Direkt zum Inhaltsbereich

Diabetes-Therapie

Der ewige Kampf zwischen Humaninsulinen und Insulinanaloga

Ein Thema, bei welchem noch kein Konsens gefunden wurde: Sind Humaninsuline wegen der Insulinanaloga zu vernachlässigen? Die DEGAM sagt nein und fordert, dass die Produktion der Humaninsuline in Deutschland aufrechterhalten bleibt.

Marc KehrmannVon Marc Kehrmann Veröffentlicht:
 Dr. Günther Egidi (links) und Dr. Bernardo Mertes (rechts)

„Innovative Insuline“ statt Humaninsuline? Das muss nicht sein, so die Einschätzung von Dr. Günther Egidi (links) und Dr. Bernardo Mertes (rechts) am Donnerstag beim DEGAM-Kongress. Die DDG und die DGIM vertreten eine andere Meinung in der NVL.

© Michaela Illian

Hannover. Die Therapie von Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes (T2D), die auf Insulin angewiesen sind, könne und sollte komplett mit Humaninsulinen erfolgen.

Diese These stellte Dr. Bernardo Mertes auf, der Leiter des CCB Diabetes Centrums, Frankfurt am Main, beim 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Hannover. Insulinanaloga bräuchte es dafür nicht, so der Diabetologe.

Bis dato gebe es keine Evidenz für die Überlegenheit von Insulinanaloga gegenüber Humaninsulinen, daher seien Humaninsuline nach wie vor das Mittel der ersten Wahl, betonte Mertes. „Die Frage ‚Brauchen wir noch Humaninsuline?‘ ist irrelevant. Sie sollte ‚Brauchen wir überhaupt Insulinanaloga?‘ lauten.“

Lesen sie auch

Humaninsuline ade?

Mertes kritisierte das Framing der Insulinanaloga der letzten Jahre: Es sei ein „geschicktes Marketing“ der pharmazeutischen Unternehmen gewesen, welches die Humaninsuline in ein schlechtes Licht gestellt habe.

Mit Humaninsulin „streikt der Stoffwechsel“, es kommt zum „Anstieg des HbA1c-Wertes“, zu „erheblichen Blutzuckerschwankungen“ oder „einer deutlichen Gewichtszunahme“. Die Liste an Behauptungen und Vorurteilen der letzten Jahre gegenüber Humaninsulinen sei lang: „Das ist Schwachsinn, das ist absoluter Schwachsinn“, entgegnete Mertes, musste aber auch eingestehen, dass das Marketing anscheinend funktioniert habe.

Zahlen des Arzneiverordnungs-Reports 2023, die Dr. Günther Egidi, Allgemeinmediziner und DEGAM-Mitglied, präsentierte, bestätigen den Durchbruch der Insulinanaloga: Während seit 2013 die Verordnung von Humaninsulinen konstant abnimmt, nimmt die von Insulinanaloga zu.

In der Nationalen VersorgungsLeitlinie zum Typ-2-Diabetes wird der Dissens deutlich: Während die „DEGAM und AkdÄ [Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft] keinen Vorteil langwirksamer Analoginsuline gegenüber NPH-Insulin“ sehen, präferieren „DDG [Deutsche Diabetes Gesellschaft] und DGIM [Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin] langwirksame Analoginsuline gegenüber NPH“.

Lesen sie auch

Rettet die Humaninsuline!

Der Hintergrund der hitzigen Debatte: Der Hersteller Sanofi hat bereits 2023 alle Humaninsuline vom Markt genommen. Novo Nordisk zieht nach und stellt ebenfalls die Produktion der Humaninsuline ein. Eli Lilly ist somit noch das einzige Unternehmen, welches Humaninsuline auf dem deutschen Markt vertreibt.

In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern die DEGAM und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) von der Politik: „Es müssen rechtzeitig Vorkehrungen getroffen werden, dass die Entscheidung von Novo Nordisk revidiert oder durch eine öffentlich geförderte Produktion beispielsweise in Osteuropa und deren Import nach Deutschland die weitere Versorgung sichergestellt wird.“

Lesen sie auch

T2D-Therapie geht auch ohne Insulinanaloga

Dass die Insulintherapie bei Patienten mit T2D auch ohne Insulinanaloga gelingen kann, zeigt das Frankfurter Modell. Es greift bei Patienten, bei denen die Lebensstilinterventionen und der Einsatz oraler Antidiabetika nicht ausreichend wirken und die nun auf eine Insulintherapie angewiesen sind.

Frankfurter Modell in der T2D-Therapie:

Grob lässt sich das Therapieschema im Frankfurter Modell wie folgt darstellen:

  1. Adaptation anderer Antidiabetika (etwa Metformin und SGLT2-Inhibitoren)
  2. Start mit 0,11 IE/kg NPH-Insulin zur Nacht
  3. Einwöchige Blutzuckermessung
    • Wenn Blutzucker < 200 mg/dL beziehungsweise HbA1c< 8,5 Prozent: Fortsetzung der Therapie
    • Wenn Blutzucker > 200 mg/dL beziehungsweise HbA1c> 8,5 Prozent: zusätzlich Normalinsulin zu den Hauptmahlzeiten
  4. Eskalation oder Deeskalation der Therapie-Form nach drei Monaten
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Early-onset-Diabetes

Jeder zweite junge Erwachsene erreicht Diabetesremission

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden

Vitamin-B12-Mangel

Frühzeitig erkennen, gezielt therapieren

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Wörwag Pharma GmbH & Co. KG, Böblingen
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Rückblick

Ein Jahr Alzheimer-Antikörper: Was sich getan hat

Lesetipps
Bei der Springer Medizin Gala wurden die Preisträger des Galenus-von-Pergamon-Preises und des Charity Awards gekürt.

© Marc-Steffen Unger

Preisträger gekürt

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2026

Ehrenamtliches Engagement beeindrucke sie nicht nur, „es berührt mich“, erklärte die einstige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

© David Vogt

Springer Medizin Gala

Preisträger des Springer Medizin Charity Awards feierlich gekürt