Umweltmedizin

"Tschernobyl ist heute noch eine Katastrophe, eine stille Katastrophe"

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht: 26.04.2006, 08:00 Uhr

Ein kleines Mädchen sitzt in seinem Krankenbett in einer weißrussischen Klinik und lächelt verhalten in die Kamera. Es ist glatzköpfig wegen der Chemotherapie gegen ihren Schilddrüsenkrebs. Hinter ihr hängt eine Kinderzeichnung mit Weihnachtsbaum und Osterhase und einem ungelenk geschriebenen Gruß: "Guten Morgen, Anuschka."

Anuschka ist Opfer des Reaktorunglücks in Tschernobyl vor 20 Jahren. Trotz ihrer Krebserkrankung hatte sie Glück im Unglück. Denn die niedersächsische Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" lindert ihr Leid.

Mit medizinischem Gerät, Fortbildungen für die behandelnden Ärzte, Arzneimitteln und Erholungsaufenthalten. Professor Heyo Eckel, ehemaliger Ärztekammerpräsident in Niedersachsen und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung, nennt das "einen noblen Zug des Landtages". Bis heute ist die Stiftung bundesweit die einzige öffentlich-rechtliche Einrichtung für die Tschernobyl-Opfer, so Eckel. Er fordert, die Hilfe zu verstärken - und zwar auf europäischer Ebene.

Nach einer Delegationsreise des Niedersächsischen Landtages 1992 nach Weißrußland fiel die Entscheidung für die Stiftung "Kinder von Tschernobyl". Seither erhielten die Kliniken in der Unglücksregion unter anderem 217 Ultraschallgeräte im Wert von 8,6 Millionen Euro, 1,3 Millionen Euro für Medikamente und Hilfsmittel oder medizinische Fortbildungen und Hilfsgüter. Etwa 1,5 Millionen Euro stellte dafür die Landesregierung als Stiftungskapital zur Verfügung.

Das jährliche Spendenaufkommen liegt zur Zeit bei etwa 80 000 Euro sagte Sibylle Glosemeyer, Geschäftsführerin der Stiftung, "dazu kommen die Zinsen des Stiftungskapitals und Geld aus der Lotto-Toto-Stiftung." Auch mit Siemens, der Hersteller-Firma der Ultraschallgeräte, "haben wir einen guten Vertrag machen können", betont Eckel.

Die 22 niedersächsischen Ärzte , die regelmäßige Fortbildungen anbieten und die Region besuchen, arbeiten ehrenamtlich. "Alles Idealisten", sagt Eckel. Kollegen, die ihr medizinisches Wissen an die weißrussischen Ärzten weitergeben.

Ihre Hilfe zeigt Erfolg. "Seit geraumer Zeit gibt es keine Schilddrüsenkrebse im fortgeschrittenen Stadium oder Spätstadium mehr", berichtet Eckel. "Aber um die Spätfolgen des GAUs wirkungsvoll zu bekämpfen brauchen wir ein europäisches Hilfsprogramm. Dabei müssen die Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki Leitlinien unseres Handelns sein."

Noch gebe es nicht überall die diagnostischen Möglichkeiten, Schilddrüsenkrebs mit Hilfe von Ultraschallgeräten so frühzeitig zu erkennen, daß die Patienten erfolgreich behandelt werden können. Selbst wenn der Krebs rechtzeitig erkannt werde, fehle oft immer noch das Schilddrüsenhormon Thyroxin. Außerdem gibt es nach Worten Eckels in der verseuchten Region eine Häufung von Patienten mit Leukämie und Lymphdrüsenkrebs.

Die Stiftung und die MHH wollen die Tschernobyl-Hilfe auf europäischer Ebene anschieben. "Mit zwei Millionen Euro wäre uns schon enorm geholfen", sagte Eckel. Der Plan: Vorsorge-Untersuchungen für ein bis zwei Millionen der am stärksten betroffenen Menschen und Krebsnachsorge in Anlehnung an moderne Standards.

Allerdings flössen die EU-Gelder in der Regel in die Nothilfe bei aktuellen Katastrophen. Tschernobyl gehört nach der EU-Logik nicht mehr dazu. "Trotzdem", sagt Eckel, "Tschernobyl ist heute noch eine Katastrophe, eine stille Katastrophe."

Ab heute ist in der art gallery der NORD/LB, Friedrichswall 10 in Hannover, die Ausstellung "Tschernobyl 1986-2006. Leben mit einer Tragödie" zu sehen.

Lesen Sie dazu auch: Der Reaktor ging erst im Dezember 2000 vom Netz

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Tschernobyl läßt sich nicht in Zahlen fassen

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