Direkt zum Inhaltsbereich

Qualitätsmonitor 2019

Frühchen in Deutschland – zu viele und oft schlecht versorgt

Ärzte schlagen Alarm: In Deutschland steigt die Zahl der Frühgeburten unter 1500 Gramm. Bei der Versorgung von Frühgeborenen gibt es zugleich große Qualitätsdefizite.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm haben schlechtere Überlebenschancen, wenn sie in Kliniken zur Welt kommen, die weniger als 34 Frühchen im Jahr versorgen. Das ergab eine Analyse für den Qualitätsmonitor 2019.

Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm haben schlechtere Überlebenschancen, wenn sie in Kliniken zur Welt kommen, die weniger als 34 Frühchen im Jahr versorgen. Das ergab eine Analyse für den Qualitätsmonitor 2019.

© Tobilander / stock.adobe.com

BERLIN. „Die Studienlage ist eindeutig“, berichtete Professor Rainer Rossi, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Vivantes-Klinikum im Neukölln. Internationale Untersuchungen belegten, dass Kliniken mit höheren Fallzahlen und besserer Ausstattung auch erfolgreicher arbeiteten, sagte er bei der Vorstellung des „Qualitäts-Monitors 2019“ am Donnerstag in Berlin. Der Report wird vom AOK-Bundesverband und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) zusammen mit der Gesundheitsstadt Berlin und den IQM herausgegeben.

Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm haben dem Report zufolge schlechtere Überlebenschancen, wenn sie in Kliniken zur Welt kommen, die weniger als 34 Frühchen im Jahr versorgen, wie Rossi berichtet. Die Sterblichkeit liegt in diesen Häusern sogar um 50 Prozent höher als in Kliniken, die im Jahr 91 Frühgeburten und mehr versorgten, so die Analyse auf Basis von AOK-Abrechnungsdaten.

Derzeit liegt die Mindestmenge bei 14. Der vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) ursprünglich auf 30 festgelegte Wert hatte nach Klagen vor den Sozialgerichten gekippt werden müssen. Um wenigstens Mindeststandards bei den Strukturen zu setzen, hatte der GBA in der Folge stattdessen die Personalanforderungen für die Frühchen-Versorgung nach oben geschraubt. Inzwischen haben sich die gesetzlichen Voraussetzungen allerdings verbessert. Man habe jetzt die Möglichkeiten, Konsequenzen zu ziehen, sagte Rossi.

„Jedes Jahr ohne ordentliche Mindestmenge hat in diesem sensiblen und komplexen Versorgungsbereich fatale Folgen für die betroffenen Kinder und ihre Eltern“, sagte AOK-Bundesverbandschef Martin Litsch am Donnerstag. Er warf Ländern und den Vertretern der Krankenhäuser eine „Strategie der Verschleppung“ vor.

In Deutschland wurden 2016 nach Zahlen der Selbsthilfe rund 11.000 Kinder vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren. Die Zahl der Frühgeburten unter 1500 Gramm habe zwischen 2008 und 2017 um 21 Prozent zugenommen, verwies Rossi.

Es gelte nun, zum einen die Frühgeborenen-Raten zu senken durch eine Strukturdiskussion für die Geburtshilfe und zum anderen neue, höhere Mindestmenge für Frühgeborene festzulegen“, forderte Rossi, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) ist.

Sinnvoll ist seiner Auffassung nach ein abgestuftes Versorgungskonzept. Je mehr Komplikationen es in einer Schwangerschaft gebe, desto eher sollte die Versorgung in einem höchstqualifizierten Zentrum erfolgen, so Rossi.

Wir haben den Bericht am 07.12 2018 um 12 Uhr ergänzt: Die Zunahme der Frühgeburtenrate bezieht sich nur auf die Frühchen mit einem Gewicht unter 1500 Gramm.

Lesen Sie dazu auch: AOK fordert Debatte über „Gelegenheitschirurgie“

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München

Seltene Erkrankungen

Primäre Immundefekte: Warnzeichen und Tipps fürs Labor

Das könnte Sie auch interessieren
Woman with diabetes standing on top of the hill and looking at camera

© Getty Images

Impflücken bei Chronikern

Grippeimpfung bei Diabetes: Risiko für Folgen senken

Anzeige | Viatris Germany GmbH
Die vergessene Reiseimpfung

© Milo Zanecchia | Getty Images

Impfen in der Praxis

Die vergessene Reiseimpfung

Anzeige | Viatris Germany GmbH
„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

© SrdjanPav | Getty Images

Impfkommunikation

„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

Anzeige | Viatris Germany GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Thailandpilz, Tierkontakt & Nagelpilz

© Iuliia Petrovskaia | iStock

Dermatophyten-Infektionen

Thailandpilz, Tierkontakt & Nagelpilz

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Typische Körperumrisse bei Achondroplasie

© BioMarin

Achondroplasie

Gezielte Therapie: erste Lebensjahre sind entscheidend

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioMarin Deutschland GmbH, Frankfurt am Main
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

© Pinit / stock.adobe.com / generiert mit KI

Pädiatrische cholestatische Lebererkrankungen

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Mirum Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Atypische Stirnfalten: Wo kommen sie her?

Tipps von KI-Expertin

So hilft Künstliche Intelligenz den MFA im Praxisalltag

Lesetipps
Eine Puppe liegt dreckig auf dem Boden.

© fotogeng / stock.adobe.com

Dissoziation

Umgang mit Trauma und PTBS: Was kann die Hausarztpraxis leisten?

Wenn das Bindegewebe im Becken an Spannung verliert oder geschädigt wird, droht ein Descensus genitalis. Wichtig sind Aufklärung und Beratung der betroffenen Frauen.

© H_Ko / Stock.adobe.com

Genitalsenkung

Descensus genitalis: Aktualisierte Empfehlungen auf S3-Niveau