Telemedizin

Der heiße Draht zum Doc

Ein Start-up bietet eine Plattform für Online-Sprechstunden und telefonische Arztbegutachtung. Der Service ist nicht nur für erkrankte Urlauber, die auf Nummer sicher gehen wollen.

Kerstin MitternachtVon Kerstin Mitternacht Veröffentlicht:
Digitaler Arztbesuch: Ein Start-Up aus München will das möglich machen.

Digitaler Arztbesuch: Ein Start-Up aus München will das möglich machen.

© angellodeco / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Im Urlaub auf Bali passiert es: Komplizierter Armbruch, der indonesische Arzt möchte operieren. Jetzt mit einem deutschen Arzt sprechen zu können und sich eine zweite Meinung einzuholen wäre gut.

Und das funktioniert: Ein Start-up aus München hat die "TeleClinic" gegründet, eine Plattform, die einen digitalen Arztbesuch ermöglicht. Abgerechnet wird, wie auch der reale Arztbesuch, mit der Krankenkasse.

"Der Patientin auf Bali konnte schnell geholfen werden. Ein Unfallchirurg ließ sich die Bilder auf TeleClinic hochladen, sprach daraufhin mit dem indonesischen Arzt und gemeinsam entschieden sie, nicht zu operieren. Der Arm wurde gegipst und die Patientin zurück in Deutschland operiert", berichtet der Arzt Professor Reinhard Meier, einer der Gründer, von einem Fall, der über die TeleClinic besprochen wurde.

Anruf oder E-Mail genügen

"Die TeleClinic ist eine Plattform, die es Patienten ermöglicht, sich an sieben Tagen der Woche von 6 bis 23 Uhr ärztlichen Rat zu holen oder Fragen zu ihrer Gesundheit zu stellen", sagt Katharina Jünger, Mit-Gründerin und Juristin.

Konkret bedeutet das, dass Patienten bei der TeleClinic anrufen oder eine E-Mail schreiben können, eine Krankenschwester hört sich das Problem an und organisiert daraufhin einen Arzt, macht mit dem Patienten einen Termin für einen Rückruf aus, und der Arzt meldet sich dann beim Patienten.

In dringenden Fällen rufe ein Allgemeinmediziner nach 5 bis 15 Minuten zurück. Ein Facharzt melde sich meist noch am selben Tag. "Einige Allgemeinmediziner sind in unser System eingeloggt und sehen, wenn ein dringender Fall reinkommt und können dann dementsprechend schnell reagieren", versichert Jünger.

Ärzte haben unterschiedliche Motivation

Je nach Wunsch können Patienten am Telefon oder per Videochat mit dem Arzt sprechen. "Natürlich ist die Website datenschutzgesichert und entspricht den deutschen Datenschutzbestimmungen. Sicherheit spielt bei uns eine sehr wichtige Rolle", so Jünger.

Patienten haben zudem die Möglichkeiten, Dokumente und Fotos auf die Plattform hochzuladen und zu speichern, wie bei einer digitalen Gesundheitsakte.

Die Ärzte der TeleClinic sind niedergelassene und Klinik-Ärzte. Die Motivation der Ärzte sei unterschiedlich: "Es melden sich Professoren bei uns mit sehr speziellem Fachwissen, die ihr Wissen der Plattform zur Verfügung stellen wollen. Viele Niedergelassene finden unsere Plattform spannend, sind neugierig und möchten deshalb mitmachen", erklärt Meier.

"Wir decken alle Fachrichtungen ab. 20 Allgemeinmediziner und Internisten sind registriert und über 100 Experten. Dazu gehören neben Fachärzten auch Hebammen, Stillberater und Physiotherapeuten", ergänzt Jünger.

Erste Versicherung mit im Boot

Meier: "Ich wähle nur in Deutschland zugelassene Ärzte aus, zu denen ich auch meine Familie und Freunde schicken würde. Ärzte, die Interesse an der Plattform haben, können sich bei uns melden. Wir geben ihnen dann drei Fälle, anhand derer die Emotionalität, das Wissen und die Kompetenz, am Telefon zu beraten, geprüft werden. Denn gerade die Beratung am Telefon liegt nicht jedem."

Die Kosten sollen ausschließlich von den Krankenkassen getragen werden. Derzeit kann jeder Patient TeleClinic 30 Tage kostenlos testen. Die Barmenia Versicherung ist die erste, die ihren Versicherten die Kosten für das telemedizinische Angebot erstattet. Das Interesse der Krankenkassen sei groß, berichtet Jünger.

Erste Patienten sind zufrieden

Das gelte vor allem in ländlichen und strukturschwachen Gebieten. "Wir wollen keine Parallelstrukturen aufbauen, sondern die vorhandene Kassenstruktur nutzen. Derzeit verhandeln wir mit vier weiteren gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen", so Jünger.

"Die Ärzte rechnen ganz normal mit uns ab, wie mit einer Abrechnungsstelle. Die Plattform werde über die Barmenia Krankenversicherung finanziert.

"Die ersten Patienten, die sich bei der TeleClinic gemeldet haben, sind zufrieden", berichtet Meier. Die Gründe und Fragen der Patienten seien sehr unterschiedlich: So meldeten sich Patienten mit akuten Beschwerden, allgemeinen Fragen zu Gesundheit und Prävention, es würden aber auch Fragen zu Medikamenten gestellt, eine Zweitmeinung eingeholt, oder der Patient habe nicht alles beim Arzt verstanden und möchte noch einmal nachfragen.

Praktisch für Mütter und Berufstätige

"Die Patienten sollen die Chance haben, bei Fragen nicht das Internet zu konsultieren, sondern direkt mit einem Arzt sprechen zu können", sagt Meier.

Viel gefragt seien die Fachbereich Orthopädie und Innere Medizin. Die Patientenstruktur bestehe bisher aus vielen über 50-jährigen und Familien mit Kindern. Gerade für Mütter und Berufstätige mit wenig Zeit sei die Plattform praktisch, heißt es bei der TeleClinic. Denn Patienten sparen sich Wartezeiten beim Arzt.

Bisher seien die telemedizinischen Möglichkeiten aufgrund des Verbots der ausschließlichen Fernbehandlung in der ärztlichen Berufsordnung noch begrenzt, aber auch hier komme Bewegung rein.

"Einige Ärztekammern denken derzeit darüber nach, für einzelne Pilotprojekte das ausschließliche Fernbehandlungsverbot zu lockern", berichtet Meier. Denn Diagnosen stellen oder Rezepte ausstellen dürfen die Ärzte bei der TeleClinic noch nicht.

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