Ärzte Zeitung online, 29.05.2017
 

Screening auf Prostatakrebs

Zur Risikoschätzung gehört mehr als der PSA-Wert

Für die Berechnung des Risikos für Prostatakrebs lohnt es sich, auf algorithmische Hilfe zurückzugreifen und sich nicht allein auf die klinischen Befunde zu verlassen.

Von Robert Bublak

Zur Risikoschätzung gehört mehr als der PSA-Wert

Verdacht auf Prostata-Ca: Jährlich werden in den USA und Europa mehr als zwei Millionen Männer einer Prostatabiopsie unterzogen.

© Springer Verlag GmbH

ROTTERDAM. In der "European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC)", deren 13-Jahres-Ergebnisse im Jahr 2014 veröffentlicht worden sind, hat sich gezeigt, dass ein PSA-Screening die durch Prostatakrebs bedingte Mortalität um gut ein Fünftel senken kann (Lancet 2014; 384: 2027–35). Allerdings hat sie auch die Nachteile demonstriert: Den 12 bis 13 von 10.000 Männern, die vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt werden, stehen mehr als 340 je 10.000 Männer gegenüber, bei denen durch das Screening Krebs entdeckt wurde, der ohne das Screening unbemerkt geblieben wäre.

Die hohe Zahl unnötiger Biopsien sowie das Maß an Überdiagnose und -therapie haben Urologen der Rotterdamer Erasmus-Universität veranlasst zu prüfen, ob sich die Gefahr solcher überschießender Maßnahmen reduzieren ließe (BJU Int 2017; online 12. Mai). Als Instrument bedienten sie sich dafür der algorithmengestützten, internetbasierten Risikorechner RC3 und RC4, die aus den ERSPC-Ergebnissen entwickelt worden sind (www.prostatecancer-riskcalculator. com/seven-prostate-cancer-risk-calculators).

Die Risikokalkulationen beruhen dabei neben dem PSA-Wert auch auf den Ergebnissen früherer Biopsien sowie von Tast- und Ultraschalluntersuchungen. Als Schwellenwerte zur Biopsie gelten ein allgemeines Prostatakrebsrisiko von mindestens 12,5 Prozent und ein Risiko für höhergradige Karzinome von 3 Prozent oder mehr.

Zunächst nahmen sich Peter Chiu und Kollegen die Daten von 10.747 Patienten vor, die sich in Rotterdam im Zuge der ERSPC-Studie zwischen 1993 und 2015 einer Prostatabiopsie unterzogen hatten. Als Indikation zur Biopsie hatte ein PSA-Wert von ≥ 3,0 ng/ml gegolten. Es waren insgesamt bei 67,9 Prozent der Beteiligten Komplikationen aufgetreten, wie Schmerzen, Hämaturie und Hämatospermie. 3,9 Prozent der Patienten hatten Fieber entwickelt, 0,9 Prozent mussten stationär behandelt werden.

Auf 7704 Biopsien ließen sich die Kriterien der Risikorechner anwenden. Hätte man die mit dieser Hilfe erzielten Schätzungen für das Krebsrisiko zugrunde gelegt, wären 35,8 Prozent der Biopsien, 37,4 Prozent aller Komplikationen, 39,4 Prozent der Fälle von Fieber und 42,3 Prozent der stationären Aufnahmen vermieden worden.

Jährlich werden in den USA und Europa mehr als zwei Millionen Männer einer Prostatabiopsie unterzogen, und es existieren Berichte, wonach bestimmte Komplikationen wie etwa Sepsis in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Durch den Einsatz der Risikorechner statt des alleinigen Blicks auf den PSA-Wert ließen sich Zwischenfälle und Kosten vermeiden, betonen Chiu und Mitarbeiter, besonders bei Männern mit Biopsien beziehungsweise Screeningteilnahmen in der Anamnese. Ihre Lehre: "Der beste Weg, Biopsiekomplikationen zu reduzieren, ist es, die Zahl unnötiger Biopsien zu senken."

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