Ärzte Zeitung, 22.12.2009

Delegation ja - aber wenn, dann am ehesten an die eigene MFA

Neue Aufgaben für die Arzthelferin - nicht "ob", sondern "wie" ist die Frage. Vor neun Monaten wurden Agnes, Verah und Co die Türen zur Regelversorgung geöffnet, aber etabliert sind sie noch nicht.

Von Angela Mißlbeck

Die Formulierung lässt kaum Widerspruch der ärztlichen Körperschaften erwarten. Eine "Erweiterung der Delegationsmöglichkeiten ärztlicher und anderer Tätigkeiten zur Entlastung von Ärztinnen und Ärzten" kündigt die Bundesregierung im Koalitionsvertrag gegen drohenden Ärztemangel an. KBV und Bundesärztekammer (BÄK) begrüßen das: "Die Delegationsmöglichkeiten zu erweitern ist auch der Wunsch vieler Ärzte", sagte BÄK-Vize Cornelia Goesmann der "Ärzte Zeitung".

Die Gesamtverantwortung über Diagnostik und Therapie müsse jedoch beim Arzt bleiben. "Delegation statt Substitution" heißt die Losung der Ärzteschaft, wenn es darum geht, dass andere Gesundheitsberufe stärker in die Versorgung einbezogen werden sollen.

Ablehnend stehen die Standesvertreter daher einem direkten Zugang von Patienten zu Physiotherapeuten oder zu ambulanten Pflegediensten gegenüber. Bei der Delegation von Hausbesuchen an ihre Helferinnen sehen sie dagegen keine Probleme. Seit April ist das im Rahmen der Regelversorgung möglich. Der Ärztetag hat im Mai ausdrücklich begrüßt, dass dafür primär nicht Pflegekräfte, sondern Medizinische Fachangestellte vorgesehen seien. Er befand: "Ein bundesweiter und flächendeckender Einsatz von Krankenpflegepersonal mit einer AGnES-Fortbildung von mehr als 800 Stunden ist unter Versorgungs- und Finanzierungsaspekten nicht begründbar."

Wer kann es besser - die MFA oder die Schwester?

Gegen diese Position regt sich jedoch zweierlei Widerspruch. Vor allem beharren die Pflegeverbände darauf, dass mit den fortgebildeten Helferinnen Doppelstrukturen geschaffen würden und Pflegekräfte besser für die erweiterten Aufgaben geeignet wären. Die KBV fürchtet, dass sich die Fronten im Streit um eine neue Aufgabenteilung zwischen Ärzteschaft und Pflegeverbänden weiter verhärten könnten. KBV-Honorarexperte Bernhard Rochell fordert, dass der Gesetzgeber in der neuen Legislaturperiode festlegen müsse, wer was im Gesundheitswesen tut. Für gesetzgeberische Klarstellungen zur Aufgabenteilung und Kooperation der Berufsgruppen plädierte auch Pflegerechtsexperte Gerhard Igl.

Widerspruch kommt aber auch von den Urhebern des AGnES-Modells. Sie bezweifeln, ob die vorgeschriebene Fortbildungszeit von rund 200 Stunden ausreicht, damit die Assistenzkraft beim Hausbesuch ärztlichen Behandlungsbedarf sicher erkennen kann. Wissenschaftler der Uni Greifswald fordern, dass die Einführung der Modelle in der Regelversorgung begleitend evaluiert wird.

Nicht unstrittig ist zudem die zweite Bedingung für die Abrechnung der Hausbesuche in der Regelversorgung: Die Arztpraxis muss in einem unterversorgten Gebiet liegen. Röslers Amtsvorgängerin Ulla Schmidt war das ein Dorn im Auge. Sie wollte die Helferinnen gern in ganz Deutschland zum Einsatz kommen lassen und hat die Genehmigung zum Beschluss des Ausschusses mit einem Prüfauftrag verbunden. Geschehen ist noch nichts. Ob die im Koalitionsvertrag angesprochene "Erweiterung" auch diese räumliche Dimension umfasst, bleibt einstweilen im Vagen. Es wäre jedenfalls nicht gegen den Willen der KBV.

Hausärztlich: Verah

Die "Versorgungsassistentin in der hausärztlichen Praxis" hat der Hausärzteverband entwickelt. Die Ausbildung umfasst 200 Stunden - nach zwei Jahren Berufstätigkeit beim Hausarzt. Sie soll jedoch nicht vorrangig für Hausbesuche qualifizieren, sondern auch für arztentlastende Tätigkeiten in der Praxis, etwa Fallmanagement.

Der Prototyp: Agnes

Die "arztentlastende, gemeindenahe, e-health-gestützte systemische Intervention" wurde an der Uni Greifswald entwickelt, in mehreren Projekten erprobt und ist als einziges Modell evaluiert. MFA oder Schwester sind jedoch erst nach 800 Stunden Fortbildung zur Agnes qualifiziert. Die Start-Investitionen sind relativ hoch, zur Ausstattung der Agnes gehört ein mobiler Tablet-PC.

Bunt gemischt: MoNi, MoPra, EVA

Ein Curriculum der Bundesärztekammer, das explizit der Fortbildung von Helferinnen für delegierbare Hausbesuche dient, soll im Jahr 2010 kommen. Bereits jetzt sind jedoch zahlreiche regional unterschiedliche Modelle der KVen und Kammern entstanden. Sie setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte.

Inhalt Jahresendausgabe 2009

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »