mehr auch mit solchen aus dem Blut, bereits seit Jahrzehnten Patienten zugute kommt. Vor allem Menschen mit Leukämie oder mit Brustkrebs profitieren von der Behandlung mit den adulten Stammzellen aus Knochenmark oder Blut.

Der Nutzen adulter Stammzellen wird schon bei Patienten geprüft

Es gibt bereits klinische Studien, in denen der therapeutische Nutzen der Stammzelltherapie geprüft wird.

Adulte Stammzellen etwa aus dem Knochenmark, der Haut oder dem Gehirn sind in der Lage, zum einen sich ständig selbst zu erneuern und zum anderen sich in Zellen des Gewebes, dem sie entstammen, zu entwickeln. Embryonale Stammzellen hingegen, die aus frühen Embryonalstadien vier bis sieben Tage nach der Befruchtung gewonnen werden, können sich in jeden der mehr als 200 Zelltypen des Körpers verwandeln.

Viele Tests mit adulten Zellen sind bisher nur in Tierversuchen möglich

Bisher nur experimentell sind Studien mit Stammzellen, die geschädigtes Gewebe etwa bei Zirrhose reparieren sollen.

In den vergangenen Jahren häuften sich die Hinweise, daß adulte Stammzellen doch mehr können als sich nur in einen Zelltyp zu verwandeln. So wurde beobachtet, daß aus Blutstammzellen Hepatozyten, Skelettmuskelzellen, Astrozyten und Neuronen werden können. Doch mehren sich auch die Berichte, nach denen es sich nur um Verschmelzungen der Stammzellen mit Zellen des Gewebes, in das sie gewandert sind oder gespritzt wurden, handeln soll. Skepsis bleibt also.

Professor Catherine M. Verfaillie vom Stammzellinstitut in Minneapolis im US-Staat Minnesota hat schließlich im Knochenmark von Menschen außer den hämatopoetischen und den mesenchymalen Stammzellen einen weiteren Zelltyp entdeckt, der sich ihren Angaben zufolge in fast alle somatischen Zellen differenzieren kann. Sie bezeichnet ihn als multipotente adulte Stammzelle (MAPC), der sich gut in vitro züchten läßt, wenn auch schlechter als der gleiche Zelltyp von Mäusen. Derzeit wird im Tierversuch geprüft, ob er etwa zur Leber-Regeneration geeignet ist, wie Verfaillie auf einer Tagung in Minneapolis berichtete.

Klinisch bedeutsam ist die Therapie mit adulten Stammzellen außer bei Krebs inzwischen auch bei Herzerkrankungen geworden. Die erste größere Studie dazu - REPAIR AMI - soll den Nutzen der Stammzelltherapie nach frischem Herzinfarkt belegen. Denn aus kleineren Studien gibt es Hinweise, daß sich durch die Infusion adulter Stammzellen aus dem Knochenmark die linksventrikuläre Auswurfleistung verbessern läßt.

Noch wichtiger für die Therapie werden wohl hämatopoetische Stammzellen aus Nabelschnurblut werden, wie Professor Hans Schöler aus Münster sagt (Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 6, 2004, 565). Denn die Zellen riefen nach Transplantation weniger starke Abwehrreaktionen hervor als adulte Zellen aus dem Knochenmark oder dem Blut. Ein Problem besteht jedoch darin, daß aus etwa 50 bis 150 Milliliter Nabelschnurblut nicht so viele Stammzellen herausgefischt werden können.

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