Direkt zum Inhaltsbereich

Ganzkörper-Screening mit MRT- mehr Nutzen oder Schaden?

Screening-Untersuchungen können für einzelne Patienten einen Nutzen haben - wenn etwa ein nicht entdecktes Karzinome in einem frühen Stadium diagnostiziert würde. Doch bei anderen Menschen müssen bei unklaren Befunden Folgeuntersuchungen wie Punktionen gemacht werden, die teuer sind oder Komplikationen machen. Wenn sich dann Befunde im nachhinein als harmlos herausstellen, haben Betroffene sicher nicht profitiert.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Nach einer Stunde auf der Liege weiß Herr N. zwar nicht alles über sich. Aber er erfährt doch eine ganze Menge über seinen Körper, der ihm bisher keine Probleme gemacht hat.

Wie alle anderen 250 Manager, die die Ärzte des Instituts für klinische Radiologie des Klinikums Großhadern in den letzten Monaten in Zusammenarbeit mit zwei Münchner Betriebsärzten mittels Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie (MRT) untersucht haben, hielt Herr N. sich für gesund, als er den Raum mit dem Scanner betrat.

Den Raum verließ er mit der Diagnose periphere arterielle Verschlußkrankheit (pAVK). Damit konnte er sich noch glücklich schätzen. Bei anderen wurde ein Nierenkrebs oder ein Myokardinfarkt entdeckt. Durch die einstündige Untersuchung waren sie, die vermeintlich Gesunden, zu Patienten geworden.

Als strahlenfreie Methode gilt MRT fürs Screening als ideal

Als schmerzloses Verfahren ohne Röntgenstrahlen ist die MRT prädestiniert für Screening-Untersuchungen. Fortschritte bei der Hardware und bei den Untersuchungsprotokollen haben in letzter Zeit technische Hindernisse beseitigt. Mit dem jetzt in München aufgestellten Gerät einer Feldstärke von drei Tesla kann eine kombinierte Untersuchung des Gefäßsystems, des Zentralnervensystems, des Herzens, der Lunge und der Bauchorgane in einer Stunde bewältigt werden, ohne daß der Untersuchte umgelagert werden müßte.

"Eine solche Screeninguntersuchung hat auf den Einzelnen bezogen einen Nutzen", ist Privatdozent Dr. Stefan Schönberg überzeugt. Es gibt sie, die Menschen, bei denen unbekannte Karzinome im günstigen Frühstadium entdeckt werden, oder jene mit stummen Herzinfarkten, die von einer medikamentösen Therapie mit großer Wahrscheinlichkeit profitieren.

Ein glühender Verfechter eines generellen MRT-Screenings aber ist Schönberg trotzdem nicht. Zu zahlreich sind die Unbekannten: Wieviele falsch positive Befunde führen zu teurer oder sogar schädlicher Zusatzdiagnostik? Welche psychischen Auswirkungen kann ein falscher Krebsverdacht haben? Was tun mit pathologischen Befunden, bei denen der Nutzen einer Therapie fraglich ist?

In einer Studie wird der Nutzen eines MRT-Screenings geprüft

Einige dieser Fragen hoffen Schönberg und seine Kollegen mit ihrer auf mindestens fünf Jahre angelegten Studie beantworten zu können. Die Zwischenergebnisse faßte Schönberg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" zusammen: "Knapp jeder dritte hatte Gefäßabbrüche am Unterschenkel. Bei fünf Prozent der Probanden war die Herzuntersuchung auffällig. Darunter waren zwei Personen mit stummen Myokardinfarkten. Tumoren fielen bei zwei bis drei Prozent auf, darunter Meningeome und Nierenzellkarzinome."

Dr. Susanne Ladd (vormals Göhde) von der Universität Essen berichtet in einer Untersuchung von ähnlichen Resultaten (AJR 184, 2005, 598). Von 298 gesunden Probanden zwischen 31 und 73 Jahren hatten zwölf Prozent eine pAVK und neun Prozent eine zerebrale Atherosklerose. Es gab zwei Probanden mit bis dato unbekannten Schlaganfällen, einen mit einem stummen Myokardinfarkt und neun mit gutartigen Lungenherden.

Gerade die Lungenbefunde illustrieren gut das Dilemma eines auffälligen MRT-Screenings. Die meisten derartigen Befunde sind harmlose Überbleibsel früherer Erkrankungen. Zur Klärung wäre eine Punktion nötig. Die aber ist gerade an der Lunge komplikationsträchtig. Um unnötige Punktionen zu vermeiden, wird in München etwa eine hochauflösende CT empfohlen, die nach sechs Monaten wiederholt wird.

Solche Zusatz-Untersuchungen würden bei einem Screening erheblich zu Buche schlagen. Schönberg und seinen Kollegen ist das bewußt: Außer einer medizinischen Nutzenabwägung wollen sie zusammen mit den Betriebsärzten eine ökonomische Auswertung machen. Einen breiten Einsatz der Ganzkörper-MRT als Check-up lehnt Schönberg ab.



Wann ist Ganzkörper-Diagnostik sinnvoll?

Das Screening von Gesunden ist vielleicht das faszinierendste Anwendungsgebiet der radiologischen Ganzkörper-Untersuchung. Größere Bedeutung hat sie aber bei Patienten. Hier konkurrieren MRT, CT und PET(Positronen-Emissons-Tomographie)/CT. Die Domänen der PET/CT sind Tumorstaging, Metastasensuche und Rezidivdiagnostik. Bei Tumoren wie hepatozelluläre und Nierenkarzinome, die den bei der Standard-PET eingesetzten Stoffwechselmarker F-18-Glukose schlecht anreichern, sind die MRT-Ergebnisse zum Teil ähnlich gut.

Die Gefäßdiagnostik wurde durch die MRT revolutioniert. Ganzkörper-Untersuchungen bei Atherosklerose-Patienten werden immer beliebter. Von wachsender Bedeutung ist die Ganzkörper-MRT auch in der Rheumatologie. Hier werden vor allem Patienten mit seronegativen Spondylarthropathien untersucht, um frühe Gelenkveränderungen festzustellen. Bei Patienten mit entzündlichen Muskelerkrankungen wird mittels Ganzkörper-MRT nach der günstigsten Biopsiestelle gefahndet.

Die reine Ganzkörper-CT ohne PET schließlich wird besonders in der Onkologie eingesetzt und ist die Methode der Wahl für den schnellen Überblick bei Unfallopfern mit Polytrauma. Auch in der Gefäßdiagnostik liefert die CT gute Ergebnisse, die denen der MRT ebenbürtig, am Herzen zum Teil noch überlegen sind. Einziger Nachteil ist die Strahlenbelastung. (gvg)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

5-Jahres-Daten aus PHERGain

HER2-positiver Brustkrebs: Weniger Chemotherapie möglich

Per Entschließungsantrag

Nach Krebserkrankung: Länder wollen ein „Recht auf Vergessenwerden“

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vitamin-B12-Mangel

Frühzeitig erkennen, gezielt therapieren

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Wörwag Pharma GmbH & Co. KG, Böblingen
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Seltene Kristallarthropathie nach Bypass-Operation

Lesetipps