Direkt zum Inhaltsbereich

Übergewicht

Schuldzuweisungen sind fehl am Platz

Familien dürfen beim Kampf gegen Übergewicht bei Kindern nicht allein gelassen werden. Mehr gesellschaftliches Engagement ist nötig.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Anders als bei Adipositas von Erwachsenen, bei denen Deutschland im europäischen Vergleich einer der Spitzenreiter ist, liegt Deutschland bei Kindern mit Adipositas im Mittelfeld.

Anders als bei Adipositas von Erwachsenen, bei denen Deutschland im europäischen Vergleich einer der Spitzenreiter ist, liegt Deutschland bei Kindern mit Adipositas im Mittelfeld.

© kwanchaichaiudom / Fotolia

Erst kürzlich hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mitgeteilt, dass der Anteil übergewichtiger Kinder bei Einschulungsuntersuchungen in Deutschland in den letzten Jahren nicht mehr zugenommen hat. Darauf sollte sich aber niemand ausruhen, denn noch immer ist rund jedes zehnte Kind in Deutschland schon zu dick, wenn es gerade erst in die Schule kommt.

Anders als bei Adipositas von Erwachsenen, bei denen Deutschland im europäischen Vergleich einer der Spitzenreiter ist, liegt Deutschland bei Kindern mit Adipositas im Mittelfeld. Das zeigt die von Professor Wolfgang Ahrens vom Leipziger Institut für Präventionsforschung koordinierte I.Family-Studie, eine große EUgeförderte Studie zu Übergewicht bei Kindern zwischen 7 und 17 Jahren, die in Brüssel vergangene Woche ihren Abschluss fand.

Quoten in Italien über 40 Prozent

Die I.Family-Studie, für die Daten von 16.000 Kindern aus acht europäischen Ländern ausgewertet wurden, unterscheidet zwischen Familien mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status (SES). In Deutschland sind demnach in Familien mit hohem SES rund 15 Prozent der Kinder übergewichtig oder adipös, aber rund 25 Prozent in Familien mit niedrigem SES. In kaum einem anderen Land ist der Unterschied zwischen Familien mit hohem und niedrigem SES so ausgeprägt. In Italien liegen die Quoten sogar bei über 40 Prozent, sind dort aber weitgehend unabhängig vom SES. Auf der anderen Seite gibt es Länder wie Belgien und Schweden, wo die Quoten bei hohem SES bei unter 10 Prozent liegen.

Neben dem Europavergleich ist an der I.Family-Studie vor allem spannend, dass die Wissenschaftler sich bemüht haben, prädisponierende Faktoren für Übergewicht im Kindesalter zu identifizieren, die im Umkehrschluss Ansatzpunkte für Präventionsbemühungen geben könnten. So bewegen sich europäische Kinder beiderlei Geschlechts viel zu wenig: 60 Minuten körperliche Betätigung am Tag, sei es Sport oder draußen spielen, das erreicht im Mittel nicht einmal jedes dritte Kind.

Das Umfeld ist entscheidend

Herausarbeiten konnten die Experten auch, dass das Umfeld eine bedeutende Rolle spielt. Es mag Gene geben, die Übergewicht begünstigen, viel wichtiger sind aber äußere Faktoren.

So werden Kinder aus Familien, in denen während des Essens ferngesehen wird, eher übergewichtig, genauso Kinder, die in ihrem Kinderzimmer einen Fernseher haben und generell Kinder, die pro Tag mehr als eine Stunde fernsehen. Es kommt außerdem darauf an, was geschaut wird. So trinken Kinder, die mehr Privatfernsehen mit seinen zahlreichen Werbeunterbrechungen konsumieren, mehr Softdrinks, und zwar unabhängig von der Gesamtzeit des Fernsehkonsums.

Auch das soziale Umfeld und die Wohnumgebung bleiben nicht ohne Einfluss: Kinder, die sich in Kreisen bewegen, in denen Übergewicht normal ist, werden eher übergewichtig. Und wenn Freunde, Kameraden oder Eltern körperlich aktiv sind, steigt auch das Aktivitätsniveau der Kinder. Genauso, wenn im unmittelbaren Wohnumfeld der Kinder Radwege, Sportplätze oder Parks existieren.

Studienleiter Ahrens zieht aus all diesen Daten den Schluss, dass Familien nicht mit dem Thema Übergewicht allein gelassen werden dürfen. Die Einflussfaktoren seien so vielfältig, dass es nicht nur individueller, sondern auch gesellschaftlicher und politischer Anstrengungen bedürfe, soll die Übergewichtswelle nachhaltig gestoppt werden.

Das sieht auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) so, die die Adipositas zu einem Schwerpunktthema ihrer Jahrestagung in Mannheim machen wird. "Unter anderem müssen wir das Lebensmittelangebot gesünder gestalten, und wir müssen gesunde Entscheidungen erleichtern. Niemand ist ausschließlich selbst schuld", sagte Ernährungsexperte Professor Hans Hauner von der TU München. Professor Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule Hannover kritisierte speziell die hohe Verfügbarkeit energiedichter Speisen und die ständig zunehmenden Portionsgrößen im Fast-Food-Bereich: Wer so mit Essen konfrontiert werde, müsse sich sehr stark willentlich kontrollieren. "Das kann nicht jeder. Impulsive Menschen sind da im Nachteil."

med@springer.com

25%

der Kinder in Deutschland aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) sind übergewichtig oder adipös. In Familien mit hohem SES liegt diese Quote zehn Prozentpunkte niedriger.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Urteil

Kostenfreie ärztliche Beratung als „verbotene Zuwendung“

Das könnte Sie auch interessieren
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Cardisio

© FOMF

Forum für medizinische Fortbildung

Eviplex: KI-gestützte Recherche speziell für den medizinischen Alltag

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Stürze vermeiden!

Synkopen wegen Blutdruck-Schwankungen: Worauf es dann ankommt

Global-Burden-of-Disease-Erhebung

Weltweit immer mehr Fälle von Anorexie und Bulimie

Lesetipps
Ein Kind erhält eine Spritze und schaut ängstlich weg.

© yanadjan / stock.adobe.com

Vom Schmerzgel bis zum Wiegenlied

Zehn Strategien gegen Impfstress

Die Rückseite eines jungen Mannes mit großflächigen Tätowierungen.

© PeopleImages / Getty Images / iS

Kasuistik

Lebensgefahr! Tattoo mit schockierenden Folgen

Nahaufnahme des rechten Handegelenks eines Patienten das mit einer Handgelenksschiene ruhig gestellt ist.

© Ondrej Novotny / stock.adobe.com

Therapie der ersten Wahl

Was bringt eine Handgelenksschiene beim Karpaltunnelsyndrom?