Corona-Splitter der KW 38/2021

Remdesivir punktet bei nicht-hospitalisierten Hochrisiko-Patienten

Bei nicht-hospitalisierten Hochrisiko-Patienten hat die Gabe von Remdesivir über drei Tage offenbar einen deutlichen Effekt: Das Hospitalisierungsrisiko reduziert sich laut Hersteller um 87 Prozent.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Welcher ist immunogener – der Corona-Impfstoff von BioNTech oder der von Moderna?

Remdesivir: Das Medikament ist bisher zur Behandlung hospitalisierter, nicht beatmeter COVID-19-Patienten zugelassen.

© Ondrej Deml / CTK / dpa / picture alliance

Update vom 24. September

Neue Studienergebnisse zu Remdesivir: Phase-III-Daten zufolge reduziert das Virostatikum bei nicht-hospitalisierten Hochrisikopatienten, die Remdesivir i.v. an drei aufeinanderfolgenden Tagen erhalten haben, das Risiko für COVID-19 bedingte Hospitalisierung um 87 Prozent. Das berichtet der Hersteller Gilead. Den Angaben zufolge mussten lediglich 0,7 Prozent der mit Remdesivir behandelten Patienten (2 von 279) hospitalisiert werden, in der Placebo-Gruppe waren es 5,3 Prozent (15 von 283). Todesfälle traten in keiner der beiden Gruppen auf. Auch hinsichtlich des Sicherheitsprofils gab es keine Unterschiede zwischen Placebo- und Verum-Gruppe. Die Ergebnisse sollen in der kommenden Woche bei der virtuellen Konferenz „IDWeek 2021“ vorgestellt werden (Mitteilung von Gilead; online 22. September).

Update vom 23. September

Der deutsche Beitrag zur klinischen Forschung bei COVID-19 war bescheiden. Zu diesem Fazit kommt eine Studie von schweizer und deutschen Forschenden. Sie haben Studienleiter und -leiterinnen der insgesamt 65 in Registern identifizierten COVID-Studien per E-Mail um Informationen zum aktuellen Stand gebeten. Insgesamt wurden 27 Studien vollständig und 38 teilweise durchgeführt – erst 14 waren bis Anfang April 2021 abgeschlossen (21,5 Prozent). Von den durchschnittlich pro Studie geplanten Probanden wurden am Ende nur 13,4 Prozent rekrutiert (15 anstatt 106 pro Studie). Die auf einem Preprint-Server publizierte Studie wurde allerdings bisher nicht unabhängig begutachtet (F1000Research 2021, online 10. September).

Während der Pandemie hat es in den USA offenbar deutlich mehr Drogentote gegeben als davor, berichten Forscherinnen und Forscher der Brown University School of Public Health in Providence im US-Staat Rhode Island. Ausgewertet wurden Registerdaten von 470 an Überdosis Gestorbenen in dem Staat mit knapp 1,1 Millionen Einwohnern. Verglichen wurden die Zeiträume von Januar bis August, und zwar von 2019 oder 2020. Die Rate der Todesfälle stieg dabei von 29 Fällen pro 100.000 Personenjahre im Jahr 2019 auf 37 pro 100.000 im Jahr 2020. Ein Anstieg um relative 28 Prozent. Assoziiert mit den Todesfällen waren Isolation, psychische Stressoren, wirtschaftliche Probleme und Versorgung mit tödlichen Drogen. Opfer waren vor allem Männer und Singles. Über die Hälfte der Opfer 2020 hatten psychiatrische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen (JAMA Network Open. 2021; online 17. September).

Update vom 22. September

Frauen und generell Menschen mit Allergie in der Anamnese haben wohl ein höheres Risiko für allergische Reaktionen auf mRNA-Impfstoffe. Das hat eine US-Studie ergeben. Die Forscherinnen und Forscher haben im Rahmen einer Fall-Serie 22 Patienten, darunter 20 Frauen, mit Verdacht auf allergische Reaktionen nach Impfung mit einer mRNA-Vakzine untersucht. 15 Betroffene (68 Prozent) hatten allergische Reaktionen in der Anamnese. Bei allen Patientinnen und Patienten wurde ein Prick-Test und ein Basophilenaktivierungstest (BAT) mit ganzen mRNA-Vakzinen sowie einzelnen Komponenten, etwa Polyethylenglycol (PEG) und Polysorbat 80 gemacht. Keiner von ihnen entwickelte beim Prick-Test eine Immunglobulin E (IgE) vermittelte allergische Reaktion auf Impfstoffbestandteile. Die meisten Betroffenen reagierten jedoch im BAT positiv auf PEG, und alle hatten einen positiven BAT bezüglich der mRNA-Impfstoffe. Bei keinem Patienten und keiner Patientin war PEG IgE nachweisbar. Frauen und Menschen mit allergischen Reaktionen in der Anamnese haben offenbar ein höheres Risiko für allergische Reaktionen auf mRNA-Impfstoffe, resümieren die Autoren. Ursache dafür seien anscheinend meist nicht IgE-vermittelte allergische Reaktionen auf PEG (JAMA Network Open 2021; online 17. September). (ikr)

Update vom 21. September

Während der Pandemie hat die Zahl kurzsichtiger Kinder deutlich zugenommen. Das hat eine chinesische Kohorten-Studie ergeben. Forscher und Forscherinnen haben Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren aus der Hong Kong Children Eye Study untersucht. Sie verglichen Daten aus zwei Kohorten, und zwar von 1084 Kindern, die vor der COVID-19-Pandemie bis zu drei Jahre lang nachverfolgt wurden und einer Kohorte von 709 Kindern, die bis zu acht Monate nach Beginn der Pandemie nachverfolgt wurden. Es fanden in dieser Zeit Augenuntersuchungen und Befragungen statt. Die Ergebnisse: Die Zeit, die Kinder draußen im Freien verbrachten, verringerte sich in der Pandemie-Kohorte von etwa 1,5 Stunden täglich zu Beginn der Studie auf 25 Minuten acht Monate später. Die Zeit, die Kinder am Bildschirm verbrachten, hatte sich mehr als verdoppelt, von etwa 2,5 Stunden täglich auf beinahe sieben Stunden. Und: Die geschätzte 1-Jahres-Inzidenz für Myopie stieg von etwa 16 Prozent vor der Pandemie auf etwa 27 Prozent nach Beginn der Pandemie, hat das Team aus ihren Daten berechnet. (JAMA 2021; online 21. September). (ikr)

Die Immunantwort auf SARS-CoV-2-Proteine nach COVID-Impfung führt nicht zur Bildung von Anti-PF4-Antikörpern bei der vakzin-induzierten immunthrombotischen Thrombozytopenie (VITT). Das hat eine aktuelle Studie eines Teams der Universitätsklinik Tübingen ergeben. Das Team hatte bereits in früheren Untersuchungen festgestellt, dass die Bildung von Antikörpern gegen das Protein „Plättchen-Faktor 4 (PF4)“ die Ursache von VITT ist, erinnert die Uni in einer Mitteilung. Der Zusammenhang zwischen einer Impfung und der Bildung von Anti-PF4-Antikörpern ist jedoch bislang nicht geklärt. In der aktuellen Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun den Zusammenhang zwischen der Immunantwort auf den Impfstoff und der Entwicklung von Anti-PF4-Antikörpern: Bei geimpftem medizinischen Personal (n=101) und bei Patienten (n=59) mit klinischem Verdacht auf VITT nach Impfung mit Vaxzevria® verglich das Team die Anti-PF4-Antikörper und die Antikörper gegen verschiedene Antigene des SARS-CoV-2-Spike-Proteins. Sie fanden keine Korrelation zwischen der Menge an Anti-PF4 - und Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern in allen Gruppen, heißt es in der Mitteilung zur Publikation. Zudem unterschieden sich die Werte der Anti-SARS-CoV-2-Antikörper nicht signifikant zwischen geimpften Personen ohne Komplikation und Patienten mit VITT. Die Forscher kommen daher zu dem Schluss, dass die Immunantwort gegen SARS-CoV-2-Proteine nicht zur Bildung von Anti-PF4-Antikörpern bei VITT führt. (NEJM 2021, online 25. August). (ikr)

Update vom 20. September

Kleine, mit Viren beladene Tröpfchen in der Luft sind länger infektiös als bisher angenommen. Das berichten Forscherinnen und Forscher der TU Wien. Sie haben mit Computersimulationen die Ausbreitung von Tröpfchen und Atemluft bei unterschiedlichen Umgebungsparametern berechnet, etwa bei unterschiedlicher Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Zusätzlich führten sie Experimente mit einem Kopf aus Kunststoff durch. Dieser hatte eine Düse mit einem elektromagnetisch gesteuerten Ventil. Damit ließ sich präzise ein definiertes Gemisch aus Tröpfchen und Gas versprühen. Mit Hochgeschwindigkeitskameras wurde der Vorgang aufgezeichnet. Kleine Tröpfchen bleiben dabei eine Größenordnung länger in der Luft, als bisher gedacht, so Studienautor Professor Alfredo Soldati in einer Mitteilung der TU. Der Grund: Für die Verdunstungsrate der Tröpfchen ist nicht die relative Luftfeuchtigkeit der Umgebung entscheidend, sondern die lokale Feuchtigkeit in der ausgeatmeten Luft. Diese ist aber viel feuchter als die Umgebungsluft (PNAS 2021; online 14. September)

Auch sechs Monate nach Impfung bleibt die BioNTech/Pfizer-Vakzine hochwirksam und sicher mit einem akzeptablen Risikoprofil. Das hat ein Follow-up einer Placebo-kontrollierten Studie zu Comirnaty® ergeben. An der noch andauernden Studie in 152 Zentren in sechs Ländern (USA, Brasilien, Argentinien, Südafrika, Deutschland, Türkei) nehmen 44.165 Erwachsene ab 16 Jahre und 2264 Heranwachsende (12–15 Jahre) teil. Je etwa die Hälfte der Gruppen waren mit zwei 30μg-Dosen des Impfstoffs oder mit Placebo im Abstand von 21 Tagen geimpft worden. Die Erwachsenen-Impfung fand Ende Juli bis Ende Oktober 2020 statt, die Heranwachsenden-Impfung Mitte Oktober 2020 bis Mitte Januar 2021. Ab dem siebten Tag nach Impfung ergab sich in den sechs sich anschließenden Monaten eine Wirksamkeit von 91,3 Prozent gegen COVID-19. Wobei der Impfeffekt in dieser Zeit etwas nachließ. Die Wirksamkeit gegen schwere Verläufe wird mit 96,7 Prozent beziffert. In Südafrika mit der Anfang des Jahres dominierenden Beta-Variante betrug die Impfstoff-Wirksamkeit sogar 100 Prozent (N Engl J Med 2021; online 15. September).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

Zu
Corona-Splitter der KW 38/2021 "Remdesivir punktet bei nicht-hospitalisierten Hochrisiko-Patienten".

Die Hersteller-Studie von Gilead, bei n i c h t-hospitalisierten Hochrisiko-Patienten hätte die Gabe von Remdesivir über drei Tage offenbar einen deutlichen Effekt, ist logisch nicht stimmig: Das Hospitalisierungsrisiko reduziere sich laut Hersteller um 87 Prozent, hat einen klitzekleinen Schönheitsfehler:

Wie kommt man bloß darauf, Hochrisiko-Patienten n i c h t stationär bei SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Erkrankungen zu behandeln?

Kein Wunder, dass die mit Placebo auf volles Risiko behandelten Patientinnen mehrheitlich stationär austherapiert werden mussten.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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