Ärzte Zeitung online, 31.08.2017

Cannabis in der Medizin

Hungerstreik: Arzt kämpft für eine bessere Cannabis-Therapie

Das Gesetz zur Verordnung von Cannabis-Präparaten muss dringend nachgebessert werden, ist Dr. Franjo Grotenhermen überzeugt – und stellt das Essen ein.

Von Ilse Schlingensiepen

Hungerstreik: Arzt kämpft für eine bessere Cannabis-Therapie

Dr. Franjo Grotenhermen. Sein Hungerstreik sorgte auch unter Kollegen für Aufsehen.

© privat

KÖLN. Aus Enttäuschung über die Situation in der medizinischen Cannabis-Therapie hat Dr. Franjo Grotenhermen zu einem drastischen Mittel gegriffen. Der Privatarzt aus dem westfälischen Rüthen ist zwei Wochen lang in den Hungerstreik getreten. Von Mitte bis Ende August hat er auf jegliche Nahrungsaufnahme verzichtet. "Das, was ich erreichen konnte, habe ich in dieser Zeit erreicht", sagt er.

Mit dem Hungerstreik wollte er auf die großen Probleme hinweisen, die nach wie vor mit dem therapeutischen Einsatz von Cannabis verbunden sind. "Das ist mir gelungen." Grotenhermen beschäftigt sich seit 1994 mit dem Thema. Er ist Vorsitzender der 1997 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin und Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Verordnung von Cannabis als Medizin im Januar 2017 sei er geradezu euphorisch gewesen, berichtet der Arzt. Doch schnell kam die Ernüchterung. Er kann nicht nachvollziehen, dass die Preise für Cannabisblüten für Patienten drastisch in die Höhe gegangen sind. Der Bezug sei dadurch für viele Patienten, bei denen die Krankenkasse die Kosten nicht erstattet, zu einer unzumutbaren Belastung geworden, kritisiert er. Im Gesetzgebungsprozess habe die Politik immer beteuert, dass mit den Änderungen kein Aufschlag auf die Preise verbunden wäre. "Ich habe mich betrogen gefühlt", sagt Grotenhermen.

Die Bundesapothekerkammer begründet die Preissteigerung damit, dass die Cannabisblüten jetzt nicht mehr als Zubereitungen abgegeben werden, die als Fertigarzneimittel zugelassen sind, sondern als Rezepturarzneimittel, die vor Abgabe nach anerkannten pharmazeutischen Regeln zubereitet werden müssen.

Das größte Problem sieht Grotenhermen darin, dass die Verordnung von Cannabis auf Kassenkosten für die niedergelassenen Ärzte mit einer sehr großen Bürokratie verbunden ist. Hinzu komme die Bedrohung der Kollegen durch Regresse. Das schrecke viele ab, die Patienten fänden keine Behandler. "Das ist das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollten." Die Entscheidung darüber, ob schwerkranke Patienten Cannabis benötigen oder nicht, sollte ausschließlich in den Händen von Ärzten liegen und nicht bei Kassen, Behörden oder der Justiz, findet er. Die Diskussion darüber, bei welchen Indikationen der Einsatz Sinn mache, sollte wie bei anderen Arzneimitteln innerhalb der Ärzteschaft stattfinden. Es gehe ihm nicht darum, das Gesetz schlecht zu reden, betont Grotenhermen. "Ich sehe es nach wie vor als einen großen Schritt nach vorn." Es müsse aber dringend nachgebessert werden.

Auf seinen Hungerstreik hat Grotenhermen viel positive Resonanz erhalten, darunter auch von Ärzten. "Viele von ihnen teilen meine Ziele, sehen das Mittel des Hungerstreiks allerdings kritisch." Viele Reaktionen aus dem Ausland zeigten, dass Deutschland mit seinen Problemen kein Einzelfall ist. "Was das Thema Cannabis als Medizin angeht, sind die meisten Länder noch Entwicklungsländer."

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